Der Patient, dessen Name der Redaktion bekannt ist, ist 31 Jahre alt, wohnt in Neukölln, arbeitet in einem großen Büro, lebt in einer offenen Beziehung mit einem Mann. Am Mittwochmorgen bekam er die Diagnose Affenpocken. Er glaubt, er habe sich Mitte Mai angesteckt, bevor die ersten Fälle in Berlin bekannt waren. Er erzählt, wie er damit umgeht und warum er seiner Großmutter und seinen Arbeitskollegen nicht sagt, welche Krankheit er hat.

Berliner Zeitung: Wie geht es Ihnen?

Patient: Mir geht es inzwischen gut. Heute ist der erste Tag, an dem ich außer den Pocken keine anderen Symptome habe.

Welche Symptome waren es denn am Anfang?

Die waren schon sehr schlimm: Ich hatte Fieber, fühlte mich sehr abgeschlagen, hatte Glieder und Muskelschmerzen. Außerdem hatte ich noch ein Symptom, das normalerweise nicht zu den Affenpocken passt: schlimmen Durchfall. Aber all das wurde nach ein paar Tagen schwächer und dann kamen die Pocken.

Was sind das für Pocken?

Sie sind schon groß, ich habe so fünf oder sechs davon. Bei der westafrikanischen Variante treten wohl nicht so viele auf und offenbar habe ich auch einen milderen Verlauf.

Wie haben Sie es bemerkt?

Man kann sie erst mit einem Pickel verwechseln. Ich hatte erst einen am Knie und dann einen an der Nase, zwei an den Händen, die waren aber ganz klein. Und dann eine im Mund. Manche sind dann gekommen und wieder gegangen. Andere sind groß und eklig, der an der Nase ist auch aufgegangen.

Hatten Sie Angst?

Der Durchfall war schon schlimm. Ich konnte nicht einmal einen Schluck Wasser im Körper behalten. Ich war total dehydriert. Aber wirklich Angst hatte ich nicht, auch nicht, als ich die Pocken sah. Ich hatte schon im Hinterkopf, das könnten Affenpocken sein, aber da es nicht tödlich ist, kam keine Panik auf.

Haben Sie Medikamente genommen?

Nur zum Schlafen eine Ibuprofen, sonst nichts.

Wer hat die Diagnose gestellt?

Mein Hausarzt. Ich habe HIV und bin deshalb bei einem Schwerpunktarzt. Ich würde mit solchen Symptomen auch nie zu einem anderen Arzt, weil ich mich auch sicher fühlen muss, nicht verurteilt zu werden. Bei ihm war ich der erste Fall, sagte er. Er hat das sehr ernst genommen, hat seine Kollegin dazu geholt und einen Test angeordnet. Das Ergebnis haben sie mir einen Tag später am Telefon mitgeteilt.

Wie ging es weiter?

Dann meldete sich bald das Gesundheitsamt, das war gestern. Und sie teilten mir mit, dass ich jetzt 21 Tage seit den ersten Symptomen zuhause bleiben muss. Eine Woche liegt also hinter mir, jetzt also noch zwei Wochen.

Sie klingen ganz gefasst, haben Sie schon durch Corona eine Quarantäne erlebt?

Na ja, ich darf ja das Haus verlassen, darf einkaufen gehen mit FFP2-Maske. Eine Übertragung über Luft ist nicht nachgewiesen bisher. Ich soll Hautkontakt vermeiden. Aber ich kann ja kontaktlos bezahlen. Ich habe mich außerdem umfassend informiert, auch auf der guten Internetseite des RKI. Den Lockdown hatten wir zwar alle, aber in Quarantäne war ich nie. Ich habe es geschafft, nie Corona-Positiv zu sein, aber mir jetzt die Affenpocken einzufangen.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Sie haben sich Sorgen gemacht und hoffen, dass es mir bald besser geht. Ich konnte sie beruhigen. Aber allen habe ich es nicht erzählt.

Warum nicht? Weil die Krankheit so einen schlimmen Namen hat?

Weil es eine Krankheit mit einem Stigma ist. Egal, wie man das formuliert, es bleibt ja der Fakt, dass sich Menschen mit wechselnden Sexualpartnern eher mit Affenpocken anstecken können. Und damit werden diese Menschen stigmatisiert. Das ist auch der Grund, warum ich meinen richtigen Namen nicht nennen will. Meine Oma und meine Arbeitskollegen sollen es nicht aus der Zeitung erfahren.

Sie sagten, Sie sind HIV-positiv. Ist das Stigma ähnlich?

Nun, da wissen es meine Freunde und auf Facebook habe ich es auch einmal erzählt. Da bekam ich viel Zuspruch. Aber Affenpocken sind eben neu. Wir müssen trotzdem darüber sprechen, weil ich es zum Beispiel gern vorher gewusst hätte, dass ich mich als schwuler Mann an manchen Orten einer Gefahr aussetze. Ich möchte keine Panik, aber es ist doch ultrawichtig zu wissen, worauf man sich einlässt. Man muss die Zielgruppe doch ansprechen.

Wo haben Sie sich angesteckt?

Ich denke, es war im Berghain bei einer Sexparty, Mitte Mai. Ich war dort auf einer Party namens Snax. Zu dem Zeitpunkt war offiziell noch kein Fall Affenpocken in Berlin bekannt. Dass da eine akute Gefahr ist, war bei mir nicht angekommen.

Wären Sie hingegangen, wenn Sie damals das Wissen hätten von heute?

Nein.

Würden Sie sich generell anders verhalten?

Ich würde erst einmal abwarten für ein paar Wochen, den Ball flach halten, vielleicht nicht auf Sex verzichten, aber nicht auf eine große Party gehen.

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