Berlin - Der britische Museumsexperte Neil MacGregor stellte am Mittwoch sein mit Spannung erwartetes Konzept zum Humboldt Forum im Berliner Schloss vor.

Wie wollen Sie Besucher für das Humboldt Forum begeistern?

Das zeigt unsere  Ausstellung über den Humboldtstrom in der Humboldt Box. Es ist der Auftakt einer Reihe, durch die wir hoffen, das Potenzial des Hauses deutlich zu machen. So viel wurde über das Humboldt Forum geredet und geschrieben. Jetzt ist es an der Zeit, vom Wort zum Objekt, zur Ausstellung überzugehen. Jeder ist eingeladen, sich das anzuschauen und Kritik zu üben.

Was ist das Besondere daran?

Das wichtige am Humboldt Forum ist, dass es viele Partner in Berlin gibt. In der Zusammenarbeit mit ihnen kann man die Sammlungen ganz anders verstehen. Am Beispiel des Humboldtstroms haben wir gemeinsam mit den Kollegen aus dem Botanischen Garten und der Humboldt-Universität Fragen zum Klimawandel gestellt und zeigen auch Objekte aus deren Sammlungen. Das von dem Strom verursachte Wetterphänomen El Nino ist nicht neu, es hat schon vor tausend Jahren nicht nur die Natur, sondern auch die Kulturen in Peru beeinflusst und sie bestimmt. Die Menschen haben versucht durch Rituale und durch ihr Verhalten, das Wetter zu ändern. 

Vorher kam keiner auf die Idee naturkundliche und archäologische Objekte gemeinsam auszustellen?

Die Sammlungen wurden immer gemeinsam aufgebaut und erforscht. Diese Gewohnheit die Welt als Ganzes zu sehen, haben wir nur vergessen. Dabei ist das Sammeln und Erforschen der Welt eine große Berliner Tradition, die Humboldtsche Tradition.

Wo wäre diese Ausstellung im Humboldt Forum zu sehen? Der Ausstellungsplan der ethnologischen Museen ist festgezurrt, jeder Kontinent hat seinen Abschnitt.

Diese Aufteilung ist wichtig für die Besucher, damit sie wissen, wo sie etwas finden. Aber innerhalb dieses Systems gibt es Flächen für Wechselausstellungen, wo man kulturübergreifende Themen behandeln kann. Das könnte ich mir dort vorstellen.

Sie werden die bestehenden Pläne also nicht anfassen?

Das kommt darauf an. Natürlich könnte man Aspekte dieser Ausstellung auch in die Hauptausstellung einfließen lassen.

Sie planen mit ihren Intendantenkollegen, die Fachbibliothek auszulagern, die Ausstellungen noch einmal anzufassen und eine Art Geschichte des Ortes über das Haus verteilt zu erzählen. Das sind Eingriffe, die teuer werden könnten.

Das sind keine massiven Eingriffe, auch innerhalb einer Vitrine lässt sich viel ändern. Die Voraussetzung war, der Bau darf nicht verändert werden und im Zeit- und Kostenrahmen bleiben. Unsere Vorschläge werden natürlich Geld kosten, aber nicht den Kostenplan des Baus selbst ändern oder gar den Zeitplan stören.

Die Ausstellung eröffnen Sie mit einem puppenähnlichen Totenbündel, in das eine Mumie eingenäht ist. Das bringt den Besucher auf die Idee, hier würde Raubgrabung oder Kolonialismus thematisiert.

Nein, überhaupt nicht. Solche Totenbündel werden auch in Peru ausgestellt, das ist keine koloniale Geschichte.

Aber die Besucher werden, ob sie das wollen oder nicht, genau das denken.

Wenn sie die Beschriftung lesen, erhalten sie unsere Antwort. Das Totenbündel ist ein idealer Ausgangspunkt. Antike Gesellschaften versteht man am besten durch die Gräber. Was wurde dem Verstorbenen auf die Reise mitgegeben? Was war wichtig? Wie sahen sie die Welt?

Wie werden Sie mit dem Thema Kolonialismus umgehen?

Das wird in unserer dritten Ausstellung in der Humboldt-Box thematisiert, die sich um Gold drehen wird. Fast allen Kulturen ist Gold sehr wichtig, nur in China wird Jade höher geschätzt. Was bedeutet Gold wirtschaftlich, symbolisch oder religiös. Die Gewinnung oder der Erwerb von Gold hängt fast immer mit kolonialer Ausbeutung zusammen. Diese Fragen sind wichtig und müssen in unseren Ausstellungen immer gestellt werden.

Über den ökonomischen wie symbolischen Erfolg des Humboldt Forums wird das Erdgeschoss entscheiden. Dazu sind die Pläne unverändert vage.

Es gibt die große Sonderausstellungsfläche, ein Theater und Multifunktionssaal sowie Gastronomie. Die Veranstaltungen wie Tanz, Musik und Kino werden sehr wichtig sein, Tanz, Musik, Kino. Dazu stehen auch die beiden Höfe zur Verfügung. Hier geht es darum, die Massen anzuziehen. Es sollte möglich sein, ein ganz neues Publikum anzusprechen.

Der Eintritt in die Humboldt Box ist frei. Warum?

Das ist wichtig. Als Modell für das ganze Haus nehmen wir die Kosmos-Vorlesungen von Alexander von Humboldt. Das war sein Versuch, den Stand der Wissenschaft seiner Zeit allen zugänglich zu machen. Die Vorlesungen fanden in der Singakademie statt und waren kostenlos. Es kamen Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft. Das war eine Sensation. Das ist auch unser Modell. Die aktuelle Forschung soll mit allen Sinnen erfahrbar sein.

Wird auch das Humboldt Forum umsonst zu besuchen sein?

Wir haben das der Kulturstaatsministerin, Monika Grütters, vorgeschlagen.