Berlin - Es gibt nicht viele Bauten, die so sehr für die Geschichte und den Anspruch West-Berlins stehen, trotz Teilung, Mauerbau, Abwanderung der Industrie und der großen Verwaltungen weiter Weltstadt zu sein wie das 1979 eröffnete ICC. Am Dienstag gab das Landesdenkmalamt spätnachmittags nun endlich bekannt: Das ICC ist eingetragenes Denkmal.

Das ist, man kann es nicht genug sagen, ein Riesenerfolg für viele Bürgerinitiativen, Kunst- und Architekturhistoriker, Ingenieure, Architekten und Nachkriegsmoderne-Enthusiasten. Seit mehr als 20 Jahren engagieren sie sich für diesen Bau – und müssen dabei nicht nur mit seinem Betreiber, der Berliner Messe, sondern vor allem mit der Berliner Politik kämpfen.

Bis vor gar nicht so kurzer Zeit wurde nämlich ernsthaft debattiert, das ICC abzureißen. Alternativ standen zur Debatte: Als Zentral- und Landesbibliothek etwa – die Bibliothekare waren schlichtweg entsetzt, viel zu dezentral liegt der Bau, viel zu abgeschlossen ist er. Ein Hotel sollte hinein, ein Shopping-Center – und so weiter. Alle diese Nutzungen hätten den Charakter des ICC als durchgeplantes Gesamtkunstwerk zerstört. In den vergangenen Jahren nutzte der Senat ihn als Herberge für Flüchtlinge – eine Gemeinheit für die oft traumatisierten Menschen, aber auch gegenüber den kostbaren Ausstattungen des Hauses, die regelrecht vernutzt wurden.

ICC als eingetragenes Denkmal ist politische Entscheidung

Erst der jetzige Senat rang sich dazu durch, das ICC wieder als das zu nutzen, als das es seit Mitte der 60er-Jahre von den Architekten Rolf Schüler und Ursulina Schüler-Witte geplant wurde: als Kongress- und Tagungszentrum nämlich. Für die Denkmalpfleger stand seit Jahren fest, dass es auch ein herausragendes Denkmal ist: Städtebaulich entfaltet das ICC geradezu genial die monumentale Wirkung bis hin zur Avus und zu den Auffahrten vom Kurfürstendamm. Die metallischen Fassaden – nach zwei Jahrzehnten Missachtung eingedreckt – blitzten einst so wie die Metall- und Kunststoffoberflächen des Inneren: Schüler und Schüler-Witte haben den Bau bis ins letzte Detail als Gesamtkunstwerk entworfen.

Die Eintragung ist also vor allem eine politische Entscheidung: Die Proteste wurden zu stark, die Absurdität, dass dieser Bau nicht vor Vandalisierung geschützt ist, immer absurder, und Kultursenator Klaus Lederer wollte zeigen, dass die Linkspartei auch West-Berlin wertschätzt. Zudem öffnet der Denkmalschutz jetzt den Zugang zu Subventionstöpfen der Europäischen Union und des Bundes. Das schlösse direkt an die Geschichte des Baus an: West-Berlin alleine nämlich hätte sich einen solchen Renommierbau nie leisten können, der Bund und die Steuerzahler aus West- und vor allem Süddeutschland halfen. Mit mehr als einer Milliarde DM Baukosten war das ICC eines der teuersten öffentlichen Bauten, welches sich die alte Bundesrepublik realisierte. Und es war Teil des Riesenskandals um den 1982 zusammen gebrochenen Wohnungsbaukonzern Neue Heimat, die so ziemlich jede Subventions- und Steuerabschreibungsmöglichkeit des Gesetzes ausgenutzt hatte.

Bringt der Denkmalstatus des ICC eine Wende im Umgang mit dem Bau?

Genau wie der Palast der Republik war das ICC also ein Geschenk der Nicht-Berliner an ihre jeweilige Hauptstadthälfte. Und genau wie beim Palast der Republik ignorierten die lokalberlinischen Debatten diese nationale Geschichte des ICC weitgehend. Ignoriert wurde auch, dass das ICC geplant wurde, als man noch nicht einmal die erste Ölkrise erlebt hatte. Man lebte im Wahn der ewig billigen Energie. Doch gewann er zwar einen Preis nach dem anderen, aber immer waren die Betriebskosten für Klimaanlagen, Saaltechnik, Reinigung und Instandhaltung weit höher als die Einnahmen aus den Kongressen und Tagungen. Als die Berliner Politiker dann um 2000 die Subventionen für den Betrieb strichen, forderte die Messegesellschaft sofort den Abriss. Später baute sie mit dem „City-Cube“ einen direkten Konkurrenten des ICC.

Ob der neue Denkmalstatus des ICC nun wirklich eine Wende im Umgang mit dem Bau herbeiführt, muss sich noch zeigen. Erst einmal stellt er den Senat als letztlichem Eigentümer des riesigen Gebäudes in die Pflicht, nicht mehr nur die bloße Bau- und Unfallsicherung zu betreiben. Nun muss auch die Bauunterhaltung finanziert werden, damit die nach gut 20 Jahren systematischer Vernachlässigung eingetretenen Schäden sich nicht vervielfältigen. Wie aber mit dem Bau letztlich umgegangen wird? Die politische Unterstützung für die Berliner Denkmalpflege ist nämlich höchst volatibel: Beim Neuen Museum etwa rang man sich zu einem international als vorbildlich gefeierten Restaurierungskonzept durch. Das direkt benachbarte Pergamonmuseum dagegen wird einem Radikal-Umbau unterzogen, der sehr teuer ist und dem herausragende Zeugnisse der Museums- und Architekturgeschichte geopfert wurden. Zudem haben Abgeordentenhaus und Senate in Berlin etwa beim Abriss der Ziesel-Fabrik in Oberschöneweide vor einigen Jahren gezeigt, dass selbst berlineigene Bauten keineswegs durch den Denkmalschutz vor der Zerstörung geschützt werden.