Berlin - Die Stadt ist in den Monaten der Corona-Pandemie weiter auf den Hund gekommen. Menschen in häuslicher Isolierung, in Heimarbeit, ohne Zerstreuung, ohne Begegnung mit Freunden und Familie haben sich Tiere als Gesellschaft ins Haus geholt. Allein 6000 Hunde mehr als im Vorjahr standen Ende 2020 im Berliner Register. Das Berliner Tierheim, die größte Einrichtung ihrer Art in Europa, bestätigt den Trend. Mitte Mai betreute man 200 Hunde, normalerweise sind es 260. Der Futterlieferant Fressnapf freut sich über nie gekannte Umsätze.

Laut Statistischem Landesamt verzeichnete die Berliner Verwaltung Ende 2020 insgesamt 117.227 ordentlich eingetragene Hunde. Sie leben bei 105.000 Herrchen und Frauchen in Berlin. Für den ersten Hund sind 120 Euro an den städtischen Fiskus zu zahlen, für jeden weiteren 180 Euro. 12,6 Millionen Euro flossen dem Land Berlin im Jahr 2020  aus der Hundesteuer zu, das waren 600.000 mehr als im Vor-Corona-Jahr 2019. Nach langjährigen Erfahrungen weiß man, dass 20 bis 30 Prozent der Hunde nicht registriert sind. Von der Steuer befreit sind Exemplare, die Menschen helfen, zum Beispiel Sehbehinderte führen.

In dieser Hinsicht hat sich wenig geändert seit der Einführung der Hundesteuer vor mehr als 200 Jahren.  Das „Edikt über die neuen Consumptions- und Luxus-Steuern“, das der preußische König Friedrich Wilhelm III. am 28. Oktober 1810 erließ, stellte arbeitende Hunde frei von der Zahlung, also Hirten-, Schäfer- und Wachhunde oder solche, die Karren von jenen Händlern und Lieferanten zogen, die sich kein Pferd leisten konnten. Andere Hunde gingen im Göpel und betrieben dadurch mit ihrer Muskelkraft über Wellen und Zahnräder Hebe- oder Mahlwerke und Butterstampfer.

Hundehaltung zum Vergnügen

Dass im Edikt auch ein Gerechtigkeitsgedanke steckte, dafür sprechen die anderen besteuerten Luxuswesen: Diener, Katzen, Ziervögel, Pferde. Der König fand, wer sich fressende, schmutzende und Platz beanspruchende unnütze Tiere hielt, sollte in der Lage sein, etwas für die Allgemeinheit abzugeben. Auch in anderen Städten ging es um die Straßenreinigung, das Einfangen „toller“ Hunde und um die Armenkasse.

Hunde zum Vergnügen zu halten, das kannte der König von der Verwandtschaft: Friedrich II. hatte seine italienischen Windspiele geliebt, der Favorit durfte in seinem Bett schlafen. Unter der obersten Weinbergterrasse in Sanssouci ließ der Tierfreund für sich und seine Hunde eine Gruft anlegen. Seine Mutter Sophie-Dorothea wie auch Großmutter Sophie-Charlotte umgaben sich in ihrem Refugium Schloss Monbijou mit allerlei Hündchen: Erstere mochte Möpse. Ihre Schwiegermutter hatte den ersten 1680 aus China eingetroffenen Mops noch „garstig“ gefunden.

Hundemarke als Nachweis

Wer die Hundesteuer bezahlt hatte, bekam eine kleine gelochte Plakette, die der Hund am Band um den Hals zu tragen hatte. Die älteste in Berlin und Brandenburg erhaltene Preußische Hundemarke von 1817 verwahrt das Märkische Museum.

Vom 29. April 1829 an berechtigte eine Kabinettsorder die Städte, also auch Berlin, eine kommunale Hundesteuer zu erheben – zum ersten Mal in Deutschland. Das Volk moserte wegen der Abgabe seit langem – desgleichen wegen der Steuer auf gemahlenes Getreide oder des Rauchverbots im Tiergarten. Im Jahr zuvor hatte der Berliner Courier geklagt: „Es grenzt ans Unglaubliche, welche Masse Hunde in Zimmern und Straßen herumlaufen und die Leute anfallen.“

Ein Biss eines tollen Hundes sei Motiv genug, „alle Hunde der Welt todt zu schlagen“, meinte der Autor und fuhr fort: 28 Kranke habe es 1827 durch den Biss „toller Hunde“ gegeben. Seine Wut richtete sich gegen „Herren, die ihre Menschen wie die Hunde, und die Hunde wie die Menschen behandeln“. Jeder solle „wenigstens 20 Taler jährliche Taxe bezahlen“, wenn er Hunde halte, die andere Menschen gefährden. Mehr noch:

Die Damen, die ihre Stubenmädchen maltraitieren und ihre Hündchen in Seide legen, sollten jährlich dafür 100 Taler bezahlen.

Berliner Courier, 1828

Arme klagten, sie müssten ihre Hunde ersäufen, weil sie die Steuer nicht zahlen konnten. Sie waren ohnehin schwer von den Folgen der ersten Industrialisierungswelle in Preußen bedrängt. Maschinen wie der mechanische Webstuhl entzogen alten Berufen den Boden. Die bis dahin meist selbständig arbeitenden Schneider gerieten in die Abhängigkeit neuer Kleiderläden, für die sie 14 Stunden am Tag gegen kleinen Lohn nähten.

