Seit 20 Jahren betreibt Edgar Schmidt von Groeling Hostels auf der Spree: Zuerst eine Zwölf-Personen-Herberge in der Tiergartenschleuse, seit 2005 das „Eastern Comfort“ mit 25 Kabinen. 2007 kam das „Western Comfort“ mit 17 Kabinen hinzu. Beide Hostels liegen an der Oberbaumbrücke. Zum Interview empfängt der 54-jährige Architekt in der Lounge, deren Möbel geschmackvoll, einfach und vor allem strapazierfähig sind. Und während der Fotograf nach einem geeigneten Motiv sucht, verankert Edgar Schmidt von Groeling schnell noch eine Lampe, die aus der Deckenverkleidung herausgerutscht ist.

Was hat Sie bewogen, ein Hostel zu betreiben?

Es ist ein Saisongeschäft: Ich verdiene mein Geld im Sommer, wenn es in Berlin meist schön ist. Im Winter kann ich mich auf meine Crew verlassen und verreisen. Und den Leuten, die ich dabei kennenlerne, biete ich an: Ich hab ein Hostel, du kannst kostenlos bei mir wohnen. Das ist mir wichtig, weil die oft wenig Geld haben.

Wie würden Sie Ihren klassischen Gast beschreiben?

Den gibt es gar nicht. Im Moment kommen viele Festivalgäste und Franzosen. Ganz typisch ist die Kombination Mutter und Kind, Vater und Kind oder Familie mit Oma und Opa. Heute checken zwei alte Stammgäste ein. Die beiden können kaum kriechen, sie ist gestern 88 Jahre alt geworden. Normalerweise wohnt das Paar in Luxushotels, aber sie lieben es, bei uns zu sein. Es gibt viele ältere Leute, die immer wiederkommen. Wir haben auch viele Gruppen, aber wir wollen, dass die zahm bleiben.

Wie schaffen Sie das?

Man kann im Internet nicht mehr als zwei Zimmer buchen. Gruppen müssen einen Fragenkatalog ausfüllen. Am besten sind gemischte Gruppen mit einem konkreten Vorhaben. Wir sagen vorher immer: Wir sind kein Partyhostel. Wer das nicht beachtet, muss gehen.

Wer sieht sich die Fragebögen an?

Meine Angestellten. Der eine ist Engländer und die andere Französin. Beide sind viel gereist und arbeiten schon lange im Hostel. Sie wissen, wie sich welche Gruppen voraussichtlich benehmen. Wir sind in der glücklichen Lage, meist ausgebucht zu sein. Ich muss kein Risiko eingehen.

Welche Gäste können zum Problem werden?

Gäste, die online buchen, sind fast immer okay. Schwierigkeiten haben wir eher mit spontanen Anmeldungen, weil das auch Leute sein können, die woanders schon rausgeflogen sind. Leute, die mit einer Plastiktüte kommen, keine Schuhe anhaben, komisch riechen, besoffen sind oder sich merkwürdig benehmen, schicken wir weg. Es gibt viele verrückte Leute. Menschen mit Verfolgungswahn kommen hierher und fassen gleich die Wände an. Solche realitätsfernen Gäste können sehr betreuungsintensiv werden. Ich sage immer: Lieber einen Gast ablehnen und den anderen einen ruhigen Aufenthalt ermöglichen, als einen hereinzunehmen, der dann vielleicht zum Problem wird. Trotzdem stimmen wir bei manchen Leuten ab, ob wir sie behalten. Irgendjemand macht immer gerade den Schritt auf die schwarze Liste.

Eine schwarze Liste?

Da setzen wir Leute drauf, die ständig Sonderwünsche äußern: Machst du mir Wasser heiß? Wärmst du mir mein Essen auf? Kann ich meinen Einkauf in euren Kühlschrank stellen? Könnt ihr bitte meine Schuhe trocknen? Kann ich ein doppeltes Kopfkissen haben? Eine Asthmatiker-Decke? Ich will ein anderes Bett. Ein anderes Zimmer. Ich möchte lieber auf der Seeseite schlafen. Auf der Landseite. Wenn ein Rezeptionist nur wegen eines Gastes rennt oder wenn ein Gast sich ständig beschwert, verlängern wir seinen Aufenthalt nicht.

Die Liste der Sonderwünsche ist lang.

Es gibt immer neue Möglichkeiten. Wir haben mal ein Spiel gebastelt, eine Art Monopoly. Die Steine waren mit Fotos der schwierigen Gäste beklebt. Die Fotos hatten wir vom Ausweis, damals war der Datenschutz nicht so streng. Da gab es Spielsituationen: „Du hast versehentlich einen schwierigen Gast eingecheckt – ab ins Gefängnis!“ Oder: „Ein einsamer Reisender will sich eine halbe Stunde mit dir unterhalten – setze eine Runde aus!“

Was erleben Sie noch?

Alles Mögliche: Gäste, die ihr Taxi nicht bezahlen, dann ins Hostel rennen, sich in ihrer Kabine verbarrikadieren, bis die Polizei droht, die Türschlösser aufzuschießen. Leute, die im Club gegenüber Mist gebaut haben, denen rannten die Türsteher hinterher bis aufs Oberdeck, wo die Gäste mit Feuerlöschern herumsprühten und vergeblich versuchten, die Türsteher abzuschütteln.

Aus welchen Ländern kommen die angenehmsten Gäste?

Es gibt unterschiedliche Blickwinkel. Als ich im Tiergarten noch allein mein kleines Hostel betrieb, konnte ich immer genau sagen, wer dagewesen war: Die Holländer, Spanier und Brasilianer hatten immer einen Heidenspaß. Allerdings sah die Bude hinterher entsprechend aus. Bei den Deutschen wusste man nie, ob es ihnen gefallen hat. Dafür wirkten die Zimmer so, als hätte keiner darin gewohnt. Chinesen – damit meine ich nicht die Hongkong-Chinesen – empfinde ich oft als anstrengend und humorlos. Deshalb werbe ich in China auch nicht für das Hostel. Aber es gibt immer Ausnahmen.

Sie erleben Ihre Gäste in allen Lebenssituationen.

Man hört es im Hostel, wenn Pärchen laut Sex haben, sich streiten, manchmal sogar prügeln. Denen sagen wir immer: Es ist ja schön, wenn ihr euch amüsiert oder eben nicht amüsiert, aber alle anderen bekommen das auch mit.

Trennen sich auch Paare?

Das erlebt man immer wieder: Männer laufen weg, Frauen laufen weg oder kommen aufgelöst zu uns und sagen, der Mann hätte sie verprügelt. Die streitenden Paare trennen wir räumlich und versuchen, mit denen zu reden, aber nicht zu lange, wir sind keine Seelsorger. Einmal haben wir die Polizei geholt. Da hat eine Frau die Sachen ihres Mannes in die Spree geworfen: seinen Koffer, seine Klamotten, sein Portemonnaie. Zum Glück ist vieles auf den Brutinseln vor dem Schiff gelandet. Was oben schwamm, haben wir mit einem Käscher herausgefischt. Vor Kurzem haben wir beim Saubermachen der Inseln die Fahrerlaubnis des Mannes gefunden, die lag dort sechs Jahre.

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis im Hostel?

Kurz nach der Eröffnung ist ein Gast gestorben. Ich hatte mir das erste Mal Urlaub gegönnt. Drei Tage später kam ich zurück und schaute mir die Buchungen an. Ich sagte: Was ist denn mit diesem Gast, der muss doch umziehen? Ich ging in sein Zimmer und mir war gleich klar, dass der Mann tot war. Ein Geschäftsmann um die 50, er wollte telefonieren, bekam einen Herzinfarkt und ist auf dem Bett sitzend vornüber gekippt mit der Stirn auf den Tisch. Niemand hat etwas gemerkt, weil es im Hostel nicht üblich ist, jeden Tag die Zimmer sauber zu machen.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich rief die Polizei: Hier ist jemand gestorben, der ist tot, hundert Prozent, da kann man nichts mehr machen, ich bitte um Diskretion. Unser Hostel war voll, direkt davor war eine Strandbar, alle saßen in Liegestühlen. Und dann kamen drei Wagen mit Blaulicht über die Oberbaumbrücke. Erst nachdem die Kriminalpolizei dagewesen war, konnten die Bestatter den Toten abtransportieren. Ich versuchte, die Leute abzulenken. Sie sollten nicht sehen, wie der Leichensack herausgetragen wird. Trotzdem haben alle gefragt, was los sei. Ich habe gesagt: In Deutschland bringt man die Leute so ins Krankenhaus. Natürlich hat mir niemand geglaubt. Die Freundin des Toten hat dann auf dem Dach eine Trauerecke eingerichtet, mit Kerzen und einem Bild. Drei Jahre lang kam sie am Sterbetag vorbei und brachte Blumen.

Jetzt zum Schluss aber noch: Was ist das Schöne an Ihrer Arbeit?

Es ist eine tolle Art, sein Geld zu verdienen, weil man sehr viele zufriedene Gäste hat. Sie bedanken sich ständig bei mir und meiner Crew, lassen uns Geschenke da und albern mit uns herum. Die sind ja gut drauf, haben Urlaub und alle was zu erzählen. Deshalb kann man seine Zeit sehr gut im Hostel verbringen. Es gibt so viele spannende Geschichten. Daraus ziehe ich meine Freude.