Der Anspruch kann größer kaum sein. Sogar Angela Merkel ist der Ansicht, es handle sich „um eines der bedeutendsten Kulturvorhaben in Deutschland“. Das verkündet zumindest eine Regierungssprecherin im Auftrag der Bundeskanzlerin. Das Vorhaben ist der Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum. 63 Jahre nach Sprengung des im Krieg schwer beschädigten Gebäudes soll an diesem Mittwoch der Grundstein dafür gelegt werden. Kaum ein Bauprojekt hat die Gesellschaft so gespalten. Mehr als 20 Jahre stritten Gegner und Befürworter über die Frage, ob im Herzen Berlins ein Gebäude mit moderner Architektur entstehen soll – oder eines in historischem Gewand.

Die Entscheidung, die Barockfassade des Schlosses zu rekonstruieren, feiern die Schloss-Anhänger. Für sie wird damit eine städtebauliche Wunde geheilt. Für die Gegner ist die Fassade schlicht nicht zeitgemäß. Doch unabhängig davon, wie man zu dem Projekt steht, eines ist klar: Der Wiederaufbau wird das größte städtebauliche Experiment seit der Wiedervereinigung der Stadt – und das nicht nur wegen der Fassaden.

Eines der größten Risiken ist der Bau selbst. Der sandige Untergrund ist bei Gebäuden dieser Größenordnung ein Problem. Schon Hofbaumeister Andreas Schlüter scheiterte vor gut 300 Jahren, weil der von ihm entworfene Münzturm absackte und abgetragen werden musste. „Bei der Gründung ist man immer in Gottes Hand“, sagt denn auch Manfred Rettig, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, die als Bauherr des Projekts fungiert. Aus Schlüters Desaster haben die heutigen Verantwortlichen aber gelernt.

Wo einst der Münzturm ins Rutschen geriet, wurde nun das Erdreich ausgetauscht und verdichtet. Doch die Berliner Matsche ist nicht das einzige Problem. Quer unter dem Bauplatz soll in Kürze der Tunnel für die geplante Verlängerung der U-Bahnlinie 5 vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor gegraben werden. Der kritischste Zeitpunkt steht kurz bevor: Voraussichtlich im Juli wird sich die Maschine unter dem Schlossplatz durchs Erdreich wühlen. Um zu erkennen, ob das Erdreich nachgibt, sind in die Grube schon jetzt Messfühler eingesetzt worden. Dabei handelt es sich um jeweils vier Rohre, die oberhalb des geplanten U-Bahntunnels hervorragen. Wenn kritische Werte erreicht werden, geben die Fühler ein Signal, sagt ein Bauexperte der Stiftung. Um Schlimmeres zu vermeiden, muss die Maschine zur Not gestoppt werden.

Nach Plänen des italienischen Architekten Franco Stella entsteht das Humboldt-Forum auf dem früheren Grundriss des Berliner Schlosses. An der Nord-, West- und Südseite sollen die Barockfassaden nach historischem Vorbild rekonstruiert werden, ebenso die drei Barockfassaden des Schlüterhofs im Inneren des Bauwerks. Die Ost-Fassade des Gebäudes soll modern gestaltet werden. Der Name Humboldt-Forum erinnert an Alexander von Humboldt, den Entdecker und Naturforscher, und an seinen Bruder Wilhelm, den Bildungsreformer.

Das Humboldt-Forum soll ein Haus für die Bürger werden: mit einem Museum, einer Bibliothek und Räumen für kulturelle Veranstaltungen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) soll Hauptnutzer werden. Sie will verschiedene Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst aus Dahlem an den Schlossplatz verlagern. Dazu gehören Objekte aus allen Erdteilen: aztekische Götterfiguren, Tongefäße der Maya sowie Boote und Häuser aus der Südsee. Die Humboldt-Universität soll einen Teil ihrer Sammlungen in einem „Schaufenster der Wissenschaft“ zeigen. Und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin will einen „Bildungs- und Erlebnisort“ schaffen, bei dem es um die „Welt der Sprachen“ geht.

„Das Humboldt-Forum wird Erfahrungen mit außereuropäischer Kunst und Kultur und dadurch Wissen über die Welt vermitteln“, sagt der SPK-Präsident Hermann Parzinger. Die Idee ist, das Humboldt-Forum zum Ort für den Dialog der Kulturen zu machen. Eine große Idee. Nur ist es bislang nicht gelungen, sie in irgendeiner Form greifbar zu machen. Auch deshalb wird die Debatte um das Projekt noch immer vom Pro und Contra zur Barockfassade dominiert.

Während die Grundsteinlegung für das neue Schloss noch bevorsteht, sind die Arbeiten auf der Baustelle bereits in vollem Gange. Die Bauarbeiter sind im Moment dabei, das Fundament zu legen. Die Bodenplatte für das Humboldt-Forum wird circa 180 Meter lang und 120 Meter breit. Das entspricht in etwa der Größe von zwei Fußballfeldern.

Selbst wenn es mit dem Bau klappt, gibt es noch ein anderes Problem: die Akzeptanz des Humboldt-Forums in der Öffentlichkeit. Während die Gegner den Barockfassaden nichts Gutes abgewinnen können, wünschen sich die Anhänger des Schlosses möglichst viel von der historischen Bausubstanz zurück. Es könnte sein, dass am Ende beide Seiten enttäuscht sind. Zwar orientiert sich das neue Schloss äußerlich überwiegend am alten Bauwerk, im Innern entsteht jedoch ein modernes Gebäude – auf Drängen von Manfred Rettig ließ sich Architekt Franco Stella sogar dazu bewegen, Rolltreppen einzuplanen.

