Nach vielen Jahren hat sie noch Kontakt zu einem Bekannten aus Wuhan.
Foto: Marius Bulling/xonw-images.de

BerlinAm Freitag kam wieder eine Email aus China. Sie war von Yulin, der vor 35 Jahren in Deutschland gelebt und mit meinem Vater zusammengearbeitet hatte. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der uns zeigte, wie man mit Stäbchen isst, was wir nicht so schnell lernten, wie er den Umgang mit Messer und Gabel. Manchmal gingen meine Eltern mit ihm in ein bayerisches Gasthaus, aber er sah jedes Mal ein bisschen erschrocken aus, wenn der Schweinebraten vor ihm stand. Später besuchten wir Yulin in Wuhan, inzwischen hatte er einen Sohn. Jeden Morgen gab es eine faustgroße Kugel aus Teig, die mit würzigem Hackfleisch gefüllt war. Ich fand, ich hatte nie ein besseres Frühstück gegessen.

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Ich hörte viele Jahre nichts von Yulin, meine Eltern bekamen immer an Weihnachten einen kurzen Gruß. Chinesische Touristen waren jetzt überall und China wurde das Land, in dem man keinen Kredit mehr bekam, wenn man zu oft über rote Ampeln ging. Dann sprang in Wuhan, der Stadt, die ich als Kind besucht hatte, ein Virus von einem Tier auf einen Menschen über, und wenig später war die Welt nicht mehr die alte.

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Updates aus Asien

Zum ersten Mal schrieb Yulin vor fünf Wochen. Er sei glücklich, er sei gerade Großvater geworden. Und er sei traurig, weil er seinen Enkel nicht besuchen könne. Sein Sohn lebte in der Schweiz und in Shenzhen, wo Yulin jetzt wohnte, durften die Menschen nicht mal ihre Häuser verlassen. In der nächsten Mail stand, dass seine Schwester an Covid-19 erkrankt war. In der nächsten, dass sie wieder auf die Straße durften, aber nur kurz und mit Maske. In der Mail, die gestern kam, war ein Video, auf dem ein Baby aus dunklen Augen in die Kamera blickte und schmatzte.

Ich hatte lange nicht mehr an Yulin gedacht, aber jetzt warte ich jede Woche auf Neuigkeiten aus Shenzhen. Das Virus hat die Menschen auseinandergerückt und sie zugleich einander nähergebracht. Alle erleben das Gleiche. Wir sind jetzt eine Spezies von Stubenhockern, die zugleich versuchen, nicht krank und nicht verrückt zu werden.

Ich schickte meine Antwort ab und fragte mich, was die Kinder wohl machten. Seit Stunden waren sie in ihren Zimmern verschwunden. Durch die Tür hörte ich meinen Mann telefonieren, er telefoniert viel jetzt. Struktur!, dachte ich. Ich konnte zu den Kindern gehen und die nächste Diskussion darüber riskieren, wie viel Zeit am Handy okay ist. Oder ich konnte sitzen bleiben. Ich blieb sitzen. Auf Instagram sah ich den neuen Post der Komikerin Ellen DeGeneres, die jetzt jeden Tag einen anderen ihrer berühmten Freunde anruft. Sind ja alle zuhause. Michelle Obama ging gleich ran. Sie sagte, dass sie irgendwie versuchten, die Tage zu strukturieren. Ihre Töchter seien in ihren Zimmern verschwunden, was Barack mache, wisse sie nicht. Telefoniert wahrscheinlich, sagte sie.