Am Freitag, den 16. September 1830, brach dann in Berlin auch der Schneideraufstand los. Gardeoffizier Carl von Bülow vermerkt in seinem Tagebuch, Handwerker hätten in der Breiten Straße versucht, einen der ihren aus der Haft zu befreien. Gendarmerie habe die Menge zerstreut. Tags darauf berichtet er von einer „größeren Anzahl schlechten Gesindels“ und schrieb, die „Berliner seien unzufrieden mit der Hunde- und Mahlsteuer, was ich sehr geneigt bin zu glauben“.

Aller Aufruhr wurde gewaltsam niedergeschlagen, und am Sonntag, den 20. September, war die Rebellion schon wieder vorbei. Bülow notierte: „Gegen Abend sammelte sich eine Menge Volk auf dem Schlossplatz, alles wollte hier das Vergnügen einer Rebellion ein Stündchen genießen.“ Der „Pöbel“ warf mit Kastanien, einige Enthusiasten gruben vor der berühmten Weinhandlung J.P. Nizze (Schlossplatz, Ecke Breite Straße) das Steinpflaster aus, Schlossfenster gingen zu Bruch, ein paar Gendarmen wurden schwer verletzt. Am nächsten Tag spielten die Offiziere wieder Whist und Schach.

Schneiderrevolte, Feuerwerks- und Kartoffelrebellion

Von Bülow interessierten die sozialen und politischen Ursachen nicht. Von diesen berichtet ein mit „Brutus“ unterzeichneter Handzettel, den die Polizei beschlagnahmte: „Auf, auf, ihr Teutsche! Schüttelt das Joch ab, welches seit 15 Jahren immer drückender geworden ist.“ Die Forderung lautete: „Fort mit der absoluten Gewalt! Nieder mit den Händen der Tyrannei, den Gendarmen. Es lebe die Nation, es lebe eine repräsentative Verfassung. Es lebe der konstitutionelle König.“ Der Aufruhr, so begrenzt er blieb, war doch ein bis dahin nicht gekanntes Zeichen, dass es gärte. Der Schneiderrevolte folgte 1835 die Feuerwerks- und Kartoffelrebellion (1847). Erst die Märzrevolution 1848 erreichte die Dimension einer Revolution.

In jenen Jahren wandelte Berlin seinen Charakter: Geistesgrößen wie die Brüder Humboldt wirkten, die Universität wurde gegründet, Adelige und Bürger begegneten einander in literarischen Zirkeln, Schinkel errichtete die innovative Bauakademie, Beuth modernisierte das Gewerbe. Bloß auf den Straßen und Plätzen versanken die Füße der Leute im Schmutz. Wer auf dem Opernplatz in der Kutsche vorfuhr, trat dann in Sand.

Hundesteuer für das Straßenpflaster

1825 ließ die auf dem Gendarmenmarkt ansässige Weinstube Lutter&Wegner den Platz vor der Türe zum Komfort der ein- und austretenden Kundschaft befestigen – mit Granitplatten. Die Idee begeisterte Friedrich Wilhelm III.: 1828 verpflichtete eine Kabinettsorder die Hauseigentümer der frequentiertesten Straßen, Gehwegplatten zu verlegen. Das fehlende Geld für die teuren Granitsteine brachte die Hundesteuer. Von 1829 an flossen zwei Drittel dieser Einnahmen zweckgebunden in die Befestigung der Trottoirs. Hausbesitzer konnten entsprechende Zuschüsse beantragen, und unsereiner freut sich heute über die charaktervolle Bodengestaltung Berlins, die damals begann.

Heute gehört Berlin zu den sechs Bundesländern, die eine Hundehaftpflichtversicherung verlangen, damit von Hunden verursachte Personen- und Sachschäden beglichen werden. Die über ein Hundeleben anfallenden Kosten summieren sich auf durchschnittlich 17.800 Euro. Im Sinne der öffentlichen Sicherheit gelten unter anderem Leinenzwang, Maulkorb- und Kotbeseitigungspflicht. Über weitere Regeln, die das Zusammenleben von immer mehr Tieren mit immer mehr Menschen erträglich machen, wird debattiert. In der Coronazeit tauchte immer mal wieder der Verdacht auf, infizierte Hunde oder Katzen könnten Krankheitsüberträger sein.

Vor einer Debatte über eine Klimasteuer für Haustiere schreckt die Gesellschaft noch zurück – obwohl eine Studie der Technischen Universität Berlin vom August 2020 ergab, dass ein 15 Kilogramm schwerer Hund in 13 Lebensjahren 8,2 Tonnen CO₂ ausstößt. 15 Millionen Katzen und zehn Millionen Hunde, von Natur aus Fleischfresser, leben in Deutschland. Rund eine Million Tonnen Fleisch verzehren sie im Jahr und geben entsprechend viele Ausscheidungen wieder von sich.

Wie kann das kompensiert und der Erlös in klimaschützende Maßnahmen gesteckt werden? So verwendet, wäre eine Klimasteuer für den Fiskus nicht so interessant; der muss sich andere Quellen suchen und immer an den Finanzminister des französischen Königs Ludwig XIV., Jean Baptiste Colbert, denken, der riet: „Steuern erheben ist die Kunst, die Gans so zu rupfen, dass man möglichst viele Federn mit möglichst wenig Gezische bekommt.“