Schon als die vier die Straßenbahn betreten, ist klar, dass es jetzt laut wird. Sie betreten sie nicht. Sie fallen ein. Eine Flutwelle von Testosteron spült die Jungs durch die Tür. Schwer atmend lassen sie sich in die Sitze fallen. Wie sie es schaffen, gleichzeitig so viel zu atmen und zu reden und zu lachen, bleibt schleierhaft. Auch, wo sie ihre Gehirne gelassen haben.

Die Jungs diskutieren die Frage, wo Leipzig liegt. „In Tschechien“, ruft einer. Die anderen grölen und hauen sich auf die Schenkel. „In der Nähe von Stuttgart“, schlägt ein anderer vor. Und muss sich vom dritten als Honk bezeichnen lassen, da Leipzig ja in der DDR sei – er verwendet tatsächlich das Präsens – und Stuttgart ja wohl nicht. Wieder Gelächter. Der vierte schweigt und knibbelt an einem Pickel. Staunend verfolge ich das Gespräch, während ein Fußball hin- und herfliegt. Diese Jungs haben von allem zu viel, denke ich. Zu viel Kraft. Zu viele Mitesser. Zu viel Selbstbewusstsein. Zu viele Selbstzweifel. Zu viele Hormone. Der Schweißgeruch ist atemberaubend.

Ich mag Teenager. In ihren hellen Momenten stellen sie saukluge Fragen. Sie sind beweglich im Kopf, wollen meistens was anderes als das, was ist. Möglichkeitssinn ohne Ende. Über lange Phasen sprechen sie gar nicht, was sehr wohltuend sein kann in unserer schwatzhaften Zeit. Und ja, manchmal reden sie völligen Stuss. Siehe Leipzig. Aber vielleicht war das Eingangsgespräch, denn mittlerweile geht es um die Abendplanung, eine Alice und einen Jungen, der als „Lauch“ bezeichnet wird, ja auch eine Art Running Gag.

Es ist plötzlich sehr still

Wer weiß. Den Lauch jedenfalls wird man nicht fragen, ob er mitkommt. Der soll mit den anderen Opfern abhängen. Mit tut der Lauch spontan leid, andererseits: Es gibt so viele Opfer in der jetzt entflammten Diskussion, wen man denn anstelle des Lauchs mitnehme, dass der auf keinen Fall allein bleibt. An der Oranienburger poltern die Jungs aus der Bahn. Es ist plötzlich sehr still.

Zwei Stationen weiter muss ich auch raus. Im Bahnhof Friedrichstraße formiert sich eine Kita-Gruppe zu einer Zweierreihe. Alle Kinder tragen blattgrüne Sonnenhüte. Von oben sehen sie aus wie eine Waldwichtelfamilie beim Stadtausflug. Aus der Nähe freilich nicht mehr, denn alle haben sehr urbane krachbunte Rucksäcke auf den Schultern.

Die Kinder zappeln und schnattern entwicklungsgemäß sehr viel durcheinander und ernten dafür liebevolle Ermahnungen ihrer Erzieher und verzückte Blicke einiger Passanten. So klein waren die Jungs von vorhin auch mal, denke ich. Zwerge mit bunten Hüten. Und mag sie gleich noch ein bisschen mehr.