In Corona-Zeiten kann man froh sein, wenn man einen Balkon besitzt.
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BerlinIn Corona-Zeiten, habe ich festgestellt, passiert an vielen Tagen nichts, und dann plötzlich alles auf einmal. Für mich war der letzte Sonnabend so ein Tag. Meine Tochter kam aus Kassel wieder, wo sie auf der Kinderonkologie gearbeitet hatte. Sie ist Medizin-Studentin. Ich versprach, sie vom Bahnhof abzuholen und freute mich auf einen Abend mit meinen Kindern.

Aber dann, am Freitag, rief mein Mann an. Er war immer noch in Israel, sollte am Montag über Moskau nach Berlin zurückfliegen, aber der Flug war gestrichen worden. Es gab nur noch eine Möglichkeit, um nicht monatelang alleine in Tel Aviv festzusitzen: unsere Sachen zurücklassen, morgens um sechs nach Amsterdam fliegen und von dort mit dem Auto nach Berlin fahren. Ein abrupter Abschied nach zwei Jahren. Und dann noch mit Kater.

Ein wenig widerwillig packte er den Koffer. „Brauchst du noch was?“, fragte er am Telefon. „Die Geburtsurkunden, den Schmuck und zwei Kleider“, sagte ich. „Und Socken“, wollte ich noch hinzufügen, weil ich nur zwei Paar mit nach Berlin gebracht hatte. Aber dann musste ich an Thea Gottschalk denken, die, als ihr Haus in Kalifornien abbrannte, das Katzenklo ins Auto packte, aber nicht die Rilke-Handschrift ihres Mannes. Kurz danach hatte er sie verlassen, nach fast 50-jähriger Ehe.

„Mehr nicht“, sagte ich zu meinem Mann, erinnerte ihn aber sicherheitshalber an die Tierarztunterlagen. „Ich hoffe, Jimmy lässt sich einfangen, nachts um drei“, sagte er. „Ich lasse mein Handy an“, sagte ich. Als würde ihm das helfen!

Nachricht von Yael

Vor dem Schlafengehen bekam ich eine Nachricht von Yael, mit der ich mir zwei Jahre lang Briefe zwischen Tel Aviv und Berlin geschrieben hatte. Ich wohnte jetzt wieder gegenüber von ihr und konnte ihr ins Fenster sehen, aber unser Wiedersehen hatten wir uns auch ein bisschen anders vorgestellt. Sie schrieb: Morgen Abend werde sie ein Balkon-Konzert veranstalten, ich solle den Nachbarn Bescheid sagen. „Wunderbar“, schrieb ich zurück und kündigte an, dass meine ganze Familie zusehen werde. Wenn alles gut gehe.

Es wurde alles gut. Das wusste ich, als ich am nächsten Morgen die Katzenfotos sah, die mir mein Mann von der Reise geschickt hatte. Dazu Kommentare wie: „Jimmy ist in Amsterdam angekommen. Er sieht gerade zum ersten Mal Holland. Ziemlich flach alles.“ Oder: „Jimbo ist jetzt schon stoned, sonst hätte er den Flug nicht durchgestanden. Sagt er.“

Ich stand auf, ging einkaufen, winkte Yael zu, die auf ihrem Balkon die Technik aufbaute, setzte mich in die Sonne und genoss noch einmal die Ruhe vor dem Sturm. Ein paar Stunden später, pünktlich zu Konzertbeginn, war es soweit. Wir standen auf unseren Balkonen – die ganze Familie – und hörten Yael und ihren Musikern zu. Sie sang: „We are flying to the Moon“.

Und natürlich schien auch noch der Mond.

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