Berlin - Baumwurzeln haben die Pflastersteine gelockert und nach oben gedrückt, doch gleich hinter den Bodenwellen geht es wieder abwärts, denn tiefe Schlaglöcher tun sich auf. Die nächsten Gefahrenstellen sind schon in Sichtweite: Schachtdeckel, die aus dem Pflaster ragen, und grob hingeklatschte Asphalthügel, mit denen jemand vor Jahren ein paar Schäden ausgebessert hat.

Der Radweg auf der Nordseite der Seestraße in Wedding ist eine Berg-und-Tal-Bahn mit vielen Hindernissen – von denen fast jedes geeignet ist, einem den Lenker aus der Hand zu schlagen. Er ist ein Radweg wie viele in Berlin, trotzdem ist er etwas Besonderes: 2013 wird er endlich erneuert. Im Fall anderer Wege ist das unklar. Kaum dass das Sanierungsprogramm des Senats begonnen hat, drohen nun wieder Einsparungen.

Nicht nur Berlins Fahrbahnen bröckeln. „Auch bei den Radwegen ist der Sanierungsbedarf riesengroß“, sagt Bernd Zanke, der im Landesvorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) für die Verkehrssicherheit zuständig ist. Die Liste der Wege, die Zanke und seine Mitstreiter für erneurungsbedürftig halten, ist dementsprechend lang. Die Seestraße findet sich darauf, aber auch die Schönhauser und die Landsberger Allee, die Straße des 17. Juni sowie der Mehringdamm in Kreuzberg.

„Am dringendsten müssen die Radwege an Straßen mit sehr hoher Verkehrsbelastung saniert werden“, fordert das ADFC-Vorstandsmitglied. Denn meist müssen diese Trassen benutzt werden – Verkehrszeichen mit weißem Fahrrad auf blauem Grund zeigen das an. Nur wo kein solches Schild steht, dürfen die Radfahrer auf die Fahrbahn ausweichen. Allerdings fordert der ADFC dort ebenfalls einen guten Wegezustand. Auch wenn sie dort objektiv nicht sicherer sind, nutzen vor allem ältere und unerfahrene Radler lieber die Wege, die sich auf Gehweg-Niveau befinden.

Jahrelang hat der Senat zugelassen, dass die Radwege verkamen. Im Nachbarland Brandenburg ist das nicht anders. Zu den Radlern, die dort auf einem solchen Weg stürzten, gehörte sogar ein Finanzminister: Rainer Speer (SPD) kam 2007 an einer Baumwurzel zu Fall.

2012 wurde nur wenig gebaut

Inzwischen konnten die Planer in Berlin durchsetzen, dass es im Landeshaushalt den Titel 52.108 „Unterhaltung von Radwegen“ gibt. „Für 2013 sind zwei Millionen Euro eingestellt“, sagt Dieter Wagner aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. „Bisher sind 15 Radwege mit einer Gesamtlänge von 5,7 Kilometern mit den Bezirken zur Sanierung abgestimmt, weitere werden folgen.“ Dazu zählt ein Wegabschnitt an der Nordseite der Blücherstraße in Kreuzberg, wo es wie an der Seestraße auf und ab geht. Einige Projekte stehen auch auf der Wunschliste des ADFC: zum Beispiel die Radwege am Siemensdamm in Charlottenburg und an der Lessingstraße in Tiergarten.

„Doch die zwei Millionen Euro reichen nicht aus“, sagt Zanke. Zumal im vergangenen Jahr selbst von den wenigen geplanten Projekten nur ein Teil realisiert werden konnte: Eine Haushaltssperre führte dazu, dass sich bis Juni kaum etwas tat. Der Sanierungsrückstau bleibt groß. Trotzdem versucht die Finanzverwaltung wieder einmal, den Posten für die Radwegsanierung zu kürzen. Für den Doppelhaushalt 2014/15 hat Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) den Wunsch angemeldet, dass die jährlichen Ausgaben von zwei Millionen auf 2,5 Millionen Euro steigen.

Doch die Finanzplaner von Senator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) halten wie berichtet eine Million Euro für ausreichend und setzten den Rotstift an. „Wir erwarten, dass der Finanzsenator die angekündigte Kürzung umgehend zurücknimmt“, so Bernd Zanke. „Die Finanzmittel dürfen nicht verringert werden – im Gegenteil!“

Nußbaums Planer strichen auch die Anmeldung für den Haushaltstitel zusammen, aus dem neue Wege und Radfahrstreifen finanziert werden. Müller hatte eine Erhöhung von 3,5 Millionen auf vier Millionen Euro angemeldet, die Finanzer wollen nur 2,5 Millionen Euro pro Jahr herausrücken. Die Anmeldung für das Leihradsystem Call A Bike wurde halbiert – auf 0,5 Millionen Euro 2014. In Chefgesprächen und schließlich im Abgeordnetenhaus wird sich entscheiden, ob es wirklich dazu kommt.

Größere Aufstockungen, wie sie der ADFC fordert, hält aber auch Senator Müller für unrealistisch. „Wichtig ist, dass das Geld, das zur Verfügung steht, auch verbaut wird“, sagt er. Aber dafür fehle es in der Verwaltung an Personal.