Eine Frau mit Maske. (Symbolbild)
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BerlinIch begann, die Maske zu mögen, als mich der Kellner vom Italiener ein paar Häuser weiter nicht erkannte. Ich ging vorbei, er stand in der Sonne und wartete auf Bestellungen zum Abholen, mit denen das Restaurant versucht, in diesen Wochen wenigstens ein paar Einnahmen zu haben.

Ich lächelte, er reagierte nicht. Gerade wollte ich beleidigt sein, da wurde mir klar, dass er das Lächeln nicht gesehen hatte, und auch sonst nicht viel von meinem Gesicht. Ich trug meine neue Maske, die mich bis dahin genervt hatte, weil ich damit schlecht Luft bekam und sie mir außerdem ein bisschen peinlich war. Bevor ich sie besorgte, glaubte ich nur noch Menschen mit Mundschutz zu sehen, jeder einzelne ein Vorwurf an meinen rücksichtlosen Tröpfchenauswurf. Nun, da ich selbst einen trug, sah ich nur noch Menschen ohne und fand, dass sie mich musterten wie jemanden, der im Batman-Kostüm U-Bahn fährt.

Aber als der Kellner mich nicht erkannte, veränderte sich mein Verhältnis zu meiner Maske, für die ich am Tag zuvor eine Stunde angestanden hatte. In unserem Viertel, in normalen Zeiten ein Hort des gediegenen Lebens, gibt es mehrere Läden, die sonst Nähkurse anbieten und Näh-Geburtstagspartys. Jetzt verkaufen sie dort Masken, die Schlangen sind lang. Es scheint mir das lohnendere Geschäft zu sein.

In einem Schaufenster sah ich mein Spiegelbild, zwei Augen, darunter ein großes dunkelgraues Stück Stoff, und fühlte mich plötzlich gut hinter der Maske. Sie schützte nicht nur andere, sondern auf gewisse Weise auch mich. Ich fand, ich sah verwegen aus, fast kriegerisch. Hinter Kostümen und Masken zu jemand anderem zu werden, liegt ja in der Natur des Menschen. Der trägt Masken seit tausenden Jahren, um sich damit stärker und mutiger zu machen und Dinge zu tun, die man sonst nicht tun darf.

In Venedig trugen die Menschen im 16. Jahrhundert ihre Masken nach der freizügigen Karnevalszeit einfach weiter. Anfang des 17. Jahrhundert erging ein Gesetz, das sie nur noch während des Karnevals erlaubte. Aus der Zeit stammen auch die Masken der Pestärzte mit den langen Schnäbeln, die nicht nur für Abstand sorgten, sondern in die man auch Schwämme stopfen konnte, die nach Zimt oder Lavendel rochen. Man glaubte, dass sich die Pest durch schlechte Luft verbreitete, wie die, die über den übelriechenden Kanälen hing.

Es wäre ja praktisch, man könnte Coronaviren riechen. Oder auch Kohlenstoffdioxid. Hätte CO2 den Geruch von altem Fisch oder Erdbeeren, wir hätten den Klimawandel schon lange im Griff. Stattdessen tut die Luft harmlos wie immer und ist es gar nicht.

Ich glaube nicht, dass Masken die Menschen leichtsinniger machen. Sie sind eine ständige Erinnerung daran, dass etwas nicht ist, wie es sein sollte. Wir müssen jetzt aufrüsten, eine Stadt von Viren-Kriegern hinter Masken werden. Eine andere Chance haben wir gar nicht.