Holzhaus in Wedding: Neue Wohnungen in der Lynarstraße im Sprengelkiez

Bruno zieht nicht in den Wedding. Energisch schüttelt der Zweieinhalbjährige den Kopf. Sein ganzes Leben hat er bisher in Kreuzberg verbracht, in der Oranienstraße. Er will bleiben, wo er immer gewohnt hat. Mama Norma (33) und Papa Heiko Ruddigkeit (37) müssen es ihm später behutsam erklären, denn natürlich zieht auch Bruno sehr bald in den Wedding. Während der Sohn noch skeptisch ist, freuen sich die Eltern auf den Umzug. Sie wissen, sie haben mit der neuen Wohnung in der Lynarstraße am S-Bahnhof Wedding sehr großes Glück gehabt. Sie werden in ein neu gebautes Haus ziehen, ein innovatives Gebäude. Es ist eines der größten Holzhäuser Deutschlands. Doch nicht nur deshalb ist das neue Zuhause der Ruddigkeits besonders.

Das Holzhaus in der Lynarstraße wächst schneller als andere Neubauten. „Die Elemente werden fertig geliefert und vor Ort montiert. Wir schaffen so eine Etage pro Woche“, erklärt Felix Hiller von der Schäferwenninger GmbH. Die Gesellschaft wurde vom Bauherren, der Wohnungsbaugenossenschaft „Am Ostseeplatz“ e.G., mit dem Bau beauftragt. Praktisch bedeutet das: Am Montag kommen die Sattelschlepper mit den fertigen Holzelementen, am Freitag haben vier Monteure das komplette Stockwerk errichtet.

98 neue Wohnungen für den Sprengelkiez

„Wir bauen 98 Wohnungen und sieben Gewerbeeinheiten, insgesamt 6600 Quadratmeter nutzbaren Raum“, sagt Felix Hiller, „und ab dem ersten Obergeschoss ist bis auf die verbindenden Treppen alles aus Holz“. Begeistert schwärmt er vom Baustoff Holz und der kurzen Bauzeit. Inzwischen sind die drei Gebäudeteile, aus denen das Haus bestehen wird, so gut wie fertig. Nur ein knappes Jahr wird die Bauzeit am Ende gedauert haben. Die ersten Mieter werden im Spätherbst einziehen.

Holz ist der neue Standard-Baustoff

„Insgesamt verbauen wir 3700 Kubikmeter Holz, vor allem Fichte und Douglasie aus Deutschland und Österreich“, sagt Felix Hiller. Alle tragenden Balken, die Fußböden und Decken sind in Holzoptik, der Baustoff wird die zukünftigen Bewohner stets begleiten, auch an der Fassade wird der Baustoff erkennbar bleiben. Lediglich die Trockenbauwände werden aus Gipskarton sein. Um das Haus aus Holz bauen zu können, wurden noch eine Sondergenehmigung und damit aufwendige Abstimmungen mit der Feuerwehr wegen des Brandschutzes benötigt. Doch Holz entwickelt sich zu einem Standard-Baustoff, der Brandschutz ist beim heutigen Stand der Technik kein Problem mehr und mit einer Lebenszeit von 80 bis 100 Jahren steht ein Holzhaus einem Massivhaus in kaum etwas nach.

Anfang dieses Jahres hat das Abgeordnetenhaus nun auch die Berliner Bauordnung geändert und das Bauen von mehrgeschossigen Häusern aus Holz erleichtert. Künftige Holzbauprojekte werden es einfacher haben und Felix Hiller hofft, dass nun mehr mit Holz gebaut werden wird und nennt einige Vorzüge des Baustoffs: „Die Bauzeiten sind im Holzbau kürzer, so wird Geld gespart. Es ist ein nachwachsender Rohstoff und er schafft ein sehr angenehmes Wohnklima.“ Insbesondere für die Nachverdichtung und Aufstockung sei Holz wegen seiner statischen und ökologischen Eigenschaften besonders geeignet.

Das kostet die Miete

Heiko Ruddigkeit hat mit seiner Familie beobachtet, wie sein neues Zuhause in Wedding Stück für Stück entstanden ist. „Ab und zu gehen wir zur Baustelle und im Internet gibt es jede Woche ein neues Foto vom Baufortschritt“, sagt er. „Es ist sehr spannend, zu sehen, wie es wächst.“ Den ganzen Sommer über hat die Wohnungsbaugenossenschaft „Am Ostseeplatz“ e.G. außerdem regelmäßig zu Baustellenbesichtigungen eingeladen. Sehr viele kamen – Genossenschaftsmitglieder, Architekten, Nachbarn, Mietinteressenten, Journalisten.

