Sie sind schon lange tot, man glaubte sie begraben. Es geht um Erich Honecker, Partei- und Staatschef der DDR, und seine Frau Margot, einst Volksbildungsministerin der DDR. Erich Honecker starb 1994, Margot Honecker 2016 – beide in ihrem chilenischen Exil.

Jetzt erklärt Honecker-Enkel Roberto Yáñez (44) in seinem neuen Buch „Ich war der letzte Bürger der DDR“ (Suhrkamp-Insel, 20 Euro), es habe zwar Trauerfeiern gegeben, aber die Honeckers wurden nie begraben. Die Urnen stünden in Chile – und es gibt Streit. Weil der Enkel die Großeltern in Berlin beerdigen lassen will.

Ging es um den genauen Ort der letzten Ruhestätte der Honeckers, schwiegen Familie und enge Vertraute bisher. Auch Roberto Yáñez schwieg lange, er ist der Sohn von Honecker-Tochter Sonja und dem Chilenen Leonardo Yáñez. Die Familie war nach dem Mauerfall 1989 nach Chile gezogen. Später folgten Erich und Margot Honecker nach.

Im engsten Familienkreis

Roberto Yáñez ist Liedermacher, Maler und Autor. Nach dem Tod Erich Honeckers lebte er in Chiles Hauptstadt Santiago gemeinsam mit Margot Honecker, bis diese im Mai 2016 im Alter von 89 Jahren an Krebs starb. Die Trauerfeier für sie wurde auf dem Friedhof „Parque del Recuerdo“ in Santiago abgehalten.

Die anschließende Beerdigung fand im engsten Familienkreis statt. So ließ man es die Öffentlichkeit glauben. Ähnlich war es Jahre zuvor nach der Trauerfeier von Ex-DDR-Staatschef Erich Honecker. Zwar wurde bekannt, dass Witwe Margot die Urne mit nach Hause nahm. Später wurde erklärt, die Urne sei auf einem Friedhof beigesetzt worden.

Noch warten die Urnen auf ihre Ruhestätte

In seinem Buch über sein Leben als Honecker-Enkel, das am 10. September erscheint, macht Roberto Yáñez in dem Kapitel, in dem er die Trauerfeier für seinen Großvater beschreibt, deutlich, dass Erich Honecker nie ein Grab bekam. „Auf einmal zog ich mit 3000 Menschen zur symbolischen Beerdigung des Erich Honecker. Es werden Reden gehalten. Hinten sitzen einige Jugendliche und rauchen Marihuana“, schreibt Yáñez.

Das Verkünden der Wahrheit über die Honecker-Gräber überlässt der Enkel im Buch Mitautor Thomas Grimm. Der Berliner Filmemacher, der die Honeckers gut kennt und 2013 mit Yáñez bereits die TV-Doku „Honeckers Enkel“ drehte, schreibt im letzten Teil des Buches, dass der Enkel das Kapitel über seine Großeltern abschließen möchte. „Sie sind ja schließlich beide tot. Aber noch sind sie nicht begraben, stehen ihre Urnen bei einem Freund der Familie und warten auf die letzte Ruhestätte“, schreibt Grimm.

Honeckers letzter Wunsch

Die Urnen der Honeckers bei einem Freund der Familien? „Anders als in Deutschland gibt es in Chile keine Bestattungspflicht“, sagt Thomas Grimm auf Nachfrage. „Jeder kann dort die Asche seiner Angehörigen zu Hause aufbewahren oder sie im Garten beisetzen.“ Grimm stellt klar, dass Margot Honecker zu Lebzeiten nie die Urne ihres verstorbenen Mannes bei sich im Haus hatte. „Die Urne kam bereits zu dem guten Bekannten.“

Grimm erklärt auch, warum Margot Honecker ihren Mann nicht beerdigen ließ. „Es war immer sein Wunsch, in Deutschland seine letzte Ruhe zu finden – am liebsten in seinem saarländischen Geburtsort in Neukirchen“, sagt der Mitautor. „Die Familie hoffte immer, dass sich eine Möglichkeit ergeben könnte, was am Ende wohl nicht der Fall war.“

Auch die Urne seiner Frau wurde nicht beigesetzt. „Man will, dass beide an einem gemeinsamen Ort ihre letzte Ruhestätte bekommen, der nun gefunden werden soll.“

Pazifik oder Friedrichsfelde

Darüber gibt es bei den Hinterbliebenen Meinungsverschiedenheiten. Grimm berichtet, dass Honecker-Tochter Sonja die Asche ihrer Eltern dem Pazifik übergeben möchte. „Warum sollen Margot und Erich Honecker nicht ihre letzte Ruhe im größten Meer der Erde finden, was so viele Kontinente miteinander verbindet? Für die einstigen kommunistischen Internationalisten eine nicht unpassende Bestattungsform“, schreibt Grimm im Buch.

Roberto Yáñez sieht das anders. Er glaubt, dass seine Großeltern Zeitpersonen der deutschen Geschichte sind und daher in Deutschland beerdigt werden sollten. „Am besten in Berlin auf dem Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde an der Seite ihrer ehemaligen Genossen – das ist der Wunsch von Enkel Roberto“, sagt Grimm.

An den Friedhof in Friedrichsfelde kann sich Yáñez noch gut erinnern. In seinem Buch beschreibt er, wie er zu DDR-Zeiten als kleiner Junge die Großeltern bei den dortigen Demonstrationen für die ermordeten Arbeiterführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg begleitete. Einmal habe er von Opa Erich eine Nelke bekommen – die er an der Gedenkplatte von Ernst Thälmann niederlegte.