Viele Fitness- und Yoga-Studios bieten Online-Kurse an.
Foto: dpa/Christian Charisius

BerlinAuch fitnesstechnisch betrachtet ist man in Corona-Zeiten auf sich selbst zurückgeworfen. Wie aufbauend, dass es während der Sperrung von Fitnessstudios das Internet gibt. YouTube, gib mir Entspannung. Mit Rückengymnastik-Videos.

In Woche zwei des Shutdowns wollte mein rechter Arm nicht mehr. Kein Wunder, schließlich fehlten ihm die sonst mehrfach wöchentlichen Gymnastik-Einheiten. Zu Hause alleine Sport betreiben, das hatte ich immer abgelehnt. Zu einsam, wer motiviert mich? Ich mich selbst niemals. Aber jetzt half nichts anders mehr. Leiden oder leben, es ging um alles.

Einen Dank an die Schwarm-Intelligenz

Mit links schaufelte ich mich durch YouTube. Staunend über die meistgeklickten Videos: 1,9 Millionen Aufrufe für „Bauch, Beine, Po, Rücken“, 3,4 Millionen sahen „Übungen gegen Verspannungen und Rückenschmerzen“. Immer wieder die eine, ich beschloss der Schwarm-Intelligenz zu trauen und Mady Morrison zu folgen. Ihre freundliche unaufgeregte sanfte klare Stimme, die ruhigen Ansagen und leicht nachvollziehbaren Übungen machten mich zur hingerissenen Followerin.

Bald turnte ich nicht mehr morgens. Viel zu stressig vor der Arbeit! Nach dem Film ab auf die Wolldecke vorm Fernseher im Wohnzimmer. Als Routine, abends, zehn bis dreißig Minuten lang vorm Duschen und anschließend in den süßen Schlummer gleiten, das ist die ideale Auszeit für mich. Anfangs fiel mir die Konzentration sehr schwer, ich sah beim Liegen auf dem Parkett Spinnweben an der Decke, staubige Lampen.

„Besonders gefragt sind Rückenübungen", sagt Yoga-Lehrerin Mady Morrison.

Video: Mady Morrison

Die sind immer noch dreckig, aber inzwischen schließe ich die Augen und kann das Elend tatsächlich vergessen. Ich freue mich sogar. Die Gymnastik ist ein Treffen mit mir selbst am Ende von überdurchschnittlich anstrengenden Tagen.

Entspannung für alle

So wünscht es sich auch Mady, die sich bei meinen Recherchen nach der YouTube-Königin als dreißigjährige Zehlendorfer Yoga-Lehrerin herausstellte. Seit fünf Jahren mit inzwischen rund 140 Videos dabei, verzeichnet sie in diesen Corona-Krisentagen extrem hohe Klickzahlen. „Sie haben sich teilweise verdoppelt“, erzählt sie mir am Telefon. „Besonders gefragt sind Rückenübungen.“

Aus Gesprächen mit ihrem Publikum in den sozialen Netzwerken weiß sie, dass es vor allem Homeoffice-Geplagte sind, die mit Rückenschmerzen neu dazugekommen sind. Mady Morrison empfindet die Krise als sehr belastend, es tue ihr gut, „mit meinen Videos Menschen in dieser schwierigen Situation helfen zu können“.

Wie auch meinen Freunden, wir alle turnen nun im Wohnzimmer und tauschen uns über unsere Favoriten aus. Eine Freundin schickte „Yoga with Modi“, mit Indiens Regierungschef Narendra Modi auf der Matte. Als 3-D-animiertes vollbärtiges Männchen zeigt dieser in Jogginghose und T-Shirt Tadasana, „Palm Tree“, das streckende Asana in Baumposition. „Für weltweiten Frieden, Harmonie und Wohlbefinden“, verkündet er im Abspann. Können wir gut gebrauchen!