Im Cheesecake House and Restaurant in Bangkok werden Cupcakes mit Glasurmasken ausgestellt.
Foto: Sakchai Lalit/AP/dpa

BerlinMeine Mutter hat früher viel gebacken. Sie schloss sich in ihre Küche ein und backte jedes Wochenende mehrere Bleche und Torten: Bienenstich, Mohnkuchen, Eierschecke, Frankfurter Kranz, Erdbeercremetorte. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, sehe ich meine Mutter in der Küche. Im Sommer bestellte sie per Brief Unmengen an Orangeat und Zitronat bei West-Verwandten, um vor Weihnachten ein Dutzend Stollen zu backen. Ein Teil der Stollen wurde in den Westen zurückgeschickt. 

Wenn jemand im Dorf Silberhochzeit feierte, kam er ein paar Tage vorher bei uns vorbei und gab eine Kuchenbestellung ab. Geld verlangte meine Mutter nie, Geld interessierte sie nicht. Zu meiner Hochzeit vor einigen Jahren backte sie zehn Kuchen und eine Torte, dreistöckig. Ich habe Backen fast mein ganzes Leben lang gehasst. Es erschien mir reaktionär und anti-feministisch. Ja, ich weiß, das klingt albern. Vielleicht wollte ich mich nur von meiner Mutter abgrenzen.

Banana Bread für Anfänger

Vor ein paar Jahren habe ich für die Berliner Zeitung ein Porträt der britischen Star-Köchin Nigella Lawson geschrieben. Für die Recherche habe ich mir auch ihr Backbuch gekauft. Nigella Lawson hatte mit dem Kochen und Backen angefangen, als sie ihren todkranken Mann zu Hause pflegte. Am Herd fand sie Abstand und Ruhe. Ich blätterte das Buch durch und bewunderte all die Kuchen und Torten, die ich nie backen würde. Bei einem Rezept blieb ich hängen. Banana Bread, „so simpel, das es wirklich jedem gelingt“, stand daneben. Also auch einem kompletten Backidioten wie mir. Ein paar Jahre später, ich lebte wieder in Berlin und hatte Schwierigkeiten, mich wieder einzuleben, ich vermisste London. Mit Banana Bread, diesem saftigen amerikanischen Fruchtkuchen, fing ich an. Seit einigen Jahren backe ich ganz gerne, allein, mit den Kindern. Ich backe Brownies, Kekse, Torten, Quiches, Brot, Kuchen. Meine Lieblingsbäckerin ist im Moment Helen Goh, eine in London lebende Australierin. Man findet sie auch auf Instagram.

Beruhigender weißer Schaum

Am Anfang des Lockdowns war unser Ofen kaputt.  Seit ein paar Tagen geht er wieder und ich habe angefangen zu backen. Es hilft mir, mich zu konzentrieren und ruhig zu werden. Wenn ich Teig knete, kann ich nicht nach den aktuellen Covid-19-Zahlen gucken. Wenn ich beobachte, wie sich das Natron in der heißen Butter zu Schneeschaum verwandelt, kann ich mich nicht drüber ärgern, was Trump wieder gesagt hat. Die besten Ideen kommen manchmal, wenn ich den braunen Zucker mit Eiern vermische.

Ich backe grad lieber allein. Wahrscheinlich bin ich dabei, mich in meine Mutter zu verwandeln. Früher dachte ich, sie  würde so viel backen, um Anerkennung von anderen zu bekommen, aber jetzt ahne ich, dass sie vor allem für sich backte. Weil sie allein sein wollte. Komischerweise spielen die Kinder auch eher für sich, wenn ich in der Küche beschäftigt bin, als wenn ich am Rechner sitze und schreibe. Kinder sind reaktionär.

Ich backe fast jeden Tag Kuchen. Der einzige Nachteil ist, dass ich nach diesem Lockdown wahrscheinlich 20 Kilo mehr wiegen werde.