Berlin - Zwischen Berlin und Hamburg fahren künftig den ganzen Tag über Fernzüge im Halbstundentakt. Doch bevor das Angebot Ende 2021 aufgestockt wird, müssen die Fahrgäste Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Von September 2021 bis Mitte November 2021 wird die Strecke saniert, teilte die Deutsche Bahn (DB) mit. Einschränkungen des Verkehrs werden erforderlich – bis hin zu einer zehnwöchigen Vollsperrung eines Teilstücks bei Wittenberge.

Während der Arbeiten werden unter anderem 400 Kilometer Schienen erneuert, 24 Weichen in den Bahnhöfen Friesack, Jasnitz und Boizenburg ausgetauscht und zehn Durchlässe modernisiert. Elf Kilometer Strecke werden neu gebaut, so die Bahn weiter. Das geschieht nicht nur im Vorgriff auf die geplante Aufstockung des Fernzugverkehrs zwischen Berlin und Hamburg. 2022 und 2023 wird die traditionsreiche, seit 1846 bestehende Route als ICE-Umleitung genutzt, wenn die Schnellfahrstrecke Kassel–Fulda–Würzburg modernisiert wird.

Berlin–Hamburg im Halbstundentakt: Das hat bereits der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn vor zwei Jahrzehnten propagiert. Zwar wurde die Trasse noch während seiner Amtszeit für Tempo 230 ausgebaut, nachdem Pläne für eine Magnetschnellbahn zu den Akten gelegt worden waren. Doch Fahrzeugmangel und die technische Ausstattung der Bahnanlagen blieben ein Thema. So konnte auch die Ankündigung, ab Ende 2019 zweimal stündlich Fernzüge einzusetzen, nicht eingelöst werden.

Fahrgastzahl fast auf das Dreifache gestiegen

Dabei ist die Strecke eine der lukrativsten im DB-Netz. Waren 1997 auf der knapp 280 Kilometer langen Verbindung täglich rund 6000 Menschen in Fernzügen unterwegs, sind es heute im Durchschnitt fast 17000 pro Tag. Die Zahl der Reisenden in den ICE- und Eurocity-Zügen, die 2014 bei 4,5 Millionen lag, ist im vergangenen Jahr auf 6,1 Millionen gestiegen.  Dass die ICE-Fahrzeit zwischen den Hauptbahnhöfen von Berlin und Hamburg verlängert worden ist (von anfangs rund 90 auf inzwischen mehr als 100 Minuten), konnte daran nichts ändern.

19,90-Euro-Sparpreise gibt es auf dieser Route nicht so oft wie anderswo. Wer keine Bahncard hat und kurzfristig bucht, muss in der zweiten Klasse bis zu 83 Euro pro Weg zahlen. Preissensible Kundschaft nutzen die Fernbusse, die auf dieser Relation häufig verkehren, oder den ebenfalls deutlich langsameren IRE der DB, für den es Tickets zum Festpreis von 19,90 Euro pro Weg gibt.

Zu vielen Tageszeiten fahren schon zwei Fernzüge pro Stunde und Richtung – wenn der Eurocity aus Prag den ICE aus München ergänzt. Ab Dezember 2021 sollen sechs weitere ICE-Fahrten pro Tag und Richtung die Taktlücken schließen. Die Sitzplatzkapazität steigt dadurch um ein Fünftel.

Müssen Berlin-Pendler leiden?

Im Nahverkehr spielt die Hamburger Bahn ebenfalls eine wichtige Rolle. Zwischen Berlin und Nauen sind die Regionalzüge voll, auch der Hanse-Express auf dem Nordteil wird gut genutzt. „Ich befürchte, dass der Regionalverkehr leiden wird“, sagte Sven Krein, Pendler aus Velten.

Doch der Bahnexperte Hans Leister, der an den Planungen des zugrunde liegenden Deutschlandtakts beteiligt ist, sieht keine prinzipiellen Probleme. „Die zusätzlichen sechs Zugpaare fahren ungefähr in der Minuten-Zeitlage wie die Eurocity-Züge, nur zur jeweils anderen Stunde. Wenn das so ist, gibt es keinen Konflikt, sondern allenfalls eine Überholung in Wittenberge“, sagte der langjährige Bahn-Manager. 

„Auf der Hamburger Bahn wird es voller, der Druck auf den Knoten Spandau wird größer. Doch von der Streckenkapazität her sollte es klappen“, so Arnulf Schuchmann von der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG), die Regionalzüge auf der Strecke betreibt. Das setze aber voraus, dass die Fahrpläne eingehalten werden. „Wenn es Probleme gibt, wird der Druck, die S-Bahn nach Falkensee wiederaufzubauen, zunehmen.“