Holocaust-Überlebende: Esther Prishkolnik strickt Pullover für Babys in Berlin

Ihre Augen sind schwach, ihre Hände zittern. Dennoch strickt Esther Prishkolnik in langen Nächten ohne Schlaf. Sie strickt winzige Pullover und Jäckchen für Babys. Bunt, warm, ein kleines Zuhause zum Anziehen.

Esther Prishkolnik strickt dieses Zuhause für die Dreijährige, die sie einmal war. Das Mädchen Esther, das den Holocaust überlebte. Das Mädchen, das zur Waisen wurde, weil die Nazis ihre Mutter verschleppten. Ein Mädchen, das lange Zeit keine Wärme kannte.

Seit fast 70 Jahren lebt sie in Israel und hat nun Pullover für Kinder in Berlin gestrickt. Ausgerechnet. Weil sich so ihr Kreis schließt. Und weil die 81-Jährige nach alldem, was sie erlebt hat, ihren Glauben an Liebe und Frieden nicht verloren hat.

„Oma liebte schon immer Kinder und Babys“

Esther Prishkolnik hat eine Enkelin, sie heißt Lihi Koren. Die 28-Jährige ist es, die den Stein, oder besser das Wollknäuel in dieser Geschichte, ins Rollen bringt. Lihi Koren will, dass der rote Faden, der sich durch das Leben ihrer Oma zieht, zu einem Stoff verwoben wird, der die Zeit überdauert. „Oma liebte schon immer Kinder und Babys“, erzählt Lihi Koren.

„Und sie liebt es, für Kinder zu stricken.“ Die Arbeit gehe leicht von der Hand, sagt die Bobe, so das Jiddische Wort für Oma. Man sei so schön schnell fertig. Doch Lihi Koren glaubt nicht, dass dies allein der Grund für die Berge an Strickwaren ist, die ihre Oma produziert.

„Mit jedem Pullover, den Oma strickt, schenkt sie auch dem kleinen Mädchen auf der Flucht etwas. Dem Mädchen, das sechs Jahre lang allein in Waisenhäusern lebte und sich nichts sehnlicher wünschte, als die warme Umarmung einer Mutter.“ Wie wäre es, Omas Pullover in Deutschland zu verkaufen, fragt sich Lihi. Wie wäre es, wenn sich der Kreis auf diese Weise schließen würde?

Odyssee durch Waisenhäuser

Esther Prishkolnik wächst mit ihrer Familie in Krakau auf. Als die Gerüchte über die heranrückenden Deutschen immer schlimmer werden, flüchtet die Familie in die Ukraine. Esthers kleine Schwester ist sieben Monate alt, als ihre Mutter eines Morgens losgeht, um Milch für das Baby zu holen und nie wieder zurückkehrt.

Sie stirbt unter ungeklärten Umständen, deutsche Soldaten haben sie wahrscheinlich verschleppt. „Mit drei Jahren wurde ich zu einer kleinen Mama“, erinnert sich Esther Prishkolnik heute im israelischen Fernsehen an die traumatische Erfahrung.

Auf ihrer Odyssee durch Waisenhäuser, die schließlich in Sibirien endet, trägt sie nur ein Pelzmäntelchen und einen kleinen Koffer bei sich. Die Kälte ist ein ständiger Begleiter. Sechs Jahre verbringt das kleine Mädchen, dessen Vater für die Rote Armee arbeitet, in einem Waisenhaus in Sibirien.

In der Wärme Israels finden sich kaum Abnehmer für die Warmhalter.

Dort lernt sie stricken und hört nie wieder damit auf. „Sie strickte sich selber Pullover im Waisenhaus“, erzählt Enkelin Lihi. Als sie 1948 endlich in Israel in Sicherheit ist, macht sie die Handarbeit zu ihrem Beruf.

Esther Prishkolnik zieht zwei Söhne groß, arbeitet als Altenpflegerin und lebt heute in einem Altenheim in der Nähe von Tel Aviv. Als Enkelin Lihi noch ein Kind war, sprach die Oma selten über den Krieg.

Erst in den vergangenen Jahren gibt Esther Prishkolnik ihrer Enkelin stets die gleichen Dinge mit auf den Weg: Ehre deine Mutter, sei froh, dass sie da ist. Und: Zieh’ dich immer warm an. Und da sind sie wieder – die Strickpullover. Doch in der Wärme Israels finden sich kaum Abnehmer für die Warmhalter.

„Hier in Berlin sind die Winter kalt“

Erst als Enkelin Lihi die Geschichte ihrer strickenden Oma in einem Internetforum erzählt, beginnt ihre Idee Wirklichkeit zu werden. Lizana Brautmann, eine Immobilienunternehmerin mit Büro in Prenzlauer Berg liest von der strickenden Bobe und ist gerührt. „Kommt her“, schlägt sie vor.

„Hier in Berlin sind die Winter kalt, hier freuen sich Babys über wärmende Pullover.“ Als Lihi ihrer Oma den Vorschlag vorsichtig unterbreitet, ist sie von der Antwort ihrer Bobe überrascht.

„Nu, warum nicht“, antwortet Esther Prishkolnik. Die Enkelin fragt noch einmal lauter, vielleicht hat Bobe sie nicht richtig verstanden. „Das ist in Deutschland, Oma“, insistiert Lihi. Doch Bobe hat sehr wohl verstanden. „Na und? Die deutschen Babys haben mir nichts getan, sie verdienen es, sich im Winter warm und gemütlich in einen Strickpullover zu kuscheln.“

„Über 1000 Euro haben wir eingenommen“

So packen Lihi und ihre Oma einen großen Koffer voller Pullover und Jäckchen. Am vergangenen Sonnabend breitete Lihi Koren die bunten Kleider im Büro von Lizana Brautmann aus und wartete. Ein paar Flyer hatten sie im Kiez ausgehängt. Es gab Maronen, die Bobe so liebt, und die Mütter vom Prenzlauer Berg kamen.

„Über 1000 Euro haben wir eingenommen“, erzählt Lizana Brautmann. „Den ganzen Tag über haben wir Bobe per Whats App teilhaben lassen. Jedes der Kinder, die eine Weste oder einen Pullover bekamen, habe wir fotografiert und ihr geschickt.“ Die Großmutter war begeistert. Im kommenden Jahr soll es wieder einen Tag geben, an dem die selbstgestrickten Jäckchen in Berlin verkauft werden.

„Es ist wichtig für meine Großmutter, ihre Pullover in Deutschland zu verkaufen“, sagt Lihi. „Ihre Kunstwerke werden hier wertgeschätzt. Das hat einen therapeutischen Effekt für die ganze Familie. „Die Deutschen haben sich verändert“, sage ihre Oma.

Weltoffen seien sie, liberal. Auch die Flüchtlingspolitik Angela Merkels habe die Großmutter beeindruckt. „Ich habe verziehen“, sagt Esther Prishkolnik heute. Sie muss die Deutschen nicht mehr fürchten. „Wir kommen jetzt zu ihnen. Mit wunderbar warmen Pullovern.“