Der Eindruck täuscht enorm. Der Eindruck, dass der Verein „I am Jonny“ nicht mehr so aktiv ist wie nach dem Tod von Jonny K. Tina K., die den Verein nach ihrem Bruder benannt hat, ist nur nicht mehr so sehr in der Öffentlichkeit präsent wie damals. Ihr Bruder hatte im Oktober 2012 am Alexanderplatz einen Streit schlichten wollen und war dabei zu Tode geprügelt und getreten worden. Er wurde 20 Jahre alt. Noch im Krankenhaus, in dem ihr Bruder starb, hatte Tina K. gedacht, dass sie etwas machen müsse. Sie gründete den Verein, um Menschen aufzurütteln, um Zivilcourage zu zeigen. „Denn wir alle können Jonny sein“, sagt Tina K.

„I am Jonny“ will an jeder Schule ein Netzwerk aufbauen

Die 34-Jährige sitzt an diesem Montag im Büro des Vereins in der Potsdamer Straße. Sie will noch immer nicht ihren vollen Namen in der Zeitung lesen. Es liegt am Schicksal ihres Bruders, der in allen Zeitungen nur Jonny K. genannt wurde. „Und ich bin Tina K., die Schwester von Jonny K.“, erklärt sie. Die Abkürzung habe einst auch ihre Familie schützen sollen, die nach der Tat von Journalisten belagert worden sei.

Tina K. ist an diesem Tag nicht allein in dem hellen Büro. Am Konferenztisch sitzt auch der 16-jährige Tim Möcks. Sie koordinieren die nächsten Termine, die Workshops zum Thema Zivilcourage, in denen Tina K. auch über den Tod ihren kleinen Bruders sprechen wird, der nur helfen wollte. Die 34-Jährige hat montags frei, muss die Mutter eines eineinhalb Jahre alten Jungen nicht arbeiten. Tina K. ist Übersetzerin. Und bei Tim Möcks ist wegen Lehrermangels der Unterricht ausgefallen.

Die gebürtige Spandauerin hat seit dem Tod von Jonny K. vor 300 Schulklassen geredet. Nun ist sie dabei, zusammen mit Tim Möcks an Spandauer Schulen ein Netzwerk für Zivilcourage aufzubauen. Möcks ist Schülersprecher der Spandauer Wolfgang-Borchert-Schule und Vorsitzender des Bezirksschülerausschusses in Spandau. Ziel des Netzwerkes sei es, an jeder Schule ein „I am Jonny“- Team mit engagierten Schülern aufzubauen, sagt Tina K. „Es gibt sehr viele junge Leute, die sich heute engagieren. Aber es läuft auch viel falsch an Berlins Schulen.“ Mobbing, Schulschwänzer – alles Themen, die man nicht totschweigen dürfe, sondern hinterfragen müsse. Warum kommen schon Grundschüler nicht zur Schule? Was läuft schief? Werden sie in der Schule gemobbt, oder sind sie zu Hause Gewalt ausgesetzt? Fragen, mit denen sich die Teams befassen sollen.

Zivilcourage beginnt für Tina K.  mit Achtsamkeit und Empathie

Tim Möcks hat Tina K. bei einem Workshop im vergangenen Jahr kennengelernt. Er habe sofort gewusst, dass der Verein „I am Jonny“ sehr viel bewegen könne, erzählt er. Tina sei authentisch, wenn sie von ihrem Bruder erzähle. Sie könne die Mädchen und Jungen überzeugen, das Gewalt nichts bringe, sagt der Jugendliche. Wie groß die Resonanz auf die Workshops sei, habe sich an einem Freitagnachmittag im vergangenen Oktober gezeigt. 70 Schüler- und Klassensprecher seien zur Auftaktveranstaltung für das Courage-Netzwerk gekommen, erzählt Möcks.

Fragt man Tina K., was für sie eigentlich Zivilcourage bedeutet, dann antwortet sie, dass es nicht nur darum gehe, Gewalt zu stoppen. „Zivilcourage fängt bereits mit Achtsamkeit und Empathie gegenüber anderen an“, sagt Tina K. Sie stellt bei ihren Workshops den Schülern häufig zuallererst eine Frage: Wofür seid ihr dankbar? „Und es ist erstaunlich, Wie viele junge Menschen plötzlich in sich gehen und über diese Frage nachdenken“, sagt die junge Frau. Auch darüber, dass man dankbar sein könne, zu leben.

Tina K. erhält mit „I am Jonny“ die Erinnerung an ihren Bruder

Für Tim Möcks beinhaltet Zivilcourage auch die Hilfe für den anderen. Er erzählt davon, dass Schüler aus Spandau und Wedding im vorigen Jahr einer wohnungslosen vietnamesischen Familie geholfen hätten. Die alleinerziehende Mutter und deren zwei Kinder bekamen nach seinen Worten eine völlig heruntergekommene Bleibe zugewiesen. „Wir haben die Wohnung tapeziert, Möbel besorgt – und es hat echt Spaß gemacht“, erzählt Tim Möcks. Auch das sei „I am Jonny“.

In den Workshops wird nicht selten auch über Politik geredet, über das, was falsch läuft in diesem Land. „Darüber, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht“, sagt Tina K. Die Schüler überlegen dann, was man tun könne, um diesen Trend zu stoppen. „Es stimmt nicht, dass sich junge Leute immer weniger für Politik interessieren. Das sieht man an der Fridays-for-future-Bewegung“, ist die 34-Jährige überzeugt. Und Tim meint: „Die Politik von heute ist aus meiner Sicht völlig realitätsfern.“ Darum müsse man sich engagieren.

Tina K. weiß, dass sie das Schicksal ihres Bruders nie loslassen wird. Und auch ihre Familie werde damit leben müssen, sagt die fröhliche junge Frau, die keinesfalls verbittert wirkt. In ihrer Wohnung hänge ein großes Bild von ihrem kleinen Bruder Jonny. Es schmerze sie immer wieder, wenn sie daran denke, dass er seinen Neffen niemals habe kennenlernen dürfen. Tina K. hat ihren Sohn, der zwei Tage nach Jonnys Todestag zur Welt kam, Rajon genannt. Ra steht für den ägyptischen Sonnengott, jon für Jonny.

„I am Jonny“ will auch beim Deutschen Präventionstag für Zivilcourage werben

Tina K. sucht für den Verein, der sich immer noch aus Spenden finanziert, derzeit nach einer neuen Bleibe. „I am Jonny“ sei dabei, sich neu aufzustellen, größer zu werden, erzählt sie. Nach Spandau sollen auch an den Schulen der anderen Bezirke „I am Jonny“-Teams für Zivilcourage entstehen. Dann soll die Bewegung deutschlandweit ausgebaut werden. Es gebe Anfragen aus Bayern, Nordrhein-Westfalen, Hamburg.

Tim Möcks macht derzeit den mittleren Schulabschluss und will danach in der Altenpflege arbeiten. „Später will ich der älteren Generation helfen“, sagt er. Am Nachmittag haben Tina K. und Tim Möcks noch einen Termin auf dem sie ihr Zivilcourage-Netzwerk bekannt machen wollen. Beim Deutschen Präventionstag ist „I am Jonny“ auch vertreten. Der Verein will Gesicht zeigen und für Zivilcourage werben.