Horst Bosetzky-Nachruf: Ein Optimist mit Humor

Als Soziologe und als Berliner weiß man, dass jedem alles passieren kann.“ Horst Bosetzy war schon krank, als er das im vergangenen Januar im Interview mit der Berliner Zeitung aus Anlass seines 80. Geburtstages sagte. Aber Bosetzky, bekannt als Erfinder des Sozio-Krimis unter dem Kürzel -ky in den 70er Jahren, war nicht nur echter Berliner, ein Hinterhofkind aus Neukölln, ein Rütli-Schüler, wie er gerne in perfektem Berlinerisch erzählte. Er war auch ausgestattet mit einer großen Portion (Berliner) Humor und er war trotz seines Hangs zum Hypochondrischen eines: ein Optimist. Deshalb bat er noch vor einem Monat, man möge das geplante gemeinsame Essen doch verschieben – bis die Lage wieder besser werde.

Das wurde sie nicht. Am Sonntag ist Horst Bosetzky gestorben, im Kreise seiner Familie. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder. Und er selbst hätte hinzugefügt – auch mehr als 50 Bücher. Denn auch sie waren so etwas wie Kinder für ihn. Er schrieb für sein Leben gern. Und das Schreiben war sein Leben. Erst schrieb der gelernte Industriekaufmann als „John Drake“ und „John Tayler“ Heftromane. Später, nach seinem Soziologie-Studium, als noch keiner wusste, wer -ky war, schrieb er erfolgreiche Krimi-Taschenbücher für den Rowohlt-Verlag, früh morgens bevor sein Alltag als Wissenschaftler (und später als Soziologie-Professor) begann.

Das SPD-Mitglied Bosetzky rückte die Täter in den Mittelpunkt, fragte, warum jemand zum Täter wird, welche Verhältnisse ihn dazu machen. Er thematisierte damals schon Themen wie Ausländerhass und Mobbing. Damit begann die Zeit der „Sozio-Krimis“.

Zwischen Familien-Saga und Rätsel-Krimis

Nachdem 1981 das Geheimnis um -ky gelüftet worden war – als sein Buch „Kein Reihenhaus für Robin Hood“ verfilmt wurde – begann Bosetzky mit dem Schreiben seiner autobiographisch geprägten Familiensaga. Sie wurde zu einem Sittengemälde des Berlins der kleinen Leute, denn diese waren für Bosetzky stets die wahren Helden. Immer wieder verpackte der Organisations-Soziologe darin seine Kritik an der modernen, auf Profit getrimmten Arbeitswelt. Er war zudem ein Freund des Nahverkehrs und veröffentlichte auch Bücher über S- und Straßenbahnen, und er war ein Freund des Sports. 1956 war er zweitschnellster 100-Meter-Läufer Berlins.

Bosetzky erfand vor elf Jahren die erfolgreiche historische Krimi-Reihe im Jaron-Verlag „Es geschah in Berlin“, deren Bände inzwischen die Jahre 1910 bis 1966 abdecken. Mehrere Bücher widmete er historischen Kriminalfällen und schrieb Romane über Persönlichkeiten wie Borsig, Zille oder den Turnvater Jahn. Nebenher arbeitete der sehr diszipliniert schreibende, den Kalauer liebende Bosetzky weiter an der Familiensaga. 1717 hatte er sie beginnen lassen. „Brennholz für Kartoffelschalen“, der Band, der die Jahre 1946 bis 1952 abdeckt, wurde zum Verkaufsschlager. Elf Bände der Saga, die bis ins Jahre 2012 reicht, sind veröffentlicht. Dazwischen hatte Bosetzky auch Zeit gefunden, mehrere Rätsel-Krimis für die Berliner Zeitung zu verfassen.

Der Optimist

Zuletzt saß er an dem Roman der Familien-Saga, der 2018 enden sollte. Es werde nicht einfacher, denn immer häufiger, so sagte er, fänden sich nun Freunde, Mitglieder seiner Wandergruppe und nahestehende Familienmitglieder in den Bänden wieder. Dennoch machte er weiter, mit kurzen Pausen, in denen er, so weit er noch kam, durch den Kiez spazierte. Die Realität mit den eigenen, kritischen Augen sehen, war ihm wichtig. Bis zuletzt.

„Schreiben ist für mich – zumal als Krebspatienten – Therapie, Medizin, Trost, Ablenkung, Leidenschaft. Alles in einem“, hatte er gesagt. Und so sehr er Optimist war, so genau wusste er doch, dass selbst die beste Therapie nicht immer helfen kann. Deshalb hatte er schon vor Jahren mal formuliert: „Posthume Veröffentlichungen sind auch was Schönes.“