Man hat sich zuletzt daran gewöhnt, den wundersamen Wiederaufstieg des Kudamms zu einer Straße von (mindestens) weltstädtischem Rang zu bejubeln. Bulgari, Porsche, demnächst auch Apple. Schick! Das Hotel Waldorf-Astoria? Noch schicker! Doch jetzt gibt’s Rabatz im Kiez des alten und des neues Geldes.

Mancher sieht das gute (?), in jedem Fall aber das alte (!) West-Berlin in Gefahr. Es steht nicht gut um das Hotel Bogotá, einem so gar nicht schicken aber geschichtsträchtigen Hotel in der Schlüterstraße, nur ein paar Meter entfernt vom Kudamm. Weil die Geschäfte seit Jahren schlecht laufen, haben sich Mietschulden von fast 180 000 Euro angesammelt.

Der Vermieter hat bereits gekündigt. Sollte nicht noch ein kleines Wunder geschehen, ist Ende Oktober Schluss – allen Vermittlungsversuchen auch aus der Politik zum Trotz.

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„Das Hotel Bogotá ist ein authentisches und anschauliches Stück Berlin. Ich appelliere an alle Beteiligten eine Lösung zu finden, die dem geschichtsträchtigen Haus eine Zukunftsperspektive eröffnet.“ Das schreibt Kulturstaatssekretär André Schmitz. Im Hotelfoyer liegen Unterschriften zum Erhalt des Hauses aus. Auf einer Postkarte steht der Spruch „Bogotá statt geheiztem Kudamm“.

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Das zielt direkt auf den Eigentümer des Hauses, auf Thomas Bscher. Der ist auch am pompösen Haus Cumberland beteiligt, noch so ein viel gefeiertes Weltwunder keine hundert Meter weiter auf dem Kudamm. Dort wird der Gehweg tatsächlich geheizt, damit im Winter die Gäste nicht auf Eis und Schnee rutschen müssen.

Mit Wucht überrollt

Solcherlei Luxus sucht man vor oder auch im Hotel Bogotá vergeblich. Von den 124 Zimmern haben nur 70 ein Bad, nur in 60 gibt es einen Fernseher (in jedem jedoch eine Bibel und das Buch Buddhas). Mancher Teppich gehörte eher auf den Müll, als in ein Hotelzimmer in einer Kudamm-Seitenstraße – aber es gibt eben auch liebevoll eingerichtete Zimmer mit ausgesuchtem Interieur und Kunst an den Wänden. Das Haus lebt von seiner wechselvollen Geschichte.

Und die ist gerade dabei, das Bogotá mit Wucht zu überrollen. Längst dominiert auch im unteren Preissegment, in dem sich das Bogotá tummelt (Einzelzimmer gibt es ab 41 Euro, Doppelzimmer ab 65 Euro), perfekt ausgestattete Konkurrenz. Aber die kommt eben von der Stange – und nicht von Herzen und vom Hirn wie das Bogotá.

Hotelier Joachim Rissmann jedenfalls steht zu den Schwächen seines Hauses und hofft doch auf eine Zukunft. „Herr Wowereit spricht von Marktbereinigung in der Branche. Wenn ich sowas schon höre! In Berlin muss es möglich sein, dass auch so ein Hotel überlebt“, sagt Rissmann und singt das Klagelied aller Hoteliers in Berlin über die niedrigen Zimmerpreise.

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Doch es gibt eine Zahl, die kann Rissmann nicht wegdiskutieren: Das Bogotá hat eine Auslastung von 59 Prozent, 65 Prozent müssten es sein. Ihm schwebt eine Genossenschaft als Hauseigentümerin vor, diese sei nicht auf maximalen Profit aus. Gerne auch mit Hausbesitzer Bscher als Teilhaber in herausgehobener Stellung. Dieser könnte etwa ein Zugriffsrecht auf die Fassade erhalten.

Woran er schon deswegen Interesse habe, weil ihm auch das Nachbarhaus gehört – wie ein halbes Dutzend weiterer in der Umgebung. Auch über den ollen Baldachin vor der Tür, der Bscher schon lange ärgert, könne man verhandeln, so Rissmann. Doch wie soll man verhandeln, wenn Funkstille herrscht. „Wir reden derzeit nicht miteinander“, sagt Rissmann.

Nach Lage der Dinge würde ein Gespräch aber auch nicht so viel ändern. Hausbesitzer Bscher will die Schlüterstraße 45 umbauen, „relativ weitgehend zurück zu den alten Grundrissen von 1911“, sagt er. Den ursprünglichen Stuck will er wieder anbringen. Und dann will er Büros einrichten. „Das passt am besten.“ Der Denkmalschutz habe bereits zugestimmt.

Bscher wundert sich sehr über die Heftigkeit der Debatte. „Ich finde es anmaßend, wie Herr Rissmann die Geschichte des Hauses für sich beansprucht. Das Haus ist viel älter als das Hotel.“ Mittlerweile fühle er sich von Rissmann und dessen Unterstützern unter Druck gesetzt. „Und Druck führt zu Gegendruck“, sagt Bscher. Soll heißen: Sobald er den Räumungstitel hat, müsse Rissmann raus.