Hundert Bahnhöfe im Raum Berlin werden künftig von der Deutschen Bahn videoüberwacht

Die Deutsche Bahn (DB) baut die Videoüberwachung ihrer Bahnhöfe in Berlin und dem Umland aus. Auf acht Stationen wird vorhandene Videotechnik modernisiert, zwölf werden neu damit ausgestattet. Außerdem werden auf vielen S-Bahnhöfen die Kamerabilder künftig gespeichert. Ziel ist es, dass 100 Bahnhöfe im Raum Berlin mit Video überwacht werden. „In diesem und im nächsten Jahr investieren wir fünf Millionen Euro“, teilte Hans-Hilmar Rischke, der neue DB-Sicherheitschef am Mittwoch mit.

Intelligente Video-Technik wird erprobt

Damit nicht genug: Die Bundespolizei, die mit der Bahn zusammenarbeitet, will auch auf einem Berliner Bahnhof intelligente Videotechnik erproben. „Wenn sie feststellt, dass ein Koffer seit längerem nicht bewegt worden ist, löst sie Alarm aus“, sagte Ralph W. Krüger, Vizepräsident der Bundespolizeidirektion.

Bei verdächtigen Bewegungsmustern gibt es ebenfalls einen Hinweis an die Leitstelle – zum Beispiel, wenn sich Personen lange auf einem Bahnsteig aufhalten und immer wieder dieselbe Strecke gehen. Wo das Pilotprojekt in diesem Jahr starten soll, stünde noch nicht fest. Südkreuz wäre eine Möglichkeit.

Was kann, was soll Videotechnik bewirken – und was nicht? Diese Diskussion bewegt nicht nur Datenschützer, sie wird auch bei der Bahn geführt. „Kameras können bevorstehende Straftaten nicht verhindern“, so Rischke. „Aufzeichnungstechnik kann aber dazu beitragen, dass Straftaten aufgeklärt und Straftäter dingfest gemacht werden.“

Das gelingt mit steigender Tendenz, wie Bundespolizist Krüger berichtete. Während 2014 bundesweit 959 Taten mit Hilfe von Videotechnik aufgeklärt wurden, gelang dies im vergangenen Jahr bereits in 1 536 Fällen. Erst kürzlich kam die Polizei auf diese Weise einem Ring von Taschendieben auf die Spur. „Kameras ermöglichen es uns auch, Gefahrensituationen zu erkennen – Überfüllungen, Panik“, so Krüger. Die Technik zeichnet nicht nur auf, sie ermöglicht auch Einblicke in Echtzeit.

Betriebsrat hatte sich gegen Kameras gewehrt

Allerdings gebe es Grenzen. So werden die Bilder nach 48 Stunden automatisch überschrieben. Einsicht bekomme nur die Bundespolizei, nur sie könne darauf zugreifen.

Anders als bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) stand man bei der Bahn der Videoüberwachung lange Zeit zurückhaltend gegenüber. Dabei ging es vor allem um die Kosten. Bei der Berliner S-Bahn kam hinzu: Der Betriebsrat wehrte sich dagegen, dass die Kameras, die dem Fahrpersonal bei der Zugabfertigung helfen, den Führerstand ins Visier nehmen. Die Technik dürfe nicht dazu missbraucht werden, das Personal zu überwachen. Schließlich einigte man sich darauf, dass die Kameras die S-Bahnen nur von hinten ins Blickfeld nehmen.

Auf 65 der 166 S-Bahnhöfe gibt es diese Technik schon, 15 S-Bahnhöfe kommen bis zum Jahresende hinzu. Noch wird sie nur vom Fahrpersonal genutzt, alle Aufnahmen werden sofort überschrieben. „Künftig zeichnen sie permanent auf“, so S-Bahn-Chef Peter Buchner. Allerdings bleibe ihre Perspektive weiterhin begrenzt: Die rund 800 Kameras sind auf die Bahnsteigkanten und angrenzende Bereiche gerichtet.

Die neuen S-Bahn-Züge, die von 2020 an durch Berlin fahren sollen, werden über Videokameras verfügen. „In den jetzigen Zügen wäre eine Nachrüstung schwierig“, sagte Buchner. „Allerdings prüfen wir, ob dies für die Baureihe 481 nicht doch noch möglich ist“ – dieser S-Bahn-Typ bildet den Großteil der Flotte.

Deutsche Bahn setzt auch auf Personal

Sicherheitschef Rischke betonte, dass die Bahn nicht nur auf Technik setze. In Berlin und Brandenburg seien 500 Sicherheitskräfte im Einsatz. „Präsenz ist erste Wahl, um Straftäter abzuschrecken“, sagte er.

Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband IGEB sieht das genauso. Dazu passe allerdings nicht, dass es nur noch auf wenigen S-Bahnhöfen fest stationiertes Personal gibt, das im Notfall helfen kann, bemängelte er. Weil das Fahrpersonal auf immer mehr Stationen die S-Bahnen selbst auf die Reise schickt, sind Zugabfertiger bei der S-Bahn eine Seltenheit geworden.

Inzwischen sind die meisten S-Bahnhöfe verwaist, und weitere kommen in den nächsten Monaten hinzu. Beim neuen Videotechnikkonzept ist „im Prinzip alles schick“, sagte Wieseke. „Doch Personal auf den Bahnhöfen kann es nicht ersetzen.“