Mein Berliner Onkel Otto S. (1904–1977) soll posthum rehabilitiert, das heißt, seine mindestens vier Verurteilungen nach Paragraf 175 Strafgesetzbuch sollen als menschenrechtswidriges Unrecht getilgt werden. Für Otto wäre das ein Glück ohnegleichen gewesen. Seit 1950 hatte er in Interessenvereinen der Homosexuellen mitgearbeitet: dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (Gruppe Groß-Berlin) und der Gesellschaft für die Reform des Sexualrechts. 1969 bedankte er sich bei Bundespräsident Heinemann für dessen als Justizminister vollbrachte Großtat: „Weil Sie mich und die vielen Menschen der ‚anderen Fakultät‘ von diesem grässlichen § 175 befreit haben, der mich ein Leben lang gequält und mir die gesellschaftliche Ächtung in meiner Heimatstadt Bremen eingebracht hat.“ Heinemann empfing Otto im Schloss Bellevue. 1970 schrieb er an den Spiegel: „Wie viel Jammer und Leid wurde durch diesen verfluchten § 175 verursacht, um dessentwillen viele Menschen aller Altersstufen Selbstmord verübten, und unsere Mütter sich grämten und um Jahre alterten.“

Langes Leiden

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