Berlin - Vier Tage im Homeoffice, ein Tag im Büro. Corona hat das Arbeitsleben verändert – und die Mobilität. Immer mehr Berufstätige kündigen ihr Umweltkarten-Abo, weil sie seltener als zuvor zur Arbeit fahren. Doch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die S-Bahn Berlin GmbH und andere Unternehmen des Nahverkehrs wollen nicht tatenlos zusehen, wie ihnen Stammkunden verlorengehen. Nach Informationen der Berliner Zeitung haben sie ein neues Ticketangebot entworfen, das auf die Bedürfnisse von Teilzeitpendlern zugeschnitten ist. Wer es sich aufs Mobiltelefon lädt, darf innerhalb von 60 Tagen acht, 12 oder 24 Mal jeweils 24 Stunden lang den Nahverkehr nutzen – und spart viel Geld. Wenn es für den Vorschlag im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) grünes Licht gibt, könnte das digitale Homeoffice-Ticket noch im Sommer starten. „Es wird für viele Arbeitnehmer sehr interessant sein“, sagte ein Beteiligter.

Im Dezember hatte VBB-Chefin Susanne Henckel mitgeteilt, dass an neuen Tarifangeboten für die Fahrgäste gefeilt wird. Notwendig wären „Tickets, die auf die neue Situation zugeschnitten sind und flexibel genutzt werden können“, kündigte sie im Interview mit der Berliner Zeitung an. „Wir müssen etwas dafür tun, dass uns Kunden langfristig erhalten bleiben.“

In Brandenburg gibt es noch Bedenken

Mit dem Teilzeitpendler-Ticket liegt nun ein erster konkreter Vorschlag auf dem Tisch. Er war in der vergangenen Woche Thema im VBB-Beirat der Verkehrsunternehmen. Allerdings gibt es im Land Brandenburg noch Bedenken, weil befürchtet wird, dass das auf Berlin zugeschnittene Konzept dort Begehrlichkeiten bei Fahrgästen weckt. In der kommenden Woche sollen die ausstehenden Fragen während einer Sondersitzung geklärt werden.

Dem Vorschlag zufolge soll das neue Homeoffice-Ticket nur per App als Handyticket und nur für den Tarifbereich Berlin AB, der das Berliner Stadtgebiet umfasst, verkauft werden. Die Kunden können wählen – je nachdem, wie oft sie innerhalb von 60 Kalendertagen unterwegs sein wollen. Jedes Mal gilt die Fahrtberechtigung 24 Stunden. So lange dürfen die Ticketbesitzer alle Bahnen und Busse des Berliner Nahverkehrs nutzen, so oft sie wollen und ohne jedes Mal einen Fahrschein lösen zu müssen.

So sieht die Preisliste derzeit aus: Wer acht Fahrtberechtigungen erwirbt, soll 44 Euro zahlen. Ein Zwölfer-Kontingent würde 56,40 Euro kosten. Für 20 Tageskontingente sollen 88 Euro berechnet werden. Damit wäre eine Fahrt zur Arbeit und zurück für 4,40 Euro zu haben. Im Vergleich zum Einzelfahrschein (drei Euro) und zur regulären 24-Stunden-Karte (8,80 Euro) sparen die Kunden Geld - zum Teil in erheblichem Umfang. 

BVG und S-Bahn gingen seit März 2020 zehn Prozent der Abonnenten verloren

Wenn sich die Unstimmigkeiten mit Brandenburg beseitigen lassen, könnte der Verkauf in Berlin zum 1. August 2021 beginnen. Das neue flexible Angebot sei als „digitales Produkt genau auf die Zielgruppe zugeschnitten“, hieß es. Wer im Homeoffice arbeite, verfüge über Handy und Computer. Falls gewünscht, wäre es möglich, die Größe der Kontingente zu ändern sowie weitere Tarifstufen und Geltungsbereiche aufzunehmen. Ziel sei es, das Ticket später zu einem höheren Preis auch analog in Papierform anzubieten – für Kunden ohne Smartphone. Doch in diesem Fall wäre es aufwändiger,  die Voraussetzungen zu schaffen. Als digitales Pilotprojekt wäre die Neuerung dagegen „schnell umsetzbar“. Das sei besonders wichtig, so die BVG und ihre Mitstreiter.

Warum die Berliner Unternehmen aufs Tempo drücken, wird klar, wenn man sich die Entwicklung bei den Abos anschaut. Sie zeigt, dass sich bei einem der bislang ertragreichsten Angebote die Erosion zum Ende des ersten Coronajahrs 2020 hin beschleunigt hat. Von „rapide sinkenden Abonnementzahlen“ insbesondere in Berlin und Umland ist die Rede, rund zehn Prozent der Stammkunden gingen seit Beginn der Pandemie verloren. Es bestehe „Handlungsdruck als Reaktion auf die Marktsituation“. Jetzige Kunden müssten gehalten, frühere zurückgewonnen werden. Das vorgeschlagene neue Ticket sei für die Verkehrsbetriebe in Berlin „wirtschaftlich essentiell“, hieß es. Doch auch anderswo sinken die Abo-Einnahmen. Lagen sie im gesamten Verbundgebiet im Oktober um 1,38 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats, betrug die Differenz im November schon 2,52 Prozent und im Dezember 3,96 Prozent.

Zehn-Fahrten-Karte für Berlin und Brandenburg kommt nicht

Wären weitere neue Ticketangebote sinnvoll? Dem Vernehmen nach wird über Rabattkarten für den Nahverkehr diskutiert, mit denen Tickets zu einem ermäßigten Preis gekauft werden dürfen – ähnlich wie bei der Bahncard. Da die Homeoffice-Karte aber Vorrang hat, wurde dieses Vorhaben erst einmal zurückgestellt.

Wie berichtet, wird auch über eine Zehn-Fahrten-Karte debattiert. Doch während es in der rot-rot-grünen Koalition in Berlin dafür Sympathien gibt, überwiegt bei den Verkehrsbetrieben die Skepsis. Dieses Tarifmodell wurde nach Vergleich der Konditionen verworfen, hieß es jetzt. Es bestünde kaum Spielraum für die Preisgestaltung, weil Vier-Fahrten-Karten, die es bereits gibt, schon stark rabattiert wären, so der VBB-Beirat. Zudem würde eine Zehn-Fahrten-Karte anders als 24-Stunden-Tickets nicht zu mehr Fahrten anregen. Für die jetzige Tarifrunde sei die Zehn-Fahrten-Karte „abmoderiert“.