Die Corona-Krise bringt für viele Familien eine schwierige Zeit.
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BerlinDie erste Aufgabe, die der GeWi-Lehrer meiner Tochter stellt, lautet: „Entwerft eure Traumschule.“ Meine Tochter, 13, geht in die siebte Klasse eines Kreuzberger Gymnasiums und macht seit einer Woche Home-Schooling.

„Meine Schule ist ein Basketball-Internat mitten im Meer“, schreibt sie. Es ist viel von Freiheit und Selbstständigkeit die Rede. Davon, dass die Schüler selbst entscheiden können. Von weißen Wänden in Klassenzimmern und Fluren, die man bemalen, auf die man schreiben kann. „Es ist eine sehr kreative Schule“, schreibt das Kind.

Zusammensein mit Eltern

Mich macht der Text traurig, denn nichts könnte von der Wirklichkeit dieser Zeit weiter entfernt sein. Ihre Schule ist seit einer Woche der Tisch in unserem Wohnzimmer, Basketball findet auf unabsehbare Zeit nicht statt. Das Training im Verein schon seit der Schließung der Schulen nicht mehr, seit ein paar Tagen sind auch die Sportanlagen geschlossen. Schwimmen kann man auch nirgendwo.

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Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist das ständige Zusammensein mit den Eltern, in einem Alter, in dem man sich eigentlich nur für seine Freunde interessiert, in dem man eigene Wege gehen will und Kontrolle und Einschränkungen als besonders lästig empfindet. Die Pubertät und die Corona-Krise sind eine toxische Mischung.

Nähe braucht Distanz

Am zweiten Homeschooling-Tag schleuderte mir meine Tochter morgens einen Satz über den Küchentisch entgegen, den ich aus ihrem Mund nicht für möglich gehalten hätte: „Ich möchte in die Schule!“ Beim gemeinsamen Französischlernen formulierte sie später grammatisch korrekt, aber inhaltlich verheerend: „Je n’aime pas ma maison, je déteste ma famille – Ich mag mein Zuhause nicht, ich hasse meine Familie.“

Mitte der Woche leitete der Klassenlehrer einen Brief der Senatsverwaltung für Schule an uns Eltern weiter. Er enthielt Ratschläge: Diese außergewöhnliche Situation biete auch eine Chance, heißt es da. Man könne Dinge in den Vordergrund stellen, für die im Alltag wenig Zeit ist. „Sie können die Zeit nutzen und als Familie näher zusammenrücken.“

Kein High-Five

Ob das wohl jemand hinbekommt? Nähe braucht Distanz. Das ist eine wichtige Lehre, die mir diese Zeit erteilt. Die Schulpsychologen ahnen wohl auch, dass das Zusammenrücken nicht überall funktioniert. „Wenn die Luft brennt“, ist ein Briefabsatz überschrieben. Von tief durchatmen ist dort die Rede. Die Nummer eines Krisentelefons ist auch angegeben.

Es ist ein Lernprozess, und es gibt Hoffnung. Der letzte Tag der Homeschooling-Woche war der erste Tag, an dem meine Tochter und ich einander nicht anbrüllten. Es war ein Sieg, den wir beide errungen haben. Als wir die Bücher schlossen, hob ich meine Hand für ein High-Five. Meine Tochter schüttelte den Kopf. „Corona“, sagte sie.

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