Berlin - Er hat einen neuen Anzug gekauft und für seine Körperproportionen ändern lassen. Durchschnittsgrößen passen ihm ja nie, sagt er. Er hat unzählige Male den Brief gelesen, den er am Freitag im Bundestag vortragen wird, die Betonung geübt und sich vorgestellt, wie es sein wird, vor Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Abgeordneten im Hohen Haus zu sprechen. Und er ist, das gibt Sebastian Urbanski offen zu, sehr, sehr aufgeregt. Denn wenn der Bundestag an diesem Freitag an die Opfer der NS-Euthanasie-Morde erinnert, will er alles richtig machen. Der Schauspieler aus Pankow hat das Down-Syndrom. In der Gedenkstunde will er seine Zuhörer zum Nachdenken anregen. Auch durch sein eigenes Beispiel.

Es ist das erste Mal, dass der Bundestag diese Opfergruppe am Holocaust-Gedenktag besonders hervorhebt. Etwa 300.000 behinderte und kranke Menschen wurden während der NS-Zeit in ganz Europa systematisch getötet, zwangssterilisiert und wurden Opfer von Menschenversuchen. Zugleich ist es das erste Mal in der Geschichte des Bundestags, dass ein Mensch mit geistiger Behinderung im Parlament spricht, wie Ulla Schmidt (SPD), Bundestagsvizepräsidentin und Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe, betont. Und dieser eine ist nun eben er: Sebastian Urbanski, 38 Jahre alt, Berliner, Mitglied des Theater-Ensembles RambaZamba und Autor. Kein Wunder, dass er nervös ist.

Brief eines Opfers

Urbanski wird einen Brief von Ernst Putzki vorlesen. Putzki war 41 Jahre alt, als er im Jahr 1945 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurde. Zwei Jahre zuvor schrieb er aus einer hessischen Anstalt an seine Mutter. „Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen“, heißt es darin. „Man beerdigt die hautüberzogenen Knochen ohne Sarg.“ Der Brief wurde abgefangen und in die Patientenakte gelegt.

„Für mich ist wichtig, dass gerade ich diesen Brief vorlese und nicht ein anderer, sozusagen normaler Schauspieler. Es hätte mich ja damals auch betroffen“, sagt Urbanski bei einem gemeinsamen Interview mit Ulla Schmidt. Zur Begrüßung hat ihn die SPD-Politikerin herzlich umarmt. Sie wird im Bundestag in der zweiten Reihe sitzen und ihm die Daumen drücken, verspricht sie ihm. Die beiden kennen sich schon lange.

„Der Auftritt im Bundestag ist eine Ehre für mich“, sagt Urbanski. „Putzki war eine starke Persönlichkeit.“ Allein dessen genaue Sprache habe ihn sehr beeindruckt. Er wolle, dass an Putzki und all die anderen Euthanasie-Mordopfer in Würde gedacht werde. „Und ich möchte, dass sich das nie wiederholt.“

Angesichts des zunehmenden Rechtspopulismus und Nationalismus müssten alle Demokraten dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung nicht ausgegrenzt werden, sagt Ulla Schmidt. „Das Lebensrecht behinderter Menschen darf nie wieder in Frage gestellt werden. Sie gehörten in die Mitte der Gesellschaft. Oder, wie sie es auch formuliert: „Es gibt ein Menschenrecht auf Teilhabe.“

Von den Nationalsozialisten wurden Behinderte als „Volksschädlinge“ und „lebensunwert“ aussortiert. „Aber das Leben hat viele Facetten und jedes Leben ist lebenswert“, betont Ulla Schmidt. „Wir haben tolle Schauspieler, Musiker oder Menschen in sozialen Berufen mit Down-Syndrom, manches geht vielleicht ein bisschen langsamer, aber da ist sehr viel Potenzial.“

Sebastian Urbanski ist ein gutes Beispiel dafür. Als er 1986 in Pankow eingeschult wurde, galten Kinder wie er in der DDR als „bildungsunfähig“. Doch seine Eltern hatten ihm einen Schulplatz erstritten. Heute steht er für RambaZamba auf der Bühne, war im ARD-Film „So wie du bist“ und anderen Filmproduktionen zu sehen, war Synchronsprecher für den Hauptdarsteller Pablo Pineda im Kino-Film „Me too – wer will schon normal sein?“ und geht mit seiner Biografie „Am liebsten bin ich Hamlet“ regelmäßig auf Lesereise.

Im Theater und in der Familie hat sich Urbanski intensiv mit den Schrecken der NS-Zeit beschäftigt. Natürlich würden Behinderte heute nicht mehr ermordet, sagt er. „Aber dafür werden sie kaum noch geboren. Wir sind aber auch ein Teil der Gesellschaft. Das wird leider immer noch oft vergessen, wir werden einfach an den Rand geschoben.“

Dass sich nur wenige werdende Mütter für ihr ungeborenes Kind entscheiden, wenn bei Vorsorgeuntersuchungen das Down-Syndrom festgestellt wird, bedrückt ihn. „Ich möchte den Müttern sagen, dass sie ihren Kindern viel beibringen können. Es kommt vielleicht eine schwere Zeit auf sie zu, aber auch eine schöne.“

Wenn man auf die letzten Jahrzehnte zurückblickt, habe sich für Menschen mit Behinderungen sehr viel verbessert, sagt Ulla Schmidt. Dass wir heute über Inklusion und Teilhabe sprechen, sei vor 50 Jahren undenkbar gewesen. Aber der NS-Massenmord wirkt sich noch immer aus. „Wir haben jetzt erstmals eine Rentnergeneration von Menschen mit geistiger Behinderung“, sagt Schmidt. Es fehle aber an Erfahrung in der Altenpflege oder in Senioreneinrichtungen.

Auch die Stigmatisierung von psychisch Kranken und geistig Behinderten ist nicht überwunden. Das zeigt sich auch beim Gedenken an die Holocaust-Opfer. Während es seit Jahren üblich ist, die Namen der jüdischen Opfer zu verlesen, ist dies bei psychisch kranken oder behinderten Opfern nicht üblich – auch aus Rücksicht auf die betroffenen Familien. In vielen sei ja über die Verbrechen aus Scham geschwiegen worden, sagt Ulla Schmidt.

Falsch verstandene Fürsorge

Ein großes Problem für Menschen mit Behinderung sei heute eine falsch verstandene Fürsorge, sagt Schmidt. Sie werden versorgt, aber ihnen wird wenig zugetraut. Diese Einstellung zu ändern, sei mühsam. Das neue Bundesteilhabegesetz und die Debatten darüber seien aber ein wichtiger Schritt gewesen.

Warum hat es so lange gedauert, bis die Gedenkstunde im Bundestag dem Thema gewidmet wurde? Ulla Schmidt sagt, bisher sei es immer darum gegangen, Zeitzeugen wie KZ-Überlebende zu Wort kommen zu lassen. Es scheint aber auch, dass man es Menschen wie Sebastian Urbanski bisher nicht zugetraut hat, im Parlament zu sprechen. An diesem Freitag kann er die Zweifler eines Besseren belehren.