Die gläserne Blume im Palast der Republik.
Foto:  Berliner Verlag 

BerlinSeit’ an Seit’ mit einer mächtigen sowjetischen Boden-Luft-Rakete S-200 und 30 in braver Löffelchenposition auf dem Boden abgelegten Segmenten der Berliner Mauer träumt die Gläserne Blume aus dem Palast der Republik in einem Depot des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Spandau ihrem weiteren Schicksal entgegen.  Das DHM verwahrt seit 2006 das im Besitz der Bundesrepublik befindliche Objekt als Leihgabe des Bundes.  

Als verzwergtes 1:10-Modell wird sie jedenfalls nicht neu erblühen. So hatte es das Humboldt-Forum eigentlich für seine Ausstellung vorgesehen. Das Landgericht Berlin untersagte in seinem Urteil vom 7. Mai 2019 der Stiftung, die Nachbildung auszustellen oder ausstellen zu lassen. Begründung: Es handle sich um ein rechtswidrig hergestelltes Vervielfältigungsstück. 

Wilhelm bei der Arbeit am Herzstück der Glasplastik.
Foto: Frank Wilhelm

Mit der Herstellung hatte das Humboldt-Forum einen der beiden Schöpfer, Reginald Richter, beauftragt, „in dem guten Glauben, dass er nach seiner eigenen Aussage der alleinige künstlerische Urheber war“, schrieb Stiftungssprecher Bernhard Wolter der Berliner Zeitung. Der andere Schöpfer, Richard Wilhelm, wurde nicht einmal informiert. Dass Richter seinen Alleinanspruch dann nicht beweisen konnte, war schon peinlich genug.

Original oder Nachbildung nicht ausstellbar

Nun zerschlug das Gericht auch noch das Ansinnen, das schon vom Laien als verfälschend zu erkennende Objekt mit Bezug auf das „Zitatrecht“ vorzuführen.  Auch in einem solchen Fall gilt nämlich: Wer zitiert, muss richtig zitieren, statt irgendwie sinngemäß. Die Stifung hat die einstweilige Verfügung inzwischen durch eine Abschlusserklärung als endgültig anerkannt.  Aber wie geht es weiter?

Bernhard Wolter bestätigte auf Anfrage, es werde nicht möglich sein, „mit dem Modell der Gläsernen Blume im Humboldt-Forum dieses populäre Erinnerungsobjekt aus dem Palast der Republik auszustellen“. Gleichwohl werde man in der Ausstellung zur Geschichte des Ortes inhaltlich auf die Gläserne Blume eingehen. Und weiter: „Die Wiederherstellung und -aufstellung des Originals ist wie bereits wiederholt mitgeteilt aus technischen Gründen nicht durchführbar.“

Ein Teil der grünen Kugel im DHM-Depot im jahr 2015.
Foto: DHM

Das sehen nicht alle Experten so – aber dazu später. Klar ist zumindest: In der maroden Halle in Spandau hat die Gläserne Blume die längste Zeit gestanden. Das Obergeschoss ist bereits geräumt, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) schätzt den Zustand der DHM-Depots „teilweise als bedenklich“ ein. Wie die Berliner Zeitung erfuhr, existiert ein Gutachten vom November 2016, das unter anderem Risse in der Wand und nasse Stellen an der Decke dokumentiert. DHM-Sammlungsdirektor Fritz Backhaus bestätigt: „Das Depot soll aufgegeben werden.“

Depot soll aufgegeben werden

Nach einem Abriss werden dort Wohnungen errichtet. Bis dahin lagern in der Halle robuste Objekte, die weder Heizung noch Klimaanlage benötigen. Die zuständige Sammlungsleiterin Dr. Regine Falkenberg findet die Situation zwar „nicht so toll“, aber für die Objekte bestehe keine Gefahr. Unzugänglich in einer Ecke schimmern hinter den Mauerteilen die schichtenweise auf Paletten gestapelten ringförmigen Glassegmente der grünen Mittelkugel.

Der Edelstahlschaft, der einst Kugel und die zehn gläsernen Blätter des 5,20 Meter hohen und insgesamt fünf Tonnen schweren Kunstwerkes trug, liegt neben der Rakete. Die bei der Demontage 1999 angeblich abgebrochene Stelle ist nicht zu erkennen. Doch die Schäden an den Glassegmenten können aus der Nähe besichtigt werden. Für den von der Berliner Zeitung mehrfach beantragten Besuch haben acht Depotmitarbeiter eines der Transportgestelle, in denen die Blätter des populären Objektes verpackt sind, an eine Wand gewuchtet.

Aktuelle Fotos anzufertigen gestattete das DHM nicht, aber die Aufnahme von 2015 (oben auf dieser Seite) zeigt, dass der Klebstoff zwischen dem circa einen Zentimeter dicken Industrieglas der Blätter und den zierlichen Glasapplikationen spröde ist, teils gelblich verfärbt, stellenweise gewellt. Einzelne Teile haben sich gelöst. Ist das restaurierbar? Regine Falkenberg hat von der hauseigenen Werkstatt die Fachauskunft: „Wir können das.“ Sammlungsdirektor Fritz Backhaus sagt: „Das ist eine technische Frage, die sich sicherlich lösen lässt.“ Ganz andere Informationen erteilt die zuständige Staatskulturministerin Monika Grütters am 22. November.

