Berlin - Es muss ein großartiger Raum gewesen sein, diese Schlosskapelle, die nach den Plänen Friedrich August Stülers über dem Westportal des Berliner Schlosses 1854 eingeweiht wurde. Ein achteckiger Unterbau über dem großen achteckigen Saal, in dem 600 Menschen zu Gottesdiensten des königlichen Hauses sitzen konnten. Kostbar waren die Wände verkleidet, das Fensterband schien die Kuppel geradezu schweben zu lassen, außen strahlte sie golden und weithin sichtbar. 1950 wurden auf Befehl der SED auch die Reste dieser architektonischen Kostbarkeit gesprengt.

Architekturgeschichte

Am Dienstag nun wurde vom Förderverein Berliner Schloss und der den Bau betreuenden Schlossstiftung bekannt gegeben: Der Nachbau wenigstens der äußeren Form des Kuppelaufbaus ist, endlich, finanziell gesichert. Es haben sich ausreichend Spender für Ziegel und Sandsteindetails und die Dacheindeckung gefunden. Zur Erinnerung: Der Bundestag hat sich lediglich bereit erklärt, den Nachbau der drei barocken Hauptfassaden des Schlosses und des „Schlüter-Hofs“ vorzufinanzieren. Fassadenteile wie das monumentale Eosandertor nach Westen, über dem einst die Kapelle errichtet worden war, oder der Kuppelaufbau sollten erst nachgebaut werden, wenn die Spenden zusammen gekommen sind. Ein großer Erfolg also ist hier zu verzeichnen, der auch an eines der großen Dramen der preußischen Architekturgeschichte erinnert.

Mit dem Kuppelbau endete eine 150 Jahre währende Debatte darum, ob das Berliner Schloss überhaupt ein architektonisches Zeichen – sei es eine Kuppel oder einen Turm – benötigt, um im Häusergewimmel Berlins aufzufallen. Andreas Schlüter und der erste König in Preußen, Friedrich I., hatten um 1710 den Umbau des seitlich am großen Hof des Schlosses stehenden Münzturms zu einem grandiosen barocken Kunstwerk nach niederländischem Vorbild geplant. Doch wankte dieser und musste noch vor Vollendung wieder abgerissen werden. Alternativ entwickelte Schlüters Nachfolger als Schlossarchitekt, Eosander von Goethe, den Plan, über dem von ihm entworfenen gewaltigen Westportal einen solchen Prachtturm zu errichten. Er hätte konkurrieren können mit der Kuppel des Invalidendoms in Paris. Aber erst um 1850 reichte die Kraft für den vergleichsweise strengen, achteckigen Aufbau Stülers.

Nicht vorgesehen zum Nachbau ist allerdings die Innenarchitektur der Kapelle. Nur deren Rohbauform ist bereits wieder entstanden, durch ein massiv gegossenes Gewölbe in Saal und Kuppelaufbau geteilt. Ausgestellt werden sollen in dem Saal künftig Wandgemälde aus buddhistischen Höhlenklöstern Zentralasiens. Und damit stellt sich eine Frage, die dank der generösen Spende einer einzelnen Dame nun endlich debattiert werden muss: Auf der Kuppel soll nämlich auch das monumentale goldene Kreuz wieder aufgestellt werden. Zur Zeit Friedrich Wilhelm IV. signalisisierte es, dass sich hier eine geweihte Kirche befand, wie die Schloss-Stiftnug in ihrer Mitteilung auch betont. Kein Wort dagegen verliert sie darüber, dass dieses Kreuz auch die enge, für die deutsche Geschichte sehr ungute Allianz zwischen preußischer Monarchie und christlicher Kirche symbolisierte und in der Kolonialgeschichte Europas zum Zeichen der Unterdrückung wurde. Genau diese Kolonialgeschichte aber prägt die Ausstellungen des Humboldtforums.

Nicht nur Dekor

Für Wilhelm von Boddien und offenbar auch die Schlosstiftung gehört der Kreuznachbau zum Auftrag des möglichst weitgehenden Nachbaus der Schlossfassaden. Abgesehen davon, dass auch dieser Nachbau erheblich verändernd in die überlieferte Schlossgestalt eingreift: Ein Kreuz ist nicht einfach nur Dekor, es hat Bedeutung. Religiös sinnvoll wäre es nur, wenn im Humboldtforum eine Kirche oder Kapelle entstehen sollte. Doch davon ist keine Rede. Ganz im Gegenteil soll das Humboldt-Forum ein durch und durch säkulares Museums- und Veranstaltungszentrum werden, in dem wird vor allem die Gleichwertigkeit der Religionen und Kulturen vermittelt: Am Ort der einstigen christlichen Kapelle entsteht ein Saal mit buddhistischer Malerei. Somit stellt sich die Frage, ob ein weithin sichtbares Kreuz, ein religiöses Machtzeichen, auf die Kuppel des wichtigsten Museums- und Kulturprojekts der neuen Bundesrepublik gehört.