Es ist schon seltsam, während die Menschheit sich fragt, wohin bloß mit all dem CO2 , speichert die Natur es seit Jahrmillionen. Alle wissen es und reden auch darüber, wenn es um den Schutz der Regenwälder geht. Weniger wird darüber nachgedacht, dass nicht nur Bäume, sondern aus ihnen gebaute Häuser das klimaschädliche Gas über Generationen binden. In Deutschland wird derzeit mehr Holz verbrannt als verarbeitet. Dabei bietet es als Baustoff eine Reihe von Vorteilen, die Architekten gerade neu entdecken. Tom Kaden zum Beispiel, der über seine Vorliebe für modulares Bauen zum Holzbau kam. Und zwar ganz ohne Blockhütten-Romantik: „Für mich ist Holz erst einmal Bauphysik“, sagt er. „Es wächst nach. Es ist leicht. Ich kann aus ihm Teile vorfabrizieren. Anders als Stahlbeton reflektiert es unsere Körperwärme. Es dämmt besser, die Konstruktionen sind daher sehr viel schlanker.“

Brachialer Fortschrittsglauben

Wir sitzen in dem neuen Büro von Kaden und seinem Partner Markus Lager, zwölf Stockwerke über dem Alexanderplatz. Auf den ersten Blick passen die Räume im realsozialistischen Sechzehngeschosser (auch bekannt als Haus des Reisens) nicht zu Kadens Lieblingsbaustoff. Immerhin verkörpert das Stahlbetonhochhaus wie so manch anderes am Alex einen ungebrochenen und oft ziemlich brachialen Fortschrittsglauben. Andererseits passt es wiederum sehr gut, denn Kaden ist mit Gebäuden bekannt geworden, die auf eine ganz andere Art hoch und modern sind.

Es begann mit einer Baugruppe, die 2006 von Kaden und seinem damaligen Partner Tom Klingbeil wissen wollte, ob sie ein Holzhaus bauen könnten. Mit sieben Geschossen. Kaden erinnert sich. „Die saßen vor uns und fragten: Geht denn das? Wollt ihr das? Könnt ihr das?“ Sie konnten. „Wir hatten schon vorher – ohne Auftrag – das Thema mehrgeschossiger Holzbau untersucht. Zusammen mit Ingenieuren, die im Bereich Brandschutz arbeiten, haben wir Antworten entwickelt, wie wir höher bauen können, auch wenn das Baurecht das gar nicht vorsieht.“ Und so entstand das gewünschte Haus. Mit seiner weiß verputzten Fassade fügt es sich in die Gründerzeitbauten der Esmarchstraße im Bötzowviertel. Bei seiner Fertigstellung im Jahr 2008 war es das höchste Holzhaus Europas.

Aus Brandschutzgründen darf in Deutschland eigentlich nur fünfgeschossig gebaut werden; wer es doch will, braucht Ausnahmegenehmigungen. International ist das anders. Brandschutzgesetze haben viel mit Geschichte und Kultur zu tun, in Deutschland denken alle an brennende Städte im Zweiten Weltkrieg. Aber auch bei uns setzt sich die Einsicht durch, dass Holz sicher sein kann, zumal es bei einem Brand länger hält als Stahl. „Das weiß jeder Feuerwehrmann“, sagt Kaden, der übrigens in Blankenfelde eine hölzerne Feuerwehrwache baute. Diese Pointe wird erwähnt, wann immer von ihm die Rede ist.

Es fehlt eine starke Lobby

Der Fachmann fehlt auf keiner Veranstaltung zum Thema Holzbau, sei es bei Symposien an der Technischen Universität München, wo es den bislang einzigen Studiengang für Holzbau in Deutschland gibt. Sei es bei Expertengesprächen des Umweltministeriums, das Ende Januar zu einem Workshop über „klimafreundliche Baumaterialien und den Geschossbau mit Holz“ lud.

Dort ging es nicht nur um Holz als „Baustoff der Zukunft“, sondern auch um Vorurteile: „Alle denken erstmal an Schuppen, im Sommer heiß, im Winter kalt. Und sie denken: Holz brennt und fault“, meint Kaden. Anders als der Stahl- oder Zementindustrie fehle dem Holzbau zudem eine starke Lobby. Dabei liegen die Klimaschutzpotenziale auf der Hand: Holz speichert nicht nur große Mengen CO2 , es wird vielmehr mit sehr viel weniger Energieeinsatz verarbeitet als Stahl oder Beton, Kunststoff, Ziegel oder Aluminium. Holz ist ebenso tragfähig wie Stahl, aber wesentlich leichter und nicht weniger stabil als Beton.

Kaden kombiniert Holz gern mit Beton: „Ich betreibe seit 23 Jahren Holzbau, ich bin aber kein Ideologe. Besonders wenn es in die Höhe geht, liegt für uns die Wahrheit in intelligenten Hybridkonstruktionen. Im Holzbetonverbund wirken die statischen Vorteile beider Materialien miteinander, und es ist relativ preiswert.“ Drei bis fünf Prozent mehr koste ein Holzbau ungefähr, manchmal sei es auch gar nicht teurer. Denn wer mit Holz baut, hat dünnere Wände und mehr Fläche. Und es geht schneller, da mit vorgefertigten Modulen gearbeitet werden kann.

Im kommenden Jahr beginnen Kaden und sein Partner Markus Lager den Bau von vier Zehn- oder Elfgeschossern in Flensburg. Sie werden höher als das derzeit höchste Holzhaus der Welt in London. Schon wieder ein Superlativ. Kaden wiegelt ab. „Es gibt ja im Moment ein bisschen so den europäischen, ja weltweiten Wettbewerb: Wer baut jetzt als Nächstes am schnellsten das höchste Holzhaus? Daran beteiligen wir uns nicht.“ Statt das Projekt in Flensburg zu preisen, erzählt er lieber über die langjährige Kooperation mit seinen Brandschutzingenieuren Winter und Kruse. Überhaupt ist ihm offenbar Zusammenarbeit wichtig – mit seinem Partner, Ingenieuren, Professoren, Baugruppen und Auftraggebern. In seinem Büro mit Panoramablick über Berlin wirkt er weniger wie der überaus angesagte Holzbau-Pionier, der er ist, denn wie ein Mensch, der in Teams denkt. Es passt, dass er seine Jugend auf Fußballplätzen verbrachte, beim FC Karl-Marx-Stadt.

In die Mitte der Städte

Der Ehrgeiz seines Büros richtet sich nicht auf exklusive Höhen: „Wir glauben auch, dass 15, ja 20 Geschosse machbar sind. Wie es dann mit 30, 40 oder 50 aussieht, lasse ich offen und halte mich da auch ein bisschen zurück. Wir haben erstmal den Ehrgeiz, das Holzhaus in die Mitte der Städte zu setzen, also drei-, vier-, fünfgeschossige Gebäude. Es geht um Verdichtung in der Stadt, Dachgeschossaufstockung.“ Das, sagt er, sei das eigentliche Thema. Der mehrgeschossige Holzbau liege bisher nur bei 2,5 Prozent. „Bei Einfamilienhausbau ist das ja wohl anders, das liegt bei 12–17 Prozent. Aber das ist ja nicht das, was wir wollen, wir wollen nicht in Kladow Einfamilienhäuser bauen.“

Und so entwerfen, planen und bauen Kaden und Partner mit ihren 22 Mitarbeitern nicht nur die höchsten Fichtenholzhäuser der Welt, sondern Fünfgeschosser für eine Baugruppe am Berliner Pistoriusplatz oder mehr als 50 Mietwohnungen für die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gesobau. Sie haben weitere Projekte in Berlin, Leipzig und Hamburg. Holzwohnungen für immer mehr Menschen, könnte man das nennen. Und wer sich vorstellt, wie viel Holz in diesen Häusern steckt, und darüber nachdenkt, was wäre, wenn alle so bauten, kann über irrwitzige, aufwendige und teure CO2 -Speicherideen tief unter der Erde nur lachen.