Cynthia Barcomi ist seit über 25 Jahren eine erfolgreiche Gastronomin. Corona hat sie trotzdem hart getroffen.
Foto: Markus Wächter

Berlin - Das Café Barcomi’s in der Kreuzberger Bergmannstraße ist voll, draußen fast jeder Platz belegt. Cynthia Barcomi wirkt entspannt, noch läuft das Geschäft. Die Gründerin und Chefin hat harte Zeiten hinter sich: Bereits zu Beginn der Pandemie entschloss sich die gebürtige Amerikanerin, ihr großes Deli in Mitte zu schließen. Geblieben ist das Stammhaus in Kreuzberg. Im Interview spricht sie über die vergangenen Monate, ihre Pläne und die Unsicherheit, wie man der kalten Jahreszeit als Gastronom entgegengeht in Corona-Zeiten.

Berliner Zeitung: Frau Barcomi, knapp drei Monate sind vergangen seit der Schließung ihres erfolgreichen Delis in den Sophie-Gips-Höfen in Mitte. Sie waren sehr früh dran mit diesem Schritt, Sie haben geschlossen, obwohl Sie nicht einmal insolvent waren.

Cynthia Barcomi: Ich hätte ohnehin keine Insolvenz anmelden können, denn meine Cafés sind in einer GmbH gebündelt und solange das eine läuft, kann ich ja keine Insolvenz anmelden. Früher war das Café in der Bergmannstraße ein Einzelhandel und das Deli in Mitte eine GmbH, wir mussten uns also für jede Lieferung zwischen den Läden Rechnungen stellen, das ist sehr aufwendig und so habe ich irgendwann beide in einer GmbH zusammengefasst. Wenn man zwei verschiedene Rechtsformen hat, dann darf man sich nicht mal eine Kaffeebohne schenken, ohne dass das dokumentiert wird. Mit der Schließung des Delis in Mitte bin ich einer Insolvenz all meiner Betriebe zuvorgekommen.

Wann waren Sie an dem Punkt an denen Ihnen klar war, dass Sie das Deli schließen müssen?

Wir hatten am 16. März die Auflage, dass der Restaurantbetrieb einzustellen sei und wir nur noch Speisen zum Abholen bereitstellen dürfen. Also haben wir das Deli und auch die Bergmannstraße für Take-away geöffnet und in Mitte lief überhaupt nichts an diesem Tag. Es war wie an einem Neujahrsmorgen. Wir haben im Deli in Mitte nicht mal das Geld für die Mitarbeiter eingenommen.

Wie viele Mitarbeiter hatten Sie in Mitte?

55, davon musste ich einem kündigen, die anderen hatten befristete Verträge, die nicht verlängert wurden, und ein paar habe ich mit nach Kreuzberg in die Bergmannstraße genommen. Man kann aber auch nicht einfach so Leute umschichten von einem Betrieb in den anderen.

Warum nicht, es waren doch beides Café-Häuser im weitesten Sinne.

Das Klientel in Mitte ist ein ganz anderes als in Kreuzberg, die Räume sind andere und das Angebot ist ein anderes. Es ist gar nicht selbstverständlich, dass jemand, der bei Barcomi’s in Kreuzberg arbeitet, auch im Deli in Mitte arbeiten kann, das passt den Leuten nicht unbedingt. Das Deli in Mitte war auch ein Laden, wo man gesehen werden wollte und gesehen wurde. Das Café in