Berlin - Ein Bohrloch in der Decke verbindet die alte und die neue Welt in der Brunnenstraße 113. Unter der Decke im kleinen Computerzubehörshop steht Didi hinter der Verkaufstheke. Stecker, Tastaturen, Adapter und allerlei Kabel umgeben ihn. Mehr als seinen Spitznamen möchte der Mann um die 40, der abwechselnd Deutsch und Türkisch spricht, nicht in der Zeitung lesen.

Die Wände in dem Laden sind vor langer Zeit einmal orange gestrichen worden. Dann spritzte Kaffee dagegen, schrammten Möbel an der Wand entlang. An der Decke hängen Neonröhren zur Beleuchtung, zwei funktionieren. Zwischen den Stäben: das Bohrloch, notdürftig zugemacht. Dahinter liegt die Wohnung im ersten Stock. Hier sind die Wände in frischem Weiß verputzt. „Ich habe gehört, dass über mir ein Mieter gestorben ist“, sagt Didi und schaut hinauf an die sicher vier Meter hohe Decke, zu dem Bohrloch. „Da haben die natürlich alles renoviert und die Miete angezogen.“

Das Haus in der Brunnenstraße 113 steht exemplarisch für die Entwicklung des Quartiers mit der Postleitzahl 13355, dem Humboldthain. Laut dem am Mittwoch veröffentlichten Wohnmarktreport Berlin stiegen die Angebotsmieten für freie Wohnungen im vergangenen Jahr in keinem anderen Kiez so stark wie hier in Gesundbrunnen. Um satte 47 Prozent kletterten die Preise in die Höhe, geht aus dem Bericht des Immobiliendienstleisters CBRE und der Bank Berlin Hyp hervor.

Wer vor der Hausnummer 113 steht und über die vier Straßenspuren blickt, sieht gegenüber die wenig charmanten Betonbauten der Degewo. In allen Tönen des Farbkreises schieben sie sich nebeneinander und sehen nach Jahrzehnten in Regen und Smog doch bloß gräulich aus. Auch der Wohnmarktreport räumt ein, das Gebiet sei durch Zerstörung im Krieg, die spätere Lage im Mauerwinkel und Kahlschlagsanierung eigentlich nicht prädestiniert für einen Mietenboom. Im Gegenteil: Ein Zehntel aller Wohnungen ist hier sogar für moderate 5,74 Euro pro Quadratmeter zu bekommen.

Auf der anderen Seite wird die Gegend allein durch ihre Lage zwischen den Ortsteilen Mitte und Prenzlauer Berg aufgewertet. Richtung Süden geht der Blick entlang der Straßenflucht bis zur scheinbar über der Fahrbahn schwebenden Kugel des Fernsehturms. Das Zentrum ist nah. Auch der grüne Volkspark Humboldthain und der nahe Mauerpark sind Pluspunkte. Hauptursache für die explodierenden Angebotsmieten ist laut Report aber der Preisanstieg in den sanierten Altbauten im Kiez.

Kleine Türmchen am Dach, die mit prächtigem Stuck verziert sind

In der Voltastraße stehen solche Altbauten, oder eben in der Brunnenstraße Nummer 113. In welchem Jahr das Haus gebaut wurde, weiß Didi nicht. Das Gebäude in der Nummer 115 stammt aus dem Jahr 1886, das verkündet stolz eine Einlassung in die Fassade aus roten Klinkersteinen. Daraus formen sich Erker das Haus empor und kleine Türmchen am Dach, die mit prächtigem Stuck verziert sind. Hier wohnte einst Marek, der seinen echten Namen wie Didi nicht preisgibt. „In einem 230-Quadratmeter-Loft, mit Ofen und Dienstmädchenzimmer, für 900 Euro warm!“ Der 35-Jährige lacht. „Dann wollten sie uns eine Heizung einbauen und dafür die Miete verdoppeln.“ Marek zog aus – und zwei Häuser weiter wieder ein. Direkt in die sanierten Wände über Didi.

An dem weißen Putz in seiner Wohnung hängen jetzt goldene Bilderrahmen, das sieht toll aus zusammen mit den Holzdielen. Marek lehnt im Türrahmen. Haare zur Seite gegelt, Schlabberhose, nackte Füße und eine wache, nette Art. Eigentlich sei er nicht der typische Mieter für die hippe Bleibe, sagt Marek. „Das sind teilweise Leute, wo Papa mit einem fetten Auto kommt und hier die Wohnung zahlt.“ Die 860 Euro Warmmiete für die 73 Quadratmeter könne er gerade stemmen. Schon zweimal habe sich der Preis seit seinem Einzug vor drei Jahren erhöht. „Es ist aber praktisch, hierzubleiben, weil ich gegenüber ein Restaurant betreibe“, sagt er.

Viele Spielhallen, Discounter und Billigläden

Marek findet, die Entwicklungen im Kiez passen noch nicht recht zusammen. „Einerseits der Renovierungswahn in den Altbauten, andererseits die vielen Spielhallen, Discounter und Billigläden, die alle Kultur im Viertel verdrängen“, sagt er und bezieht sich auf frühere Pläne, die Brunnenstraße in eine Modemeile zu verwandeln. Laufkundschaft im Restaurant entstehe durch die neuen Bewohner kaum. „Sie arbeiten wohl woanders in der Stadt, gehen woanders aus.“ Marek zeichnet kein Bild von einem Zuhause. Nur von einer Bleibe. Etwas Hoffnung gibt das Quartier für Hunderte Studenten, das an der Stralsunder Straße entsteht. Auch in den Start-ups auf dem Gelände der alten AEG- und Siemenswerke südlich des Parks tue sich etwas. „Vielleicht, können viele junge Leute dabei helfen, dem Viertel wieder eine richtige Identität zu geben.“