Berlin - Wissen Sie, was mir Angst macht? Irgendwann wird die Kitazeit meiner Kinder vorbei sein und dann geht die Schule los. Seit Jahren kursieren aus den Berliner Schulen nur Horrorgeschichten. Es ist, als würde man das Kind, das man jahrelang mit zuckerfreier Kost, pädagogisch wertvollem Holzspielzeug und Einschlafbegleitung verwöhnt hat, plötzlich in eine Krisenregion abschieben. Eine schlimme Schlagzeile jagt die andere: Brandbriefe, Lehrermangel, Platzmangel, Lehrer-Burnout, Unterrichtsausfall, Mobbing, baufällige Turnhallen, verschimmelte Toiletten. Hilfe! 

Der Druck, früh eine gute Schule in Berlin zu finden, ist hoch

Die meisten Eltern sind nervös, der Druck, sich um eine gute Schule zu kümmern, ist hoch und beginnt früh. Ob ich mich um einen Platz bei der bilingualen, prestigereichen Nelson-Mandela-Schule beworben habe, wurde ich das erste Mal gefragt, als mein Sohn etwa zwei Jahre alt war. Jetzt ist er vier und die Schulwahl ist so ein großes Thema, als stünde die Einschulung unmittelbar bevor. Einige Eltern haben bereits mehrere Info-Veranstaltungen besucht, ein Vater erzählte mir von einer Liste mit zehn Schulen, die er nach und nach durchcheckt.

Ein deutsch-deutsches Paar ist extra nach Zehlendorf gezogen, in eine kleinere, teurere Wohnung, damit der Sohn in einem Jahr dort in die deutsch-englische Schule eingeschult werden kann. Um für den globalen Wettbewerb gerüstet zu sein. Ist das, was von Eltern heute erwartet wird? Und wie geht es weiter? Muss man den Kindern die Tasche bis zum Abitur in die Schule tragen? Die guten Unis bestechen, damit der Nachwuchs einen Platz bekommt, wie das offenbar ein paar Hollywood-Mütter gemacht haben?

Viele Eltern schicken ihre Kinder direkt auf Privatschulen 

Viele Mittelschichtseltern trauen den staatliche Schulen nicht mehr und wollen sich auf Privatschulen retten oder gleich selbst unterrichten. Das ist zwar verboten, aber trotzdem populär. In meinem Bekanntenkreis scheint gefühlt jeder Zweite sein Kind auf eine Privatschule schicken zu wollen.

Da denke ich nicht nur an die Eltern aus Prenzlauer Berg, sondern auch an meine Verwandten in Frankfurt/Oder. „Unsere Tochter kommt in die Waldorfschule, das ist ganz toll, ganz kreativ“, erklärte meine Cousine, eine Finanzbeamtin. Ob ich meinen Sohn wirklich in die Kiezschule schicken wollte? Käme das nicht Vernachlässigung gleich?

Auf meiner Dorfschule hatte es einen Lehrer gegeben, der anders war als alle anderen, er war aus Stuttgart in den Osten gekommen und hieß Herr Proksch. Herr Proksch trug Cordhosen und stets ein Taschenbuch von Raymond Chandler in der Tasche, er trank Schwarztee mit Milch. Ohne ihn wäre ich, ein Arbeiterkind, nicht Journalistin geworden. Manchmal braucht es nicht mehr als einen solchen Lehrer. Oder eine Lehrerin.

Die Zeiten sind anders, wandte eine Mutter ein, als ich ihr davon erzählte. Ihr älterer Sohn war im vergangenen Jahr in die Schule gekommen. „Unterschätze nicht die erste Klasse“, sagte sie. Das sei alles so anstrengend, dass sie beschlossen habe, ihren Wiedereinstieg in den Beruf weiter aufzuschieben, um den Sohn nach der Schule weiter optimal zu betreuen. Ich hörte und ich vermisste Herrn Proksch.