Anrufe, Mails, SMS. Im Homeoffice erklingen ständig Nachrichtentöne.
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BerlinVeränderungen herbeizuführen, ist keine einfache Sache. Das gilt für Unternehmen, wie für den privaten Bereich. Manager werden eigens dafür ausgebildet, Wandlungsprozesse in der Arbeitswelt in Gang zu setzen, sie zum Erfolg zu führen. Diese Change Manager wissen von zähen Widerstand des Kollegiums zu berichten, von der Notwendigkeit von Beteiligung und Beratung, von Angst und Unsicherheit. Das war vor dem Eintritt des Virus.

Corona hat es binnen Tagen unserer Arbeitswelt einen ungeahnten Digitalisierungsschub verpasst. Ich muss mir nur unser Homeoffice anschauen, also den Wohnzimmertisch, auf dem zeitweise vier Rechner stehen, fünf Mobiltelefone liegen und ein Tablet, also all die Instrumente, mit deren Hilfe wir arbeiten, unterrichten und unterrichtet werden, über die wir kommunizieren.

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Chef ist, wer die Technik beherrscht

Es ist eine völlig neue Geräuschkulisse entstanden, weil es unablässig piepst, plingt, brummt und klopft, wenn Nachrichten eingehen. Wer hat eigentlich all diese Töne entwickelt, die unser Leben jetzt begleiten? Es stimmt, es hat sie schon vorher gegeben, aber erst in dieser Masse verbinden sie sich zu einem Klangteppich, der manchmal wie eine Komposition wirkt, der Soundtrack der neuen Corona-Arbeitswelt.

Chef ist, wer die Technik beherrscht, das kann zu ganz neuen Machtkonstellationen führen. Die Assistenz, die alles im Griff hat, wird zur Heldenfigur, von der alle abhängig sind, gegenüber der man ein so großes Gefühl von Dankbarkeit entwickelt, wie man es nicht für möglich gehalten hätte. Manches schafft man sich auch relativ mühelos selber drauf. Wer hätte gedacht, dass wir uns von einem Tag auf den anderen routiniert in virtuelle Konferenzen einwählen und einschalten würden, als hätten wir unser Leben lang nichts anderes getan. Wir behalten jetzt fünf oder sechs verschiedene Slack-Kanäle im Blick, dazu den E-maileingang und all die Nachrichten, die über Teams oder Zoom zu uns kommen, diese neuen Kollaborationstools, von denen viele noch vor zwei Wochen nicht einmal den Namen kannten. Wer Kinder aus der Generation „digital natives“ hat, wird den gewachsenen Respekt fühlen, den diese plötzlich den Eltern entgegenbringen. Die Zeiten, in denen sie uns in Sachen Digitalisierung hoffnungslos hinter dem Mond wähnten, sind vorbei.

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Sogar die Sprache hat sich verändert, sie besteht aus lauter neuen Vokabeln. Wir slacken einander an, wir begegnen einander in Telkos und Vikos, also Telefon- und Videokonferenzen, wir muten einander oder uns selbst, was bedeutet, dass wir bei einer im virtuellen Raum stattfindenden Konferenz ein Mikrofon stummschalten. Der Gesprächsleiter kann auch alle Beteiligten auf einmal muten, der Klick auf das entsprechende Symbol genügt. Was für ein Werkzeug der Macht! So leicht kann man sonst niemanden mundtot machen.