Für die Mietinteressenten allerdings war es da schon lange zu spät, das Haus ist bereits komplett vermietet. Das ist kein Wunder, nicht nur wegen der schönen Holzfassade und des angenehmen Raumklimas. Auch der Preis hat viele angezogen. Die Hälfte der Wohnungen wird an Mieter mit Wohnberechtigungsschein für 6,50 Euro pro Quadratmeter netto kalt vermietet. Die anderen Wohnungen kosten acht bis neun Euro pro Quadratmeter. Nur die Bewohner im obersten Geschoss zahlen 12 bis 13,50 Euro pro Quadratmeter.

Sprengelkiez statt Kreuzberg

Die niedrigen Mieten sind möglich, weil der Bauherr 2,5 Millionen Euro Fördermittel aus dem Senatsprogramm „Experimenteller Geschosswohnungsbau“ im Rahmen des Sondervermögens Infrastruktur der wachsenden Stadt (SIWA) bekommen hat. Außerdem war der Baugrund sehr günstig. Das Gewerbegrundstück in der Lynarstraße galt viele Jahre als unverwertbar, denn es liegt direkt an der S-Bahntrasse. Alle fünf bis zehn Minuten, je nach Tageszeit, rauscht ein Zug der Ringbahn vorbei. Ursprünglich wollte ein privater Investor, der das Grundstück von der Bahn gekauft hatte, auf dem Grundstück ein Selfstorage-Lager errichten.

Doch die Wohnungsbaugenossenschaft „Am Ostseeplatz“ kaufte dem Investor das unattraktive Grundstück schließlich ab, um dort das Holzhaus zu errichten. Der Bestand der Genossenschaft vergrößert sich mit dem Neubau erheblich. Bisher wurden 425 Wohnungen und 15 Gewerbeeinheiten im Prenzlauer Berg, in Kreuzberg und Friedrichshain vermietet.

Mit der Fertigstellung in der Lynarstraße befinden sich 523 Wohnungen und 22 Gewerbeflächen im Bestand der Genossenschaft. Auch der Wedding ist damit neu auf der Landkarte der Genossenschaft. Das Holzhaus steht im Sprengelkiez in einer Seitenstraße der Müllerstraße, der belebtesten Straße des Stadtteils. Der Sprengelkiez ist durch die nahe Beuth Universität für Technik studentisch geprägt – mit vielen Cafés und Ausgehmöglichkeiten.

Das stadtweit bekannte Prime Time Theater liegt gleich um die Ecke, am Nordufer können Spätaufsteher mit Blick aufs Wasser frühstücken und wer einkaufen möchte, kann sich zwischen dem türkisch geprägten Genter Wochenmarkt und Karstadt am Leopoldplatz entscheiden. Der Sprengelkiez ist mit seinen Möglichkeiten auch für jene eine Option, die vorher in Kreuzberg lebten.

Wohngemeinschaft statt Anonymität

Im Moment wohnt Familie Ruddigkeit in einem Haus aus Stein. „Es ist ein Gründerzeit-Altbau mit vielen Macken“, sagt Heiko Ruddigkeit, der mit seinen 37 Jahren sehr jung und eher wie ein Student wirkt. Bald wird er in einem Haus wohnen, in dem alles neu ist und funktioniert. Doch das Holz gab bei der Entscheidung zum Umzug gar nicht den Ausschlag. „Die Holzbauweise finde ich total spannend. Es ist aber nur ein schöner Nebeneffekt“, sagt der zukünftige Mieter.

„Ich finde gut, dass hier eine Genossenschaft gekauft und gebaut hat. Das Grundstück wird damit dem Markt entzogen, der Preis ist geschützt“, sagt Heiko Ruddigkeit, der sich in seinem neuen Umfeld auch gern politisch engagieren möchte. Besondere Architektur, der Schutz einer Genossenschaft – sein neues Zuhause hat für ihn viele Vorzüge. Der interessanteste und wichtigste Vorzug ist für ihn und seine Frau aber die Art des Wohnens. Im Holzhaus soll niemand in seiner Wohnung verschwinden, die Mieter sollen zusammenwohnen, gemeinschaftlich. Wer im Holzhaus wohnen wollte, musste Lust auf eine Wohngemeinschaft haben. Die Genossenschaft hat Mieter gesucht und zusammengebracht. Es entstanden Gruppen, an die dann eine ganze Etage vergeben wurde.

