Das Telefon in Analog-Variante. 
Foto: imago images

BerlinIrgendwie kommt mir unsere Wohnung langsam größer vor, als sie ist. Vielleicht liegt es daran, dass die Türen nun öfter geschlossen sind, um den Arbeitsmodus zu unterstreichen.

Wenn ich am Schreibtisch an der äußersten Wohnungsecke sitze, ist die weitgelegenste Ecke des Badezimmers bestimmt 30 Schritte entfernt. Wenn der Radius so klein wie jetzt wird, scheint das eigene Universum sich paradoxerweise zu vergrößern. Das klingt vielleicht nach Delirium, es mag der Anfang davon sein. Und dabei sind wir wahrscheinlich noch nicht mal in der Hälfte dieser destabilisierenden Zeit.

Mir fällt auf, dass die unwichtigen Dinge komplett an Gewicht verloren haben. Dieses fast komplette Ausblenden eines Außen bringt mit sich, dass man sich auf das Allerallerwesentlichste konzentriert. Darin liegt auch eine Chance, so schrecklich es zeitweise zweifelsfrei ist. Wie wir diese Krise in unserem eigenen Leben nutzen, sollten wir das Privileg haben, darüber nachdenken zu können, liegt in unserer Hand.

Im Alter lebt man von Zuspruch und Nähe

Nun gibt es auch Menschen, die das Ganze noch weniger greifen können. Meine 95-jährige Großmutter ist eine von ihnen. Alle zwei Tage rufe ich sie an, um ihr Mut zu machen. Im Altenheim in Luxemburg, wo sie lebt, darf seit mehr als zwei Wochen niemand mehr Besuch empfangen. Ein großer Schock, denn in dem Alter lebt man von Begegnungen, von Zuspruch und Nähe.

Seit mehr als zwei Wochen dürfen die Bewohner nicht mehr aus ihren Zimmern raus, um eine Infektion zu vermeiden. Zwei Tage später erreicht mich die Nachricht, dass ein erster Virusfall im Altenheim bestätigt wurde. Die infizierte Frau saß öfter neben meiner Oma im Gang, meine Großmutter wird getestet. Resultat: negativ. Vor anderthalb Jahren überlebte sie eine Lungenembolie. Meine Großmutter, Superwoman.

„Die testen mich, als wollten sie unbedingt was finden“, sagt sie am Telefon. Sie klagt über das Alleinsein, was sie auch sonst tut. Über die Pandemie, dieses unsichtbare Ding da draußen, wundert sie sich vor allem. Es ist ja auch bizarr. Alles ist anders, sie darf nicht mehr in den Park, meine Mutter kommt nicht mehr. Und gleichzeitig wirkt doch alles wie gehabt.

Was heilsam ist, was nicht

Oft erkläre ich ihr, was gerade auf unserer Welt passiert. Aber so richtig begreift sie es nicht. Ob denn schon Menschen dran gestorben seien fragt sie einmal. Dann sagt sie, dass in 3-4 Wochen ja hoffentlich alles wieder normal sei. Sie klingt zuversichtlich.

Physisch scheint sie kerngesund, aber ihre Psyche hat in der Krise diverse mentale Abwehrmechanismen aufgebaut. „Ich bin ja nicht alleine, deine Mutter war gestern und heute hier. Und wenn ich will, kann ich mein Abendessen auch im Gemeinschaftssaal einnehmen“. Ich widerspreche nicht mehr. Wozu? Es kann heilsam sein, sich nicht andauernd mit der Realität zu konfrontieren.

Irgendwann spreche ich doch über Risikogruppen, über jene, bei denen eine Infektion schneller tödlich endet. Ich möchte, dass sie sich an die Regeln hält und sich schützt.

„Das ist eher ein Problem für ältere Menschen“, antwortet sie mit ihren 95 Jahren.