Berlin - Auf den ersten Blick ist es ein Haus wie viele andere: Zwei Stockwerke hinter weißer Putzfassade, oben ein flaches Pultdach und davor ein kleiner Garten mit Obstbäumen. Doch der erste Blick trügt: Wer das Haus nahe dem U-Bahnhof Parchimer Allee in der Hufeisensiedlung betritt, begibt sich auf eine Zeitreise. Zurück in die Zeit zwischen 1925 und 1931, als die Hufeisensiedlung erbaut wurde. Die Siedlung heißt so, weil die 679 Reihenhäuser und die Häuser mit weiteren 1 285 Wohnungen in Form eines Hufeisens angeordnet sind. Geplant wurde sie vom Architekten Bruno Taut, dem Verfechter klarer Formen und intensiver Farben.

Zwei leidenschaftliche Taut-Liebhaber haben das 65 Quadratmeter kleine Haus originalgetreu restauriert. Die Landschaftsarchitektin Katrin Lesser und ihr Ehemann Ben Buschfeld, ein Grafikdesigner, investierten tausende Arbeitsstunden und viel Geld. Für das Ergebnis erhalten sie im Juni den Europa-Nostra-Preis der EU, der als Oscar der Denkmalschützer gilt.

„Das muss man retten“

„Als wir 2010 das leerstehende Haus zum ersten Mal betraten, waren wir überrascht“, sagt Katrin Lesser. Nicht von der Billigtapete an den Wänden, den braunen 70er-Jahre-Fliesen, dem kaputten Fußboden und dem Schimmel hinter der Wanne. #infobox

Lesser: „Wir staunten, dass vieles der Originalsubstanz von 1930 noch da war: die Fenstergriffe und Türen, die Kachelöfen und die Einbauschränke in der Küche.“ Das Paar, das seit 15 Jahren in der Siedlung wohnt und im dortigen Förderverein aktiv ist, kaufte das Haus. Lesser: „Wir haben uns gesagt: Das muss man retten.“

Akribisch durchforsteten sie historische Dokumente, Fotos und Bücher und machten sich an die Arbeit. Alle Leitungen wurden erneuert und die alten Holzfenster aufgearbeitet. Die Fliesen in Bad und Küche wurden durch die vor 80 Jahren üblichen Ölsockel ersetzt. Restauratorinnen trugen alle Wände Schicht um Schicht ab, um die Originaltöne zu finden.

Das Schlafzimmer im Obergeschoss leuchtet jetzt wie zu Tauts Zeiten in Blau, das kleine Kinderzimmer nebenan strahlt in fröhlichem Gelb und im Wohnzimmer herrscht Grün vor. Die Wandfarben spendierte ein Unternehmen aus Süddeutschland, das schon beim Siedlungsbau die Häuser ausgestattet hatte. Ein Ingenieur aus Bayern stellte aus Sägemehl, Sägespänen, Magnesiumoxid und allerlei Füllstoffen den Steinholzfußboden in der Küche wieder her. Die 30er-Jahre-Einrichtung wurde entweder vom Schreiner stilecht nachgebaut oder stammt vom Trödler.

Das Haus, von den Besitzern liebevoll Tautes Heim genannt, wird als Ferienhaus vermietet (www.tautes-heim.de). Auf Komfort müssen die Gäste trotz Original nicht verzichten: Geheizt wird mit Fernwärme, Toaster, Kühlschrank und Spülmaschine sind hinter nachgebauten Küchenmöbeln verborgen.

Und das Bakelit-Radio von 1932 ist zwar ein Röhrengerät, das minutenlang brummt, bevor sich ein Sender meldet. Aber man kann hinten einen MP 3-Player einstöpseln.

Dass sie am 16. Juni in Athen den Denkmalschutzpreis der EU-Organisation Europa Nostra erhalten, macht Katrin Lesser und Ben Buschfeld stolz. Sie sagen: „Die Auszeichnung haben in Berlin zuletzt das Neue Museum und das Max-Liebermann-Haus bekommen. Das ist schon eine tolle Ehrung für uns.“