Housing First: Wie eine Idee in Berlin Obdachlosigkeit zurückdrängen kann

Rund 50.000 Menschen haben in Berlin keine Wohnung. Der Senat investiert 6,1 Millionen Euro, um daran etwas zu ändern. Das Konzept klingt vielversprechend.

Berlins Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) will mit Housing First Menschen von der Straße holen. 
Berlins Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) will mit Housing First Menschen von der Straße holen. dpa/Monika Skolimowska

Manche Dinge kann Elke Ihrlich auch nach all den Jahren in der Sozialarbeit einfach nicht begreifen. „Es ist unglaublich, dass es das in Berlin gibt“, sagt sie, „Frauen, die in Autos übernachten müssen oder die ihre Kinder bei Freundinnen unterbringen, während sie selbst in einer Notunterkunft schlafen.“ Ihrlich leitet beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) ein Projekt, das sich an ebendiese Frauen richtet. Housing First heißt es. Ein solches Programm unterhalten zudem gemeinsam die Stadtmission und der Sozialdienst Neue Chance; es richtet sich auch an Männer. Modellversuche waren es bisher. Jetzt werden sie ausgeweitet und langfristig angelegt.

Berlin verstärkt seinen Kampf gegen die Obdachlosigkeit. Der Doppelhaushalt der Jahre 2022 und 2023 sieht insgesamt 6,1 Millionen Euro für Housing First vor. Das Konzept wurde erfolgreich in anderen europäischen Metropolen erprobt, auch in den USA – und während der zurückliegenden drei Jahre eben auch in Berlin. Insgesamt 95 Wohnungen wurden in dieser Zeit vermittelt. „Das Prinzip Housing First ist der erfolgreiche Weg, damit obdachlose Menschen eine Wohnung bekommen“, sagt Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke). Das Budget sei jetzt verdoppelt worden: „Aus dem Pilotprojekt wird ein Leitmotiv.“

Schätzungsweise 50.000 Menschen in Berlin haben keine Wohnung. Nicht alle übernachten in Notunterkünften oder unter freiem Himmel, in Parks, unter Brücken, in Hausnischen. Manche kommen bei Freunden oder Bekannten unter, ziehen von einem Schlafplatz zum nächsten, sind zum sogenannten Couchsurfing gezwungen. Wie viele es genau sind, lässt sich nicht sagen. Vor allem bei Frauen dürfte die Dunkelziffer hoch sein. „Bei einem Teil wird die Wohnungslosigkeit gar nicht sichtbar“, sagt Senatorin Kipping.

Das landläufige Klischee von Obdachlosen – vor allem bei Frauen wird es widerlegt. Da ist zum Beispiel die alleinerziehende Pflegekraft, die einem geregelten Schichtdienst nachgeht, die irgendwann den Alltag nicht mehr bewältigen konnte, die überwältigt wurde von Stress im Beruf, im Haushalt, bei der Erziehung der Kinder. Da ist die Akademikerin, die aus einer von Gewalt geprägten Beziehung floh und keine feste Bleibe fand. Die aber jeden Morgen gepflegt und korrekt gekleidet in ihrem Büro erscheint. „Die Frauen kommen aus unterschiedlichen Berufen“, sagt Elke Ihrlich vom SkF. „Manche sind auch keinem Job nachgegangen.“ 

Frauen ohne Wohnung: Jetzt sollen auch Mütter mit Kindern versorgt werden

Einige von ihnen haben sich mit der Situation arrangiert. Im Schillerkiez zum Beispiel, am Rande des ehemaligen Flughafens Tempelhof. „Da sind Wohnwagen geparkt, in denen Frauen mit ihren Kindern leben“, sagt Ihrlich. „Diese Menschen wollen wir jetzt erreichen.“

Zum Pilotprojekt Housing First für Frauen gehören 50 Teilnehmer. Bis Ende kommenden Jahres sollen es 115 sein, darunter Mütter und ihre Kinder. Der Bedarf ist groß. „Wir haben von Beginn an immer um die 300 Interessentinnen auf der Warteliste, rund 100 von ihnen mit Kindern.“

Auch an Paare soll sich das Angebot künftig richten, dafür sind dann Stadtmission und Neue Chance zuständig, die ihr Programm von 45 auf 120 Wohnungen ausbauen möchten. „Wir arbeiten mit allen sechs kommunalen Wohnungsbaugesellschaften zusammen“, sagt Sebastian Böwe, Koordinator des Wohnraums bei Housing First Berlin. „Zwei Wohnungsbaugenossenschaften machen mit, zwei börsenorientierte Wohnungsunternehmen, dazu vier Vermieterinnen.“

Housing First für Frauen hat mit der Deutsche Wohnen und mit Vonovia eine vertraglich geregelte Kooperation, mit den landeseigenen Unternehmen strebt das Projekt einen solchen Vertrag an. „Frauen brauchen einen eigenen Zugang“, sagt Ihrlich. Den erhalten sie über die Beratungsstelle des SkF an der Großbeerenstraße in Kreuzberg und die Tagesstätte an der Müllerstraße im Wedding. „Viele von ihnen haben sexuellen Missbrauch erlebt, Übergriffe auf der Straße und oft schon vorher Vergewaltigung in der Beziehung. Sie wollen keinen Mann mehr sehen.“

Ein Leben in einer eigenen Wohnung kann für diese traumatisierten Frauen schwierig sein – plötzlich umgeben von vier Wänden, hinter einer verschlossenen Wohnungstür, an der womöglich jemand klingelt, klopft. „Viele müssen eine enorme Kraft aufwenden, um sich daran zu gewöhnen“, sagt Ihrlich. „Das muss trainiert werden.“ Deswegen beschäftigt der SkF für Housing First nicht nur Sozialarbeiterinnen, sondern auch eine Psychologin, die seelische Probleme diagnostizieren und für Hilfe sorgen kann. „Das reicht von Übungen bis zu einer Therapie.“

Housing First für Frauen: Viele haben wieder Kontakt zur Familie

Im Pilotprojekt hat das funktioniert. „Wir hatten in den zurückliegenden drei Jahren eine hundertprozentige Wohnstabilität“, sagt Ihrlich. Alle 50 Frauen sind noch im Programm, etliche von ihnen haben wieder Kontakt zu ihren Herkunftsfamilien, sind dabei, ein soziales Netz zu knüpfen. „Die spannende Frage ist jetzt, ob das auch auf lange Zeit klappt und wie viel Beratung wir noch leisten müssen.“

Zumal sich zunehmend der demografische Wandel bemerkbar macht. „Wir haben viele ältere Frauen und müssen uns überlegen, wie wir mit ihnen umgehen, wenn sie nicht mehr alleine leben können, wenn sie vielleicht sogar dement werden.“ Das ist die mittelfristige Perspektive auf das Problem Wohnungslosigkeit. Doch schon die nahe Zukunft verlangt nach klaren Antworten. Energiekrise und Inflation werden die Konkurrenz unter Wohnungssuchenden weiter verschärfen. Zulasten der sozial Schwachen. 

Corinna Müncho arbeitet für die Stadtmission bei Housing First Berlin. Sie sagt, die Gesellschaft müsse sich überlegen, ob sie dieses Konzept im Kampf gegen die Obdachlosigkeit mittragen wolle. Ihr Argument dafür: „Es wäre günstig, wenn wir all die Pakete zur Notversorgung nicht mehr bräuchten und stattdessen das Geld in das Housing-First-Projekt stecken könnten.“ Nach dem Modellversuch sieht es so aus, dass sich das für alle Beteiligten lohnt.