BerlinHomeschooling ist derzeit die einzige Form des Unterrichts. Wir haben eine Schülerin aus einer Sekundarschule aus Hohenschönhausen gesprochen, die anonym bleiben möchte, um freier sprechen zu können. Es geht vor allem um die Probleme an Schulen, in denen nicht alle Schüler aus sozial starken Familien kommen und wo nicht alle mit ausreichend Laptops ausgestattet sind. Nun folgt das Protokoll der Schülerin:

Unsere Schule ist ziemlich alt. Ein Plattenbau aus DDR-Zeiten, aber es gibt auch einen Neubau, der sehr modern ist, da gibt es zum Beispiel eine elektronische Stundenplantafel. Aber insgesamt sind wir noch nicht in der heutigen Zeit angekommen. Ich bin 14 Jahre alt, habe zwei Geschwister und gehe in die 9. Klasse. Wir sind 30 Schüler dort. Meine Lieblingsfächer sind Sport, Kunst und Deutsch. Das Horrorfach ist Physik. Ein sicheres Berufsziel habe ich noch nicht: Früher wollte ich Gerichtsmedizinerin werden, dann Tierärztin, jetzt lieber Anwältin.

Homeschooling - 

eine Chance, die Schulen in die Zukunft zu katapultieren. Wie geht es mit der Digitalisierung voran? Wo bleibt die neue Lernkultur? Wie läuft es zu Hause? Eine Serie der Berliner Zeitung. 

Vor Corona bin ich nicht ganz so gern in die Schule gegangen. Aber durch Corona habe ich gemerkt, wie wichtig die Schule ist: nicht nur, um Freundinnen zu treffen, auch um zu lernen. Der erste Tag vom ersten Lockdown war wie Ferien. Hurra, endlich keine Schule mehr, keine Verpflichtungen. Aber dann kamen die vielen Aufgaben von den Lehrern, und ich dachte: Das ist ja blöd, ich will nicht immer nur alles vom Blatt ablesen, ich will wieder in meine Klasse. Das finde ich, ehrlich gesagt, besser. Da können wir nachfragen, was die Lehrer meinen. Und es ist besser, gemeinsam zu lernen.

Von der Schule haben wir keine Laptops bekommen. Wir sind drei Schüler zu Hause und meine Mutter ist im Homeoffice. Wir teilen uns einen einzigen Laptop. Wenn ich meine Online-Stunde habe, kann Mama nicht arbeiten und meine Geschwister sitzen dann mit dem Telefon am Ohr da und hören ihrem Unterricht zu. Nach dem ersten Lockdown erzählten Mitschüler, dass sie zu Hause gar keinen Computer und auch kein Internet haben.

In jeder Stunde gibt es immer die gleichen Probleme. Die Stunde dauert etwa 40 Minuten, aber zehn Minuten brauchen wir, bis alle angemeldet sind. Manche schaffen es einfach nicht, sich einzuloggen, dann schreibt die Freundin mir per WhatsApp und ich schreibe dem Lehrer eine Nachricht, damit er sie in die Gruppe reinholt. Oder der Ton funktioniert nicht oder das Bild.

Mit dieser Ausstattung ist Digitalunterricht eigentlich unmöglich, und meine Eltern wollen gar nicht, dass wir immer nur am Computer sitzen. Wenn ein dritter Lockdown kommt, brauchen wir noch einen Computer.

Aber im Vergleich zum ersten Lockdown hat sich schon richtig viel geändert. Damals hat nur eine Lehrerin Online-Unterricht gemacht. Jetzt haben wir Geschichte, Sport, Chemie, Mathe und Politik. In den anderen Fächern bekommen wir Ausdrucke, die wir ausfüllen sollen. 

Aber dafür bringt uns der Digital-Unterricht als Freundinnen viel enger zusammen. Wir kommunizieren mehr miteinander. Es gibt aber auch Schüler, die ganz abgetaucht sind.

Dabei ist die 9. Klasse doch ganz wichtig – die Vorbereitung auf den Abschluss in der 10. Ich finde: Das Schuljahr ist komplett verloren. Denn zwischen dem ersten und zweiten Lockdown waren wir jeweils eine Woche in der Schule und eine Woche zu Hause. Da haben die Lehrer ganz viel Stoff in die Stunden gestopft, ohne ihn zu vertiefen – nur damit gesagt werden kann: Wir haben den Stoff doch behandelt. Da ist ganz viel verloren gegangen. Vor Corona hatte ich einen Notenschnitt von 1,5. Jetzt bin ich bestimmt bei 2,2. Aber das wissen wir nicht, weil es niemand überprüft. Das ist nur so ein Gefühl.

Deshalb würde ich die 9. gern wiederholen. Ich bin mir sicher, dass ich in einer Prüfung einen Blackout bekommen würde.

Protokolliert von Jens Blankennagel.

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