Ganz schön mutig. Wenige Stunden, nachdem der Senat am Dienstag offiziell das Aus für die Internationale Bauausstellung 2020 verkündet hat, erklärt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, dass sie trotzdem weitermachen will.

Auch wenn die Mittel gestrichen seien, „werden wir die Themen der wachsenden Stadt und des sozialen Ausgleichs weiterverfolgen“, sagt sie vor mehreren Hundert Besuchern in der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Und erntet wohlwollenden Applaus. Es ist ein Heimspiel für Lüscher.

Sie spricht vor Architekten und Stadtplanern. „IBA 2020: was war – was wird?“ lautet das Motto der Veranstaltung, zu der die Stiftung eingeladen hatte, als noch nicht klar war, dass der Senat am selben Tag seine Sparbeschlüsse für den Doppelhaushalt 2014/15 verkünden würde.

Einen gesonderten Etat mit 50 bis 60 Millionen Euro für die IBA soll es danach nicht geben. Stadtentwicklungssenator Michael Müller könne aber einzelne Projekte aus seinem Etat bestreiten, wird der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zitiert.

Die Karl-Marx-Allee als „urbaner Boulevard“

„Sein Wunsch sei mir Befehl“, sagt die Senatsbaudirektorin und stellt sogleich fest: „Die Themen der IBA werden auch ohne das Sonderformat IBA weiterverfolgt werden, mit deutlich weniger Geld.“ Dann zählt Lüscher auf, was alles getan werden soll.

Die Karl-Marx-Allee könne zu einem „urbanen Boulevard“ werden – mit viel Platz für Fußgänger und Fahrradfahrer. In der Gropiusstadt könnte ein „vernetztes Bildungsquartier“ entstehen. „Wie können wir bezahlbar und ökologisch bauen?“, laute ein anderes Thema, das weiter zu bearbeiten sei, so Lüscher.

Und dann wird sie sogar noch kämpferisch: Um die vom Senat am Dienstag beschlossene neue Wohnungsbauförderung richtig einzusetzen, müsse es Pilotprojekte geben, sagt die Senatsbaudirektorin. „Wir müssen doch wissen, was wir finanzieren.“

Vom Kuratorium der IBA erhält Lüscher erwartungsgemäß Unterstützung. Er könne sich eine neue IBA vorstellen, sagt Professor Kees Christiaanse von der Eidgenössichen Technischen Hochschule Zürich. Und der Franzose Jean-Philippe Vassal wirbt dafür, Großsiedlungen durch ergänzende Bauten attraktiver zu machen.

Die Technik sorgt zwischendurch ungewollt für Erheiterung. „Sicherheitswarnung“ steht plötzlich auf der großen Leinwand, auf der die Vortragenden ihre Folien präsentieren. Als werde es jetzt gefährlich weiterzureden.

Nach mehr als einer Stunde meldet sich der im Publikum sitzende Volker Härtig, Vorsitzender des SPD-Fachausschusses „Soziale Stadt – Bauen Wohnen Stadtentwicklung“, zu Wort. Und dann wird es konfrontativ. Härtig, ein Vertrauter von SPD-Chef Jan Stöß, sagt, es sei schon bemerkenswert, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung eine derartig einseitige Veranstaltung mache, in der Selbstkritik an der IBA ausgeblendet werde.

Bei der bisherigen Konzeption habe es keine soziale Orientierung gegeben, es sei stattdessen im wesentlichen um Fragen der Architektur und des Städtebaus gegangen. „Man muss das IBA-Konzept erstmal vom Kopf auf die Füße stellen“, sagt Härtig.

Jetzt einfach trotzig zu sagen, wir machen weiter, finde er „zu dünn“. Die bisherige IBA-Planung gehe aus seiner Sicht davon aus, dass den steigenden Preisen in der Innenstadt nichts mehr entgegenzusetzen sei. Das meine man, in der Außenstadt auffangen zu müssen. Das sei das Kernproblem, so Härtig. SPD-Chef Stöß hatte ganz im Sinne Härtigs das Aus der IBA verteidigt und stattdessen dafür geworben, eine Bauausstellung im historischen Zentrum zu veranstalten.

Kuratoriumsmitglied Matthias Lilienthal, zurzeit als Professor in Beirut tätig, weist die Kritik zurück. Er halte den Vorschlag von Stöß für „Quatsch“. In Anspielung auf dessen Bemühen, Wowereit im Amt des Regierenden Bürgermeisters zu beerben, spricht Lilienthal sogar von „Bürgermeisterhahnenkämpfen“. Interessant sei für ihn, wie sich die Parteien in Berlin zu den steigenden Mieten stellen, sagt er. Er könne die Politik nur auffordern, eine Gentrifizierung Berlins wie in London zu verhindern.

Auch dafür gibt es Applaus von den Freunden der IBA. Moderatorin Frauke Burgdorff sagt schon früh am Abend, was sich viele wünschen: „Die IBA ist tot, es lebe die IBA.“