Sie tragen ein Kostüm und eine Maske, um anderen damit aufzulauern. Warum? Stefan Röpke, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, versucht, die Motive der Horror-Clowns zu erklären.

Herr Röpke, was sind das für Menschen, die sich als Clown verkleiden, um Passanten zu überfallen?

Man muss unterscheiden zwischen Menschen, die andere nur erschrecken, und denjenigen, die Waffen dabei haben und diese auch einsetzen. Letztere sind vermutlich Menschen, die sowieso schon zu Impulsivität und Gewalttätigkeit neigen.

Viele nennen diese Clowns Sadisten. Ist das richtig?

Sadismus ist die Freude daran, andere körperlich zu quälen. Ich glaube nicht, dass die meisten dieser Menschen Sadisten sind. Auch psychisch Kranke würden sich eher nicht als Clowns verkleiden. Ich denke, es gibt einerseits diejenigen, die sich „nur“ einen Scherz erlauben wollen, andererseits solche, die den Trend nutzen, um ihre Gewaltbereitschaft auszuleben.

Warum wirken diese Clowns so besonders unheimlich?

Menschen kommunizieren sehr viel über Gesichter. Wenn man von jemandem bedroht wird, der eine Maske trägt, verunsichert das zusätzlich. Man kann nicht einschätzen: Ist das ein Spaß? Meint der das ernst? Ist das Gesicht hinter der Maske friedlich oder aggressiv?

Und jemand, der eine Maske trägt, neigt eher zu Brutalität?

Ja, er hat dann weniger das Gefühl, man könne ihn für seine Taten verantwortlich machen. Das ist so ähnlich wie mit den Kommentaren im Internet, die in letzter Zeit stark zugenommen haben. Wer unter Pseudonym schreibt, greift andere auch aus einem Versteck an – nur eben verbal. Er hat weniger Hemmungen, andere zu beschimpfen.

Einige Clowns filmen ihre Überfälle und stellen die Filmchen ins Internet. Was gibt ihnen das?

Aufmerksamkeit, Beachtung, vielleicht Bewunderung von Freunden, die wissen, wer hinter der Maske steckt. Da ist so ähnlich wie bei einem Graffitisprayer, der seinen Namen an ein Gebäude sprüht. Es ist aber auch ein Wechselspiel zwischen den Menschen, die sich jetzt einfach aus Neugier die Filme ansehen, und den Tätern. Die Filme werden viel geklickt, deswegen werden sie weiter produziert.

Wir Journalisten fragen uns, ob man wegen möglicher Nachahmungstäter zurückhaltender über die Clowns berichten sollte. Was meinen Sie dazu?

Wir kennen das Phänomen, dass Menschen dazu neigen, andere nachzuahmen, vom Thema Suizid. Wenn über einen Suizid stark berichtet wird, gibt es in den Tagen danach mehr Suizide, weil sich Menschen, die sowieso schon in diese Richtung denken, stärker dazu animiert fühlen. Studien haben das nachgewiesen. Idealerweise berichtet keiner darüber, dann gibt es den Effekt nicht. Das spricht aber gegen die menschliche Natur und den Drang, wissen zu wollen.

Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie einem Horror-Clown begegnen?

Weglaufen – und wenn er eine Waffe hat, die Polizei anrufen.

Das Gespräch führte Alice Ahlers.