Ein Obdachloser in Berlin.
Foto: dpa/Paul Zinken

BerlinTausende Obdachlose gibt es in Berlin, wie viele genau, ist nach wie vor unklar. Sicher aber ist: Sie sind dem Coronavirus schutzlos ausgeliefert. Die Berliner Sozialgenossenschaft Karuna fordert jetzt: „Holt die Menschen von der Straße! Gebt ihnen Hotelzimmer!“ Zusagen für 1500 Betten in Hotels habe man schon selbst von mehreren Betreibern eingeholt, sagt Karuna. Sie müssten nur noch bezahlt werden.   

Am Boxhagener Platz bei der Essensausgabe von Karuna sind es pro Tag rund 150 Obdachlose, die sich für ein warmes Mittagessen anstellen. Marcel, 37, ist einer von ihnen. Hastig löffelt er die ersten Löffel dampfendes Chili con Carne. Heute ist es die erste richtige Mahlzeit für ihn. „Zurzeit ist richtig schwer“, sagt Marcel. Die Zeitungsverkäufe in den Bahnen laufen schlecht, sagt er. „Die Leute haben Zukunftsängste, vielleicht auch Angst vor Ansteckung.“ Marcel hat Verständnis dafür – aber auch Hunger.

Keine Wohnung, kein Schutz vor dem Virus: "Wo soll ich denn hin?", fragt Marcel (37). 
Foto: Gerd Engelsmann

Viel Kontakt für wenig Kleingeld

Eigentlich ist oberste Bürgerpflicht in der Coronakrise: die eigene Wohnung hüten. Doch Marcel hat kein Zuhause. Mehr noch: Er ist wie so viele auf engen Kontakt zu anderen angewiesen, um sich aus Dutzenden Händen das Kleingeld für Mittagessen zu erarbeiten oder zu erbetteln.

Die Coronakrise trifft alle. Doch für jene, die vorher schon fast nichts hatten, geht es nun ums Überleben. Viele Notunterkünfte, in denen man vor Corona wenigstens für ein paar Stunden in der Nacht unterschlüpfen konnte, haben nun geschlossen – weil sie zu eng und auf zu viele Personen ausgelegt sind. Die Infektionsgefahr ist zu groß. Marcel schläft deswegen seit einigen Tagen draußen im Schlafsack. Ausgerechnet jetzt, wo Corona grassiert. Ausgerechnet jetzt, wo die Temperaturen wieder unter Null fallen.

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Auch Tafeln und viele Stellen zur Essensausgabe für Wohnungs- und Mittellose mussten dicht machen – die Ehrenamtlichen, die dort arbeiten, sind oft über 60 Jahre alt und zählen zur Corona-Risikogruppe. Die Einrichtungen wollen ihre Mitarbeiter schützen.

Viele Obdachlose fallen in die Corona-Risikogruppen

Die Lage an den wenigen verbliebenen Ausgabepunkten wie bei Karuna am Boxhagener Platz ist extrem angespannt: „Wir müssen hier Gewaltausbrüche verhindern“, sagt Jörg Richert von Karuna. „Kein Wunder, wenn die Leute drei Tage lang nichts gegessen haben.“

Jörg Richert von der Sozialgenossenschaft Karuna e.V. arbeitet mit Entwicklern, Startups und vielen Ehrenamtlichen daran, die Versorgung von Obdachlosen zu verbessern. 
Foto: Gerd Engelsmann

Richert warnt besonders vor der hohen Zahl an potenziellen Corona-Risikopatienten unter Obdachlosen. Viele Menschen mit schweren Vorerkrankungen leben auf der Straße. Seit Jahren schon beobachten die Sozialverbände eine steigende Zahl an Wohnungslosen mit Behinderungen und Pflegebedarf, der schon zu besten Zeiten nicht erfüllt werden kann. Auch im Fall einer Infektion stundenlang in Beratungs-Hotlines warten können Obdachlose nicht – viele haben ja nicht einmal ein Handy.

Karuna hat deswegen eine klare Forderung an alle deutschen Kommunen: „Die Leute müssen runter von der Straße, sofort“, sagt Richert. „Öffnet die Hotels für sie!“ Abertausende Hotelbetten stünden gerade leer, während rund 50.000 Obdachlose deutschlandweit in „akuter Lebensgefahr“ schwebten.

