Lieber nicht: Neil Numb (l.) und Jonathan O'Reilly.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

BerlinComedy-Produzent und Umweltaktivist Neil Numb fragte sich Anfang des Jahres, wieviel Balkonfläche in Berlin für die kommerzielle Landwirtschaft zur Verfügung stehen würde, wenn jemand sie nutzen wollte. 

Während er überlegte, woher er die Zahlen für seine Berechnungen nehmen könnte, ging er mit seinem Freund Jonathan O‘Reilly ein Bier trinken. O‘Reilly ist Gründer und Geschäftsführer von Crazy Bastard Sauce, einer Marke von scharfen Soßen, die man auf fast allen Berliner Märkten sowie mittlerweile einige Läden findet. Die beiden sprachen darüber, wie schwierig es ist, „das ganze Jahr über frische Chilis in Berlin zu bekommen“, erinnert Numb. Und damit war es nur noch ein kleiner Schritt, bis aus den Gedanken der beiden Freunde eine gemeinsame Idee wurde: Was wäre, wenn man die Chilies in Berlin anbauen würde? Zum Beispiel auf Balkonen? 

So fingen die beiden an, über Balkon-Sauce mit Chilischoten, die nur aus Berlin stammen, zu diskutieren. Der Essig, eine wichtige Zutat für die scharfe Sauce, könnte sogar auch von einem Lieferanten aus der Hauptstadt stammen. Die Idee des „Berliner Superhot Chili Projects“ war geboren. 

Man wird emotional mit den Pflanzen verbunden, weil es sich am Ende auszahlt.

Neil Numb

„Der ursprüngliche Plan war, dass ich die Chilis anbaue und Jonathan sie auf den Märkten verkaufen würde“, sagt Numb. Als kleine Zugabe zum Kauf einer Crazy Bastard Sauce. Dann wurde ihnen klar, dass sie die Chilis tatsächlich von den Kunden zurückkaufen und ein lokales Versorgungsnetz aufbauen konnten. Bald verkauften sie Saat- und Pflanzgut und lieferten auch an Gemeinschaftsgärten und besetzte Häuser in der Stadt. Das Netz der Berlin-Bauern wuchs.

Inzwischen pflegen etwa 500 Menschen rund 1200 Pflanzen auf Balkonen, in Kleingärten und in Hofgärten. Die Setzlinge kosten vier Euro pro Stück, ein Paket Samen drei Euro. Crazy Bastard zahlt seinen Lieferanten dann für zwei Kilo der superheißen Chilischoten 20 Euro pro Kilo in bar – oder 30 Euro in Crazy-Bastard-Krediten.

Höhepunkt des Projekts wird den Verkaufsstart der ersten Balkon-Chilisauce auf dem Berliner Chili-Fest im Jöckel Biergarten in Neukölln am 26. September sein. Eine Flasche soll etwa sechs Euro kosten.

Neben dem Verkauf von allerlei scharfen Saucen wird es auf dem Fest auch Wettbewerbe für den hässlichsten Pfeffer und die hübscheste Pflanze geben. Aber keinen Wettbewerb für Chili-Essen, da das in der Vergangenheit für die Wettbewerber unangenehm wurde.

Besser nicht anfassen: Die erste Ladung California Reaper.
Foto: Jae Brim/privat

Die Aussaat ist Carolina Reapers, die schärfste Pfefferpflanze der Welt, aber das Projekt wird jede Chili-Sorte kaufen, die im Umkreis von 50 Kilometern um den Crazy-Bastards-Laden (Weserstraße in Neukölln) angebaut wird – und eine Scoville-Bewertung (so wird der Schärfe-Grad gemessen) von einer Million oder mehr Einheiten hat. Die Carolina Reaper liegt übrigens 2,2 Millionen Scoville-Einheiten. Zum Vergleich: Tabascosauce liegt bei 5000 Scoville.

„Bevor man sie liefert, muss man die Stiele abschneiden, und die Augen beginnen von den Pfefferdämpfen zu tränen“, sagt Brim. „Ich habe versehentlich ein Bündel mit meinen Händen aufgehoben und hatte chemische Verbrennungen.“ O‘Reilly von Crazy Bastard sagt, dass die Carolina Reapers ausgewählt wurden, weil sie aufgrund ihrer hohen Scoville-Bewertung nicht viel Obst brauchen: „Man kann ein kleines Stückchen davon mit etwas Tomatensoße dazugeben und schon hat man eine scharfe Soße.“

Die Geschäftsidee der beiden hat sogar eine kleine Heimindustrie entstehen lassen. Numb verkauft jetzt Chili- und Gemüsesamen sowie Zubehör für den Anbau unter chilipunk.com. Und er zieht sogar eine Vollzeitfarm irgendwo in der Stadt in Betracht. „Neil hat die Gemeinde wirklich vergrößert, was bedeutet, dass wir künftig noch viel mehr Chilis bekommen werden“, berichtet O'Reilly. Und die Berliner Chili-Gärtner organisieren sich inzwischen sogar schon – zum Beispiel auf der Berlin Chili Growers Facebook Seite. Die Seite hat mittlerweile über 400 Follower und bietet Ratschläge für Gärtner. Manche zeigen dort stolz ihre Pflanzen – auch solche, die nicht mit dem Projekt zusammenhängen. „Wenn wir genug davon bekommen, können wir sie das ganze Jahr über verkaufen, sagt O'Reilly. Wir können die Chilis einfrieren und verwenden saisonale Zutaten“, sagt O'Reilly. Auf diese Art bleibt Berlin das ganze Jahr über scharf.