ICE München-Berlin: Vier Stunden Verspätung – ein Drama in mehreren Akten

„Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ So lautet in seiner überwältigenden Schlichtheit Murphys Gesetz. Es setzt sich täglich und überall in Form von menschlichem Versagen durch und speist sich aus den unendlich vielen Fehlerquellen in komplexen Systemen.

Es gilt: Je komplexer das System, desto mehr Fehlerquellen und Möglichkeiten für menschliches Versagen. Nach gänzlich unbestätigten Gerüchten erwägt die Deutsche Bahn seit Sonntag, den 10. Dezember 2017, den historischen Schritt zu einem neuen Betriebswahlspruch zu wagen: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“

Erfahrungswissen ist die Basis des Gesetzes, hier die Erfahrung einer von vielen Reisenden an jenem  Tag des Fahrplanwechsels, an dem zugleich die neue, superschnelle Strecke zwischen Berlin und München in Betrieb ging und drei Schneeflocken fielen.

Schluss mit Zug

Es begab sich also, dass der ICE 705 pünktlichst um 15.14 Uhr München verließ und bis Nürnberg alles den Eindruck schönster Ordnung weckte. Fünf Stunden, zwölf Minuten bis Berlin. Aber dann:

1. Die Neufahrstrecke, jener neue Streckenabschnitt nach Erfurt ist nicht befahrbar, nach wechselnden Informationen wegen technischer Probleme und/oder eines Notarzteinsatzes. Der Zug wird bis Erfurt umgeleitet über Fulda und Würzburg, Verspätung: 90 Minuten. Noch sitzt man warm und bequem.

2. Erfurt ist in Sicht, da spricht der Zugbegleiter: Schluss mit Bahnfahrt, alles raus aus dem Zug, der eigentlich über Berlin nach Hamburg fahren sollte. Der brave Mann verliest Anschlussmöglichkeiten.

3. Bahnhof Erfurt: Von wegen Anschluss! Im Bahnhof irren Hunderte Menschen umher auf der Suche nach Information oder wenigstens Orientierung. Die Anzeigen künden von Verspätungen von 40, 70, 90, 120 Minuten – letztere resultiert aus „wetterbedingten Schwierigkeiten“ (siehe drei Schneeflocken).

Allerdings sprechen die Tafeln auf dem Bahnsteig und im Bahnhof unterschiedliche Sprachen. Hinzu kommen Infos jener Reisenden, die  „in Echtzeit“ verfolgen, was  die Bahn-App so sagt. Was sie berichten, erweitert die Informationsvielfalt.

Immer wichtiger wird ein guter Standort, an dem die Lautsprecheransagen zu verstehen sind  – denn Verspätungen verkürzen oder verlängern sich, Bahnsteige wechseln. Am Informationsstand in der Bahnhofshalle hat sich eine Schlange von mehr als hundert Leuten gebildet, in der DB-Box eine (eine!!!!) Mitarbeiterin.

Dann Bewegung: zwei verspätete ICE bieten sich zur Weiterfahrt nach Berlin an. Sie werden gestürmt.

Lok ohne Führer

4. Leipzig! Wieder greift Murphys Gesetz: Der Lokführer hat Feierabend, die Ablösung sitzt in einem – verspäteten – ICE, dessen Ankunft demnächst erwartet wird. Der Zugbegleiter erklärt wortreich, wenn er in dem Laden was zu sagen hätte, liefe so manches anders.

Er entschuldigt sich persönlich, bietet Wasser an. (Das Bistro hat geschlossen, weil die Mitarbeiter irgendwo in einem noch viel stärker verspäteten Zug sitzen.) Die vielen Kinder an Bord jammern immer lauter. 

Dann ist der neue Lokführer da, der Zugbegleiter verkündet tapfer Anschlussmöglichkeiten für Wittenberg. Das hat sich schnell erledigt, denn ein Zug blockiert die Einfahrt in den Bahnhof. Tränen fließen, es ist mittlerweile weit nach 22 Uhr, der Zugbegleiter verteilt tapfer Broschüren, die über Fahrgastrechte informieren.

5. Berlin, das Reiseziel, kann doch noch am Abreisetag erreicht werden. Kaum vier Stunden Verspätung. Was macht es da, dass die U-Bahn Pendelverkehr verkündet, der Waggon nach Bier und Sonstwas stinkt, und auf ungeräumten Straßen der Rollkoffer zum Schneepflug wird...