Senat stellt 350 Plätze zur Verfügung - Tausende Obdachlose gibt es

In Berlin sind die Bezirke für die Unterbringung der Obdachlosen zuständig. Stefan Strauss, Sprecher der Senatssozialverwaltung, sagte der Berliner Zeitung aber am Montag: „Der Senat sieht eine gesamtstädtische Verantwortung.“ 350 Wohnplätze sollen in den nächsten Tagen eingerichtet werden: 250 in einer Jugendherberge in der Kluckstraße in Mitte, 150 weitere in einer Notunterkunft an der Storkower Straße in Pankow. Bei voller Verpflegung, mit Securitydienst vor der Tür – und vor allem mit einem Zimmer für 24 Stunden am Tag, das man sich maximal mit einer anderen Person teilen soll. Man wolle beobachten, wie hoch die Auslastung sei – und gegebenenfalls nachsteuern, so Strauss.

Experten wie Richert kritisieren schon jetzt: 350 Plätze werden keinesfalls reichen. Bei der ersten Obdachlosenzählung im Januar wurden in ganz Berlin rund 2000 Obdachlose gezählt. Und die Sozialverbände gehen ohnehin von einer deutlich höheren Zahl aus – die Zählung im Januar war freiwillig, viele Obdachlose entzogen sich ihr. Andere Sozialverbände schätzen die Zahl der Berliner Obdachlosen auf rund 10.000. „Es braucht mehr Plätze und das schnell“, sagt Richert.

Charlottenburg-Wilmersdorf ist bisher der einzige Bezirk, der bei dem Thema vorprescht: Hier will das Sozialamt in den nächsten vier Wochen Hostels für Wohnungslose öffnen, in denen sie den ganzen Tag bleiben können.

Jeden Werktag verteilen Ehrenamtliche und Mitarbeiter von Karuna warmes Mittagessen am Boxhagener Platz: Jörg Richert, Friederike Schuster, Vaia Dedousi-Hübner, Peggy Holz und Micha Fleck (v.l.n.r.)

Helfer digitalisieren  sich, zahlen jetzt auch Bargeld aus

Bis der Senat tatsächlich Plätze für alle schafft, gehen Initiativen wie Karuna neue Wege, um ihr Klientel vor dem Virus zu schützen: Karuna verteilt zurzeit Bargeld - zehn Euro pro Tag - an jeden Obdachlosen, der will.  Mit dem Start-up Polyphon haben sie nach afrikanischem Vorbild über Nacht aus einem Eimer und zwei Kanistern eine Wasserpumpe gebastelt, an der sich Besucher am Boxhagener Platz jetzt die Hände waschen können. Das Do-It-Yourself-Waschbecken soll jetzt in Serie gehen. Dutzende Helferinnen nähen in Heimarbeit gerade Mundschutz für Obdachlose und ihre Helfer – 50.000 sind das erklärte Ziel. Mit einem weiteren Start-up arbeitet Karuna daran, per App und durch wiederholtes Ablaufen der Viertel die tatsächliche Zahl der Obdachlosen zu ermitteln.

Das drängendste Problem aber können die Helfer nicht lösen: Isolation ist für Obdachlose schlicht unmöglich. „Wo soll ich hin?“, fragt Marcel und deutet auf zwei Tragetaschen, in denen sich sein gesamter Besitz befindet. „Soll ich mich in meine Tasche setzen?“

Helfen, informieren, spenden

Karuna hat eine S.O.S.-Corona-Hotline für Obdachlose eingerichtet: 0157-80597870 (24 Stunden am Tag, berlinweit). Über die Homepage der Sozialgenossenschaft können Berliner direkt an Obdachlose spenden. Zurzeit zahlt Karuna jeden Tag 10 Euro Soforthilfe aus. 

Nur noch wenige Essensausgaben für Obdachlose haben geöffnet, auch Notübernachtungen der Kälftehilfe mussten bereits schließen - oder schließen Ende März, spätestens Ende April regulär. Eine Übersicht noch laufender Hilfsangebote wird auf der Homepage der Berliner Kältehilfe ständig aktualisiert. 

An mehreren Orten in Berlin gibt es inzwischen sogenannte Gabenzäune, an denen Passanten Sachspenden hinterlassen. Sinnvolle Spenden sind laut Obdachlosenhilfe warme Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel und Essen in beschrifteten Tüten. Eine Liste der Zäune und Berlinkarte gibt es hier