„Ich habe gesagt, wenn wir drei Millionen Besucher pro Jahr haben, kann man die nicht über eine steinerne Treppe bis ins oberste Geschoss führen“, sagt Rettig. „Das muss schneller gehen.“ Stella habe schließlich eingewilligt. Die Entscheidung ist gewagt. Was für das Funktionieren des Gebäudes wichtig sein mag, kann dazu führen, dass die Barockfassaden wie banaler Zierrat wirken. „Es gibt auch andere Gebäude, wo es diese Brüche gibt“, argumentiert Rettig. „Schauen sie sich den Louvre an.“ Immerhin: „Wir haben baukonstruktiv Vorsorge getroffen, dass historische Räume zu einem späteren Zeitpunkt wiedererstellt werden können.“ Möglich sei es zum Beispiel, das ehemalige Gigantentreppenhaus im Schlüterhof wieder aufzubauen.

Nicht das ganze Schloss wurde nach der Sprengung im Jahr 1950 abgetragen. Ein Teil der Kelleranlagen blieb erhalten. Sie sollen auf einer Fläche von rund 1800 Quadratmetern in den Neubau integriert werden. Ein Rundgang wird die Besucher später unter anderem durch die ehemalige Wachstube des Schlosskommandanten führen. Und unter dem Eosanderportal werden Löcher zu sehen sein, die von der Sprengung von 1950 stammen – und an diese erinnern sollen. Auch die noch jüngere Geschichte soll erwähnt werden. „Wir werden in der Ausstellung über die Geschichte des Ortes in jedem Fall an den Palast der Republik erinnern“, sagt Manfred Rettig. „Inwieweit wir Exponate aus dem Palast ins Humboldt-Forum bringen, darüber wird im Moment diskutiert.“ Die Kunstwerke aus dem Palast sind noch vorhanden, sie wurden nur ausgelagert. „Ich würde mir wünschen, dass die Gläserne Blume zurückkehrt“, sagt Rettig. Die Skulptur, die im Foyer stand, war einst ein beliebter Treffpunkt im Palast der Republik.

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Eines der größten Probleme des Projekts bleibt die Finanzierung. Sie baut zum großen Teil darauf, dass es genug Spenden für die Rekonstruktion der Barockfassaden gibt. Der Bundestags-Haushaltsausschuss hat 590 Millionen Euro als Kostenobergrenze für den gesamten Bau festgesetzt. Davon trägt der Bund 478 Millionen Euro, das Land Berlin steuert 32 Millionen Euro bei. Die 80 Millionen Euro für die Barockfassaden will der Förderverein Berliner Schloss aus Spenden aufbringen. Doch schon jetzt ist klar, dass es nicht bei den 590 Millionen bleiben wird. So sind die Kosten für die vollständige Rekonstruktion der Kuppel und der Innenportale in der Kalkulation noch nicht erhalten. Nach aktuellen Berechnungen kommen dafür 25,5 Millionen Euro hinzu. Ein Dachcafé, das die Planer für wünschenswert halten, schlägt mit weiteren drei Millionen zu Buche. Unterm Strich also 28,5 Millionen Euro – die ebenfalls privat aufgebracht werden sollen. Immerhin ist das historische Eckrondell, das an der Südostecke des Humboldt-Forums entstehen soll, dank einer zweckgebundenen Spende von 2,5 Millionen Euro schon finanziert. Insgesamt beträgt der Anteil, der durch Spenden aufgebracht werden muss, also rund 110 Millionen Euro.

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Bisher ist nur ein kleiner Teil des Geldes eingegangen. Der Förderverein Berliner Schloss hat nach eigenen Angaben bis Ende Mai gut 26 Millionen Euro Spenden eingenommen. Etwas mehr als 20 Millionen davon sind laut Vereinsgeschäftsführer Wilhelm von Boddien als Geld- oder Sachspende an die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum abgeführt worden. Der Rest wurde für Vereinsaufgaben verwendet. „Die Spendenbereitschaft wird wachsen, wenn der Bau sichtbar wird“, glaubt von Boddien. „Wir werden es schaffen, schließlich auch die nötigen 80 Millionen Euro für die Rekonstruktion der Barockfassaden zu sammeln.“ Die Grundsteinlegung sei für ihn „ein extrem wichtiger Tag“. Denn damit würden die letzten vorhandenen Zweifel an dem Projekt ausgeräumt.

Der Grundstein, der gelegt wird, setzt sich aus einem Originalteil des alten Schlosses und einem neuen Teil zusammen. Auf ihm eingraviert sind zwei Zahlen: 1443 und 2013. Sie markieren das Datum für die Grundsteinlegung des historischen Bauwerks vor 570 Jahren und das Datum der Grundsteinlegung für den Wiederaufbau. „Wir wollen damit deutlich machen, dass die Geschichte des alten Bauwerks zum neuen Gebäude gehört“, sagt Manfred Rettig. Im Jahr 2019 soll das Humboldt-Forum eröffnet werden.