Restauration aufwendig 

Auf die Anfrage der Linke-Bundestagsabgeordneten Simone Barrientos, ob die Bundesregierung beabsichtige, „das kulturpolitische und historisch bedeutsame Kunstwerk für Ausstellungszwecke zu restaurieren“, antwortet sie: „Die vergilbten Kleber zu entfernen und zu ersetzen, die beim Bau des Objekts verwendet wurden, ist nach Aussage verschiedener Restauratoren nicht nur aufwändig, sondern birgt vor allem die Gefahr, die Originalelemente aus lndustrieflachglas zu beschädigen.“

Auch ein weiterer Teil der Antwort irritiert: Laut Grütters lehnen beide Urheber die Wiederaufstellung der Blume im Humboldt-Forum ab. Sie schreibt, die Stiftung stehe im Kontakt zu ihnen: „Beide sehen eine Wiederaufstellung des für den Palast der Republik erstellten Kunstwerks im Humboldt-Forum als unangemessen an: Als ein ‚Kunst am Bau‘-Werk sei die ‚Gläserne Blume‘ für eine spezifische architektonische Situation entworfen worden. Kunstwerk und Bau seien in eine Beziehung miteinander eingetreten, die einmalig und im Humboldt-Forum nicht zu wiederholen sei.“

Da kann sich Miturheber Richard Wilhelm nur wundern. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erneuert er seine bekannte Haltung: „Das Kunstwerk gehört nach Berlin, dort soll es ausgestellt werden. Dort ist es Millionen in Erinnerung, und es gehört Millionen.“ Beim Wiederaufbau helfe er gerne mit. Allerdings habe niemand vom Humboldt-Forum mit ihm Kontakt aufgenommen. Es gibt also weder „Stellungnahmen der Urheber“, wie es im Grütters-Text heißt, noch die angebliche Kontaktaufnahme.

Blamage ohne Blume

Vielmehr findet sich Grütters’ Formulierung nahezu wortgleich  in einem Brief vom 10. April 2019 wieder, den Stefan Richter, Sohn des zweiten Schöpfers Reginald Richter, der Berliner Zeitung schrieb. Es handelt sich allein um dessen Position. Stefan Richter berichtet in seinem Brief auch von einem Besuch im Depot, an dem er und sein Vater teilgenommen hätten: Demnach habe ein von der Stiftung als Fachmann hinzugebetener Berliner Glaser „Ideen einer möglichen Technologie zur Restaurierung“ unterbreitet.

Staatsministerin Grütters klingt anders: Nach  einem Depottermin im Januar 2015 und der Feststellung schwerwiegender Probleme sei schon 2015 die Entscheidung gefallen, die Gläserne Blume nicht wieder aufzustellen. Wie konnte sich dann am 26. Februar 2016 Johannes Wien, Sprecher des Vorstandes der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, an der Idee eines Wiederaufbaus begeistern? Während eines Expertengesprächs über das entstehende Forum sagte er: „Wäre das nicht eine gute Idee?“

Vorbei. Das Humboldt-Forum hat sich mit der Blume blamiert. Jetzt greift das DHM wieder zu. Laut Fritz Backhaus   erwägt sein Haus, ihr in einer neuen Dauerausstellung einen Platz einzuräumen. Eventuell als – selbstverständlich restauriertes – Fragment. 2006 hatte man die Idee geprüft, das Kunstwerk in Gänze im Hof aufzustellen. Aber zwischen all den Barock hätte sie wirklich nicht gepasst. Im Hause gebe es keinen ausreichend großen Platz. Da klingt viel Wille durch, zugleich Respekt vor dem hochkomplexen Werk.

Bewältigung einer Großaktion 

Zunächst aber muss das DHM eine Großaktion bewältigen: Das 300 Jahre alte Zeughaus muss grundsaniert werden. Das heißt Schließung Mitte 2021, fast 7000 Objekte der Dauerausstellung ausräumen – in bessere Depots. Die hat man gefunden, doch die Finanzierung ist offen. Die muss aus dem Grütters-Ministerium kommen. Aus dem laufenden DHM-Haushalt ist die Umlagerung und damit einhergehende Neusortierung der wertvollen historischen Bestände nicht zu bezahlen.

„Wir verhandeln“, sagt Fritz Backhaus und ist zuversichtlicher als andere besorgte DHM-Mitarbeiter. In der jüngsten Haushaltsbereinigungsitzung im Bundestag wurden mal eben rund 200 Extra-Millionen für das Museum der Moderne genehmigt. Wer wird sich da wegen ein, zwei dringend für das DHM benötigten Milliönchen erregen?