Zwölf Jahre lang führte Sebastian Seusing ein kleines, gut gehendes Familienunternehmen im brandenburgischen Biesenthal: eine Imkerei. 200 Bienenvölker sammelten fleißig Blütenpollen und Nektar für Seusings Bio-Honig. Auch von einem Feld, auf dem die Bienen im April 2019 einen gedeckten Tisch vorfanden – blühenden Löwenzahn.

Wenig später entdeckte Seusing, dass der Löwenzahn von dem Agrarbetrieb, der auf dem Acker Mais anbauen wollte, totgespritzt worden war. Mit einem glyphosathaltigen Pflanzengift. Der Honig, den Seusing daraufhin testen ließ, musste vernichtet werden. Er hatte den zulässigen Glyphosat-Grenzwert um das bis zu 152-Fache überstiegen. Und auch der Honig von den drei Kilometer entfernten Bienenständen war nicht mehr verwertbar. Insgesamt vier Tonnen Honig musste der Agraringenieur als Sondermüll entsorgen. Ihm entstand ein Schaden von 70.000 Euro.

Bisher war es so, dass Imker auf dem durch Pflanzenvernichtungsmittel angerichteten Schaden sitzen blieben. Doch Seusing wehrte sich und verklagte den Landwirtschaftsbetrieb zu Schadenersatz – für die 550 Kilogramm Honig, dessen Nektar und Blütenpollen seine Bienen direkt vom angrenzenden Feld mit dem Löwenzahn gesammelt hatten.

Zwei Jahre dauerte der Rechtsstreit. Am Montag bekam der 48 Jahre alte Seusing vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) im vollen Umfang recht. Die Richterin verurteilte den Agrarbetrieb zu einer Schadensersatzzahlung von rund 14.544 Euro plus Zinsen. Das landwirtschaftliche Unternehmen habe von der Existenz der Bienenstände gewusst, das Pflanzengift also fahrlässig versprüht.

Für die Richterin ist der Fall Seusing eine Einzelfallentscheidung. Sie machte deutlich, nicht grundsätzlich über die Frage geurteilt zu haben, ob jeder Landwirt unbedingt mit Bienen rechnen müsse – auch wenn er die Tiere nicht sieht. Rechtskräftig ist das wohl erste Urteil dieser Art noch nicht.

Für Seusings Anwalt Georg Buchholz ist die Entscheidung ein wichtiges Signal an die Landwirte: Obwohl Glyphosat erlaubt sei, dürfe es nicht wahllos versprüht werden, sagt er. Vielleicht sei es nicht so schlecht, wenn der Verlierer des Rechtsstreits in die nächste Instanz gehe. Dann könne irgendwann einmal eine höchstrichterliche Entscheidung über die Frage gefällt werden, ob Landwirte überall mit Bienen rechnen müssen.

Das sieht auch die Aurelia-Stiftung so, die sich insbesondere für eine bienenfreundliche Landwirtschaft einsetzt und den Imker unterstützt hatte. Nach Angaben von Vorstandschef Thomas Radetzki gibt es in Deutschland etwa „1000 erwerbsorientierte Imker“ und rund 130.000 Freizeit-Bienenhalter, die Honig vermarkten. Man kämpfe seit Jahren dafür, dass die Anwendung von Pestiziden in blühenden Pflanzenbeständen grundsätzlich verboten werde.

Sebastian Seusing ist nicht zur Urteilsverkündung gekommen. Am Telefon sagt er, er sei über die Entscheidung des Gerichts erleichtert. Die 14.500 Euro Schadenersatz seien aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Für seine Imkerei kommt die Entscheidung viel zu spät. Nach dem Desaster mit dem Glyphosat-Honig hat Seusing seinen Familienbetrieb aufgeben müssen. Er arbeitet nun in einem Agrarbetrieb in Schleswig-Holstein. Bienen liebe er noch immer, sagt er.