Soziales Wohnen in der Lynarstraße

„Ich hoffe, dass wir uns in dem Haus alle kennen und Bruno auch mal zum Spielen runter kann“, sagt Norma. Die Chancen dafür stehen sehr gut. Das Wohnkonzept sieht es ja gerade vor, dass in dem Haus wirklich zusammen gewohnt wird. Die Etagen sind in sogenannte Wohn-Cluster eingeteilt. Sie umfassen mehrere Wohneinheiten mit eigenen Bädern und kleinen Küchen sowie gemeinschaftliche Bereiche mit einer großen Küche, Gemeinschaftsräumen und sehr großzügigen Wohnfluren. Auf den Etagen haben die jeweils gemeinsam entschieden, wie viel Privatraum und wie viel Gemeinschaftsfläche sie haben möchten. „Es fühlte sich ein wenig an wie bei einem Eigenheimbesitzer. Wir durften die Grundflächen verändern und die Fliesen auswählen“, sagt Heiko Ruddigkeit. In seinem Cluster haben sich die fünf Mietparteien zusammen für etwas großzügigere Privaträume und etwas kleinere Gemeinschaftsräume entschieden. Raum für Begegnung ist aber natürlich trotzdem geblieben.

Zum Gemeinschaftswohnen gehört im Holzhaus Lynarstraße aber mehr als Mieter-Wohngemeinschaften. Sozial ist das Haus auch darüber hinaus. Eine Demenz-WG wird unter den Mietern sein, einige Geflüchtete werden ein neues Heim finden. Proberäume für Musiker sind ebenso geplant wie eine Essensausgabe für Obdachlose. Die Ruddigkeits freuen sich besonders über einen weiteren neuen Nachbarn: Im Haus wird auch eine Kita Platz finden. Natürlich hoffen sie, dass sich Bruno dort schnell wohlfühlen wird und so im Wedding ankommen kann.

Der Abschied von Kreuzberg ist sozusagen von Bruno eingeläutet worden. Als er von zweieinhalb Jahren auf die Welt kam, wurde die ohnehin kleine Wohnung von Heiko und Norma endgültig zu klein. „Wir haben damals eine größere Wohnung in der Nähe gesucht, waren bei vielen Besichtigungen, aber es war immer vergeblich“, erinnert sich Heike Ruddigkeit. Zu wenige Wohnungen, zu viele Bewerber.

Als sie im vergangenen Juni von einem Bekannten von dem interessanten Bauprojekt im Weddinger Sprengelkiez hörten, klang es fast zu schön, um wahr zu sein. Denn hätten Heiko und Norma Ruddigkeit damals ihre neue Traumwohnung beschreiben sollen, hätten sie sich wahrscheinlich genau das gewünscht: eine größere Wohnung, zentral gelegen, gut geschnitten, mit netten Nachbarn und günstiger Miete. „Wir haben genau das gefunden. Ein kleines Wunder“, sagt Norma.

Wohnen an der Ringbahn

Auch wenn die Ruddigkeits zunächst lieber in Kreuzberg geblieben wären, freuen sie sich auf ihre neue Nachbarschaft im Wedding. „Wir bewegen uns im Moment fast nur in Kreuzberg. Es ist schön, jetzt einen anderen Teil der Stadt kennenzulernen“, sagt Norma. Ganz fremd ist der jungen Familie der Sprengelkiez nicht. Heiko ist Landschaftsarchitekt und hat an der Beuth Hochschule für Technik gleich um die Ecke studiert. Zusammen mit Norma, die ursprünglich aus Spanien kommt, hat er bereits einmal kurz in Wedding gewohnt, nahe des Leopoldplatzes.

Im Dezember ziehen Heiko Ruddigkeit, seine Frau Norma und der kleine blonde Bruno in das Holzhaus in der Lynarstraße im Wedding. Sie werden im mittleren Gebäude in der 3. Etage ein neues Zuhause finden. Ihre vier Wände, die Decke und der Fußboden werden aus Holz sein und die Nachbarn kennen sie bereits. Sie freuen sich auf zwei Balkone, die in zwei Richtungen den Blick über den Kiez erlauben. Nach hinten raus schauen sie gerade so über die Lärmschutzwand, die später noch begrünt werden soll. Sie können die Züge der Ringbahn vorbeifahren sehen, die Geräuschkulisse stört sie nicht. „Wir wohnen jetzt in der Oranienstraße“, sagt Heiko Ruddigkeit über seine aktuelle, lebendige Nachbarschaft. Bei seinen Besichtigungen im neuen Zuhause fand der die Bahn dagegen gar nicht sehr laut. Vieles im Leben ist relativ.