Schwester Theresia hat Routine. Das sieht man deutlich. Immer wieder taucht aus der Tiefe der Maschine ein neues heißes Eisen auf. Hebt sich der Deckel, muss Schwester Theresia blitzschnell zugreifen und die fertig gebackene Teigplatte herunterziehen. Schon fährt das Eisen weiter. Gerade noch kann sie mit einem Stab kleben gebliebene Reste abstreifen. Schon spritzt die Maschine wieder neuen Teig auf die heiße Fläche und aus der Tiefe taucht ein neues Eisen auf. So geht es in einem fort.

Schwester Theresia ist 65 Jahre alt, aber sie meistert ihre Aufgabe scheinbar mühelos. In weißer Schwesterntracht sitzt sie hinter der großen Maschine, die einen ohrenbetäubenden Lärm veranstaltet und lässt sich nicht aus dem Takt bringen. Es zischt und brutzelt. In der Luft hängt der Geruch von gebackenem Brot. Schwester Theresia backt Hostien – jene weißen oder bräunlichen Oblaten, die in katholischen und evangelischen Gottesdiensten zur Kommunion ausgeteilt werden. Schwester Theresia lebt im Benediktinerinnenkloster St. Gertrud in Alexanderdorf südlich von Berlin. 28 Schwestern leben hier. Fast alle katholischen und viele evangelische Gemeinden Ostdeutschlands bestellen ihre Hostien in Alexanderdorf.

72 Kilo Mehl am Tag

Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin ist an diesem Tag Schwester Theresia für die Hostien zuständig. Seit 7 Uhr früh laufen schon die verschiedenen Maschinen, die für das Hostienbacken nötig sind. In großen Säcken steht Weizenmehl bereit. 72 Kilo Mehl verbraucht Schwester Theresia am Tag, das ergibt etwa 17.000 Hostien. Das Mehl stammt aus einer Mühle in der Nachbarschaft. Schwester Theresia kauft es ausschließlich dort. Anderes Mehl ergibt einen anderen Teig und der klebt dann vielleicht. „Wenn’s klebt, macht’s keinen Spaß“, sagt Schwester Theresia und lacht. Denn an diesem Tag geht ihr die Arbeit leicht von der Hand.

Wasser und Mehl, das ist alles, was man für Hostien braucht. Am frühen Morgen haben die beiden Frauen den Teig angerührt. In großen rollbaren Teigeimern steht er jetzt neben der Maschine. Automatisch saugt das Gerät die Mischung an und spritzt sie auf ein heißes Eisen. Zwei Minuten später öffnet sich das Eisen vor Schwester Theresia. Mit Handschuhen nimmt sie die fertig gebackene Teigplatte und stellt sie zum Abkühlen in einen Rost.

Ist der Rost voll, trägt ihn die Mitarbeiterin in einen Rollwagen. In einem Nachbarraum stehen zahlreiche solcher Rollwagen mit hunderten Teigplatten. Über Nacht werden sie befeuchtet, damit sie nicht brechen, wenn am nächsten Tag kleine runde Hostien aus den Platten gebohrt werden. Gestanzt werden nämlich nur die weißen dünnen Hostien. Drei Viertel der Oblaten sind jedoch dicker, etwas länger gebacken und deshalb bräunlich. Sie sind beliebter bei den Gemeinden. „Sie schmecken etwas mehr nach Brot“, sagt Schwester Theresia. Die Hostienbäckerinnen stapeln Teigplatten übereinander in einem Kasten. Dann werden die runden Scheiben mit einer speziellen Bohrmaschine von Hand ausgebohrt und fallen nach unten in einen Behälter.

Zeit für das Mittagsgebet

In den Regalen stapeln sich Körbe mit Tüten voller Hostien. 1000 Stück passen in einen Beutel rein. Schwester Theresia zählt 100 ab und wiegt sie. Alle weiteren packt sie dann nach Gewicht. 13 Euro kostet eine Tüte mit 1000 kleinen Brothostien. Es gibt auch größere für die Priester. Das Kloster hat das Hostienbacken als Gewerbe angemeldet. Es ist die Haupteinnahmequelle für die Gemeinschaft. Geld kommt auch über die Vermietung von Gästezimmern, Kurse und die geistliche Begleitung von Menschen herein. Draußen schlägt die Kirchenglocke. Es ist 12.15 Uhr – Zeit für das Mittagsgebet. Schwester Theresia stellt die Maschine ab.

Das Kloster wurde 1934 gegründet. Es befindet sich auf dem Grund des früheren Alexanderhofs. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren bauten die Schwestern die vorhandenen Gebäude schrittweise zu einem Kloster um. Die Kirche befindet sich heute in der ehemaligen Scheune. Es ist ein schöner Raum. Schräg fallen die Sonnenstrahlen durch schmale Fenster im Dach herein. Jeweils in zwei Reihen stehen die Bänke einander gegenüber. Darauf haben nun die Schwestern in ihren einheitlichen Trachten mit dem schwarz-weißen Schleier und der schwarzen Tunika platzgenommen. Nicht nur optisch, auch akustisch wirkt das Ganze ausgesprochen harmonisch. Das Gebet besteht aus Gesängen, ein Wechselspiel aus wiederkehrenden und abweichenden Texten, die hellen Frauenstimmen antworten einander. Gegenchörig nennt das Schwester Ruth.

Ruth Lazar ist 53 Jahre alt. Sie lebt seit 1983 an diesem Ort. Mit 23 Jahren ist sie in das Kloster eingetreten. Ihre Entscheidung teilte sie ihren Eltern erst mit, als sie bereits gefallen war. „Für mich war es richtig“, sagt sie. Ruth Lazar stammt aus einem katholischen Elternhaus. Dass ihre Tochter ins Kloster gehen wollte, habe die Eltern allerdings dann doch überrascht, sagt sie. Die Strenge des klösterlichen Lebens wirkte auf die Eltern wohl abschreckend. Um 5 Uhr am Morgen aufstehen, ein erstes Gebet, dann ein gemeinsames in der Kirche, Bibelzeit, Eucharistiefeier. All das findet bereits vor dem Frühstück statt. Es wird gearbeitet und wieder gebetet. Gespräche finden in einer klar bemessenen Erholungszeit statt. „Tagsüber richten wir uns auf Gott aus, wir plaudern nicht“, sagt Schwester Ruth. Es ist Zeit für einen Mittagsschlaf, aber anschließend wechseln sich Gebete wieder mit Arbeit ab.

Leben für Gott

Neben der Hostienbäckerei, gibt es auch eine Werkstatt zur Herstellung lithurgischer Gewänder. Das Haus muss geputzt, das Essen gekocht, die Wäsche gewaschen werden. Im Klostergarten wartet Arbeit, Meditationskurse, Bibelkreise, Vorträge, Gesprächsrunden müssen vorbereitet werden und die Gäste versorgt. Nachtruhe ist um kurz nach neun, danach sollen keine Telefonate mehr geführt, kein Internet mehr benutzt und keine Schmöker mehr gewälzt werden. Einen Fernseher gibt es ohnehin nicht. „Es ist ein Dienst. Es geht um Disziplin“, sagt Ruth Lazar.

Sie sagt, sie sei fromm. „Das ist ein gutes Wort. Gott ist für mich wichtig“, sagt sie. Das Kloster lernte sie schon kennen, als sie erst 14 Jahre alt war. Dort fand sie auch etwas, das ihr das Bildungssystem der DDR versagte: Sie konnte studieren: Theologie. „Geistesbildung liegt mir“, sagt sie.

Sechs Jahre Probezeit müssen Novizinnen durchstehen. Sie prüfen sich selbst und auch die Gemeinschaft hat Gelegenheit zu sehen, ob die Neue dazu passt. „Die Probezeit ist gut“, sagt Ruth Lazar. Da zeige sich, ob diejenige für das Leben im Kloster die nötigen Voraussetzungen mitbringt. Das frühe Aufstehen, immer wenn die Glocke läutet, in die Kirche gehen, bei Tisch schweigen – nicht jede hält das aus. Für die Gemeinschaft ist außerdem der Antrieb entscheidend, weshalb eine Frau ins Kloster eintreten will. Sind es vielleicht schwierige Lebensumstände, die das Leben im Kloster als attraktive Alternative erscheinen lassen, dann würden ihr die Schwestern abraten. Ausschlaggebend sollte schon ein tief verwurzelter Glaube sein. „Ob sie wirklich Gott sucht“, zitiert Schwester Ruth den Ordensvater Benedikt.