Im Feierkiez in der Neuköllner Weserstraße war in der Regel am Freitag bereits um Mitternacht Schluss. 
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Berlin- Das erste Wochenende mit Sperrstunde ist in Berlin vorbei. Bilanz? Nicht alle Wirte haben sich dran gehalten. Wie viele Kneipen und Restaurants die Polizei schließen musste, kann allerdings noch nicht genau beziffert werden, hieß es am Sonntag. Offenbar haben die Beamten am ersten Sperrstunden-Wochenende noch Milde walten lassen, denn  „gezielte Schwerpunktkontrollen“ seien nicht durchgeführt worden, sagte  eine Sprecherin. Mehr Arbeit verursachten wieder die wilden Partys. Auf Twitter teilte die Polizei mit, dass sie mehrere Gruppen mit bis zu 50 Personen aufgelöst hat. In Friedrichshain seien dabei Polizeibeamte mit Eiern beworfen worden. Auf der Simon-Dach-Straße, Berlins bekannte Ausgehmeile, kam es zu Diskussionen zwischen Lokal-Betreibern und Polizisten. Am Oranienplatz in Kreuzberg haben sich 80 Feiergäste Polizeianweisungen widersetzt.  

Die neue Infektionsschutzverordnung Berlins schreibt vor, dass zwischen 23 Uhr und 6 Uhr morgens kein Alkohol mehr verkauft werden darf, Lokalitäten wie Bars und Kneipen müssen in der Zeit schließen. Die Regelung gilt vorerst bis 31. Oktober. Wirte, die unter  Umsatzeinbußen leiden, will der Berliner Senat finanziell unterstützen. Die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) will dafür in dieser Woche noch ein Programm auf den Weg bringen. 

Während am vergangenen Montag nur zwei Städte sowie drei Berliner Bezirke als innerdeutsche Risikogebiete galten, haben mittlerweile zahlreiche Städte und Gebiete den kritischen Warnwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen erreicht und gelten somit als Risikogebiet. Dazu zählen unter anderem Frankfurt am Main, Köln, Essen, Stuttgart, Bremen sowie das Emsland.

Angesichts des rasanten Anstiegs fordert der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), das Bußgeld für Maskenverweigerer bundesweit auf 250 Euro anzuheben. Für Wiederholungstäter, so sagte er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sollen 500 Euro fällig werden. Bisher beträgt das Bußgeld 50 Euro, doch Kontrollen finden bisher kaum statt.

Die Ursache für den rasanten Anstieg der Infektionen sehen sowohl Städte als auch der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in jungen Feierwilligen sowie privaten Feierlichkeiten, die nicht regelkonform ablaufen. Ursache für die große Zahl an Neuinfektionen sind demnach nicht das öffentliche, sondern das private Leben. In Trier (Rheinland-Pfalz) und München mussten nach Polizeiangaben am Wochenende mehrere Partys mit Hunderten Feiernden aufgelöst werden.

Um der Lage Herr zu werden, haben die Corona-Maßnahmen eine ebenso eine hohe Dynamik angenommen wie die Corona-Neuinfektionen. So gelten seit vergangener Woche verschiedene innerdeutsche Reisebeschränkungen, die sich täglich neu entwickeln. So dürfen Einwohner aus Risikogebieten teilweise nur mit einem negativen Corona-Test in ein anderes Bundesland einreisen, für andere Länder wiederum zählt allein die Anwesenheit in einem Risikogebiet als Beherbergungsverbot, und wieder andere heißen alle Deutschen willkommen. Von diesem Flickenteppich halten sowohl Politiker als auch führende Virologen nicht viel.

„Die beschlossenen Beherbergungsverbote sind blinder Aktionismus, bringen nichts und sind zudem gefährlich", kommentierte Achim Kessler, gesundheitspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion die Linke. Er kritisiert, dass es nur konsequent wäre, ebenso Ausreiseverordnungen für die eigenen Einwohner zu verhängen. Auch die FDP-Fraktion forderte bereits einheitliche Maßnahmen. „Nur so sichern wir die Akzeptanz in der Bevölkerung“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin, Christine Aschenberg-Dugnus. Der Bundestagsvizepräsident und Jurist Wolfgang Kubicki (FDP) bezeichnete pauschale Beherbergungsverbote in der Bild-Zeitung als „rechtswidrig“. 

Auch Christian Drosten, Virologe der Berliner Charité, fordert mehr Einheitlichkeit. Im Gespräch mit dem RND sagte er, er gehe davon aus, dass sich das Virus „gleichmäßiger“ verteilen werde, sodass pauschal geltende Maßnahmen der bessere Weg wären. Im gleichen Tenor äußerte sich bereits der SPD-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: Er gehe davon aus, dass bald ganz Deutschland ein Risikogebiet sein würde. 

Im Osten der Republik sind die Werte der sogenannten Sieben-Tage-Inzidenz bundesweit am niedrigsten. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts vom Sonntag liegt der Wert in Brandenburg bei 11,3. Den mit Abstand niedrigsten Wert verzeichnet Mecklenburg-Vorpommern mit 5,4. Den niedrigsten Wert unter den westdeutschen Bundesländern hat aktuell Schleswig-Holstein mit 10,7.  Den Negativrekord führte am Sonntag die Hansestadt Bremen mit 66,4 Fällen pro 100.000 Einwohner an, danach folgt Berlin mit 58,8. 

Innerhalb von 24 Stunden haben am Sonntag die Gesundheitsämter 3483 Neuinfektionen an das RKI gemeldet. Sieben Tage zuvor waren es noch 2279.