Im Sommer 1990 beschloss Wladimir Kaminer aus Moskau, sein Glück im gerade wiedervereinigten Berlin zu suchen. Der Proviant Marke „Lebewohl“ war längst ausgetrunken, als der Russe im Bahnhof Lichtenberg eintraf. „Die ersten Berliner, die wir kennenlernten, waren Zigeuner und Vietnamesen. Wir wurden schnell Freunde“, erzählte Kaminer, der als Schriftsteller mit „Russendisko“ bekannt geworden ist. Die Bahnreise von Moskau nach Berlin, für die Kaminer 96 Rubel bezahlte, dauerte mehr als anderthalb Tage. Heute sind es rund 20 Stunden. Doch nach dem Fahrplanwechsel im Dezember wird dieser Ost-West-Trip schneller und luxuriöser – für den, der das Geld hat. Die Russischen Eisenbahnen (RŽD) setzen einen neuen Hotelzug ein.

Im September kam die erste Bestätigung des Staatsunternehmens. „Ein solcher Zug ist geplant“, hieß es. Nun veröffentlichte die russische Bahn erste Einzelheiten zu ihrem neuen internationalen Angebot.

Fast fünf Stunden Fahrzeit gespart

Eingesetzt werden Züge des spanischen Herstellers Talgo, bei deren Zulassung in Deutschland der TÜV Süd assistiert hat. Die Russen, die für 135 Millionen Euro sieben Garnituren kauften, nennen sie Strizh – Mauersegler. Der Zug nach Berlin besteht aus 18 Wagen für Fahrgäste: 14 Schlafwagen, zwei Sitzwagen erster Klasse, einem Buffet- und einem Speisewagen. Mehr als 400 Reisende sollen Platz haben. Alle Wagen sind klimatisiert, auch WLAN an Bord wird versprochen. Fünf Schlafwagen sollen besonderen Komfort wie private Bäder bieten – und viel Platz. Von den großen Bettencoupés wird es pro Wagen nur fünf Stück geben.

Weil in Brest die Spurbreite von 1520 auf 1435 Millimeter wechselt, müssen die Radsätze angepasst werden. Dafür wird eine neue Technik namens Swift eingesetzt. Sie soll die Umspurung an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen von derzeit rund zwei Stunden auf knapp 20 Minuten verkürzen. Dank Swift geschieht das automatisch – und dies trägt dazu bei, dass die Reise von Moskau nach Berlin im Hotelzug nur 20 Stunden und 14 Minuten dauert. Der jetzige Euronight, der auch künftig fahren wird, braucht 24 Stunden und 49 Minuten. Zu den Fahrpreisen des neuen Zuges wurde noch nichts bekannt. Doch der Fahrplan steht fest: Vom 17. Dezember an soll es sonnabends und sonntags um 13.05 Uhr am Kursker Bahnhof in Moskau losgehen, die Ankunft im Berliner Ostbahnhof ist für 7.19 Uhr geplant. Zurück geht es sonntags und montags um 18.50 Uhr, Ankunft in Moskau ist um 17.25 Uhr. Fast 1900 Kilometer legt der Hotelzug zurück.

Viele Verbindungen in den Osten wurden bereits gestrichen. Davon war auch Berlin betroffen – von wo aus der Schlafwagen ins 5600 Kilometer entfernte Nowosibirsk vor drei Jahren zum letzten Mal aufbrach. Auch die Wagen nach Sankt Petersburg, Riga, Odessa, Simferopol auf der Krim oder in die kasachische Hauptstadt Astana sind längst Vergangenheit. Mit dem neuen Zug zeigen die Russen, dass sie auf der Berlin-Route Potenzial sehen – obwohl die Reisenden auch fliegen könnten. Doch in der Bahn dürfen Reisende mehr Gepäck (Einkäufe) mitnehmen, und die Tickets sind billiger. Der Euronight Moskau–Berlin, der nach Paris weiterfährt, sei jedenfalls gut ausgelastet, heißt es.

Reservierte Plätze im Kulturzug

Eine weitere Verbindung Richtung Osten ist zu einem Überraschungserfolg geworden. Der Kulturzug, der Berlin seit Ende April am Wochenende mit der diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt Breslau verbindet, wird gut angenommen. Die Deutsche Bahn (DB) sicherte bereits zu, dass sie ihn bis 8. Januar 2017 auf eigene Kosten weiter betreibt. Jetzt arbeitet sie an einem Angebot, dass sie den Ländern Berlin und Brandenburg vorlegen will – damit der Zug auf absehbare Zeit weiterfahren kann. Das erfuhr die Berliner Zeitung aus Bahnkreisen.

Einige Fragen seien noch zu regeln, hieß es. So müssten die drei Dieseltriebwagen 2017 zur Hauptuntersuchung, für die jeweils bis zu 200.000 Euro fällig wird. Nachgedacht wird auch über den Vorschlag, weitere Fahrten vorzusehen, damit Polen ein Wochenende in Berlin verbringen können. Der Tarif von 19 Euro pro Strecke soll aber bleiben.

Über einen weiteren Wunsch vieler Fahrgäste denkt die DB noch nach: „Wir überlegen, ob wir den Reisenden die Möglichkeit geben, Sitzplätze zu reservieren“, sagte ein Bahner. In Regionalzügen ist das normalerweise nicht möglich, doch angesichts des Andrangs würde es manchen Fahrgastärger vermeiden.