Es ist nicht einmal eine Woche her, dass Berlins Flüchtlingskrise zu einem Teil des Lebens von Thorsten Schmidt wurde. Er war in Schöneberg unterwegs, in seinem Kiez, als plötzlich ein junger Mann vor ihm stand, der ihn in gebrochenem Englisch um Hilfe bat. Er war Asylbewerber und hatte vom Landesamt für Gesundheit und Soziales einen Hotelgutschein bekommen. Aber wo er den einlösen sollte, hatte ihm niemand gesagt, er irrte durch die Stadt. „Ich dachte mir, das muss doch möglich sein“, sagt Thorsten Schmidt. Ein wenig ärgerte es ihn, dass er sich um etwas kümmern sollte, was Aufgabe des Landes Berlin ist. Aber dann nahm er die Sache in die Hand, als Mensch und als Bürger, wie er sagt. Inzwischen weiß er: Es sollte zwar kein Problem sein, in Berlin, der Hauptstadt des reichsten Landes Europas, ein Zimmer für einen Flüchtling zu finden, wenn der Staat dafür zahlt. Tatsächlich ist es beinahe unmöglich.

Fast zwei Monate Wartezeit

Bis zu 400 Flüchtlinge kommen derzeit pro Tag in Berlin an und beantragen Asyl. Längst nicht alle von ihnen bleiben in der Hauptstadt, sie werden nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt. Zunächst aber muss das Land Berlin sich um die Menschen kümmern, sie registrieren, mit dem notwendigen Bargeld und einer Unterkunft versorgen. Doch an dieser Aufgabe scheitern die Behörden derzeit. Längst sind die sogenannten Erstaufnahmeeinrichtungen überfüllt. Und fast zwei Monate vergehen inzwischen, ehe Flüchtlinge einen Sachbearbeiter treffen können und ihr Asylverfahren beginnt. Noch vor einigen Wochen betrug diese Wartezeit wenige Tage.

Zum Gespräch mit der Berliner Zeitung kommt Thorsten Schmidt nicht allein. Binnen weniger Tage ist er zu einer Art ehrenamtlichem Sozialarbeiter geworden, zusammen mit anderen Freiwilligen betreut er elf Flüchtlinge. Vier von ihnen begleiten ihn. Salah, 27 Jahre alt, Ingenieur aus Syrien. Ali, 26, Arzt aus dem Irak. Er ist zusammen mit Abeer und Noor geflohen, Zahnärztin und Lehrer, ebenfalls aus dem Irak.

Seit Freitag voriger Woche sind sie in Berlin. Viel mehr als die Kleider am Leib besitzt keiner mehr von ihnen. Sie haben ihr Leben, und das ist mehr, als sie vor einiger Zeit noch hoffen konnten. Alle vier hatten sie Glück, alle Etappen ihrer langen Flucht sind beim ersten Versuch geglückt, auch die Bootsüberfahrt. Jetzt sind sie hier. Und sie stehen vor neuen Fragen. Ende September haben sie ihre Termine beim Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Dann beginnen ihre Asylverfahren. Aber wo sollen sie bis dahin wohnen? „Wir haben gehört, dass es in den Hotels Zimmer für Flüchtlinge gibt, aber dass sie keine bekommen, weil der Staat nicht zahlt. Stimmt das?“, will Abeer wissen.

Ja, das stimmt. Tausende Rechnungen von Hotels und Hostels liegen beim Lageso und warten auf Prüfung. Die Hoteliers warten ein Vierteljahr auf ihr Geld. Viele nehmen die Hotelgutscheine des Landes – genau genommen sind es Kostenübernahmeerklärungen – darum nicht mehr an. Und das hat fatale Folgen. Nach Schätzungen des Flüchtlingsrats leben mehr als tausend Flüchtlinge in Berlin auf der Straße. Vorige Woche schrieb der Verein darum einen offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). Der lehnte einen Kommentar ab, zu offenen Briefen sage der Senat grundsätzlich nichts.

Salah, Ali, Abeer und Noor hatten Glück, sie trafen Thorsten Schmidt. Am vorigen Freitag war er ins Lageso gegangen. Er wollte dem Flüchtling, den er auf der Straße getroffen hatte, zu einer Unterkunft verhelfen. Was er sah, machte ihn fassungslos. Hunderte Menschen in langen Schlangen, nirgends eine Sitzgelegenheit, ein einziger Wasserhahn als Getränkeversorgung. Er habe einen Wachmann gefragt, ob er in der richtigen Schlange stehe, der sei sofort aggressiv worden. Wegen seines arabischen Aussehens, vermutet Schmidt. Er ist Halbmarokkaner. Gefallen ließ er sich die Behandlung nicht. Schmidt blieb hartnäckig, bis er mit leitenden Mitarbeitern der Behörde sprechen konnte. Das Amt sei überfordert, sagt er. „Und hinter vorgehaltener Hand sagen die Mitarbeiter das auch.“

300 Euro für sieben Wochen

Am Nachmittag, als die Behörde schließt, drängt ihn ein Lageso-Angestellter, eine Gruppe von Flüchtlingen in das Stadtteilzentrum Stadtschloss in Moabit zu bringen. Übers Wochenende sollen sie dort übernachten, freiwillige Helfer übernehmen die Betreuung. Thorsten Schmidt wird einer von ihnen und hilft nach dem Wochenende, neue Unterkünfte zu finden für Salah, Ali, Abeer, Noor und die anderen. Zumindest bis Ende dieser Woche sind sie untergebracht – doch es bleiben noch fast sieben Wochen, in denen sie sich durchschlagen müssen. Für Verpflegung haben sie für diese Zeit 300 Euro vom Lageso bekommen – die Hälfte von dem, was ihnen laut Gesetz zusteht. Es sei nur ein Abschlag, den Rest bekämen sie später, heißt es aus der Senatsverwaltung.

„Wenn du keine Freunde hast in Berlin, bist du verloren“, sagt Ali. Auf den Staat können er und seine Schicksalsgenossen sich jedenfalls nicht verlassen. In ihren Heimatländern nicht – und in Berlin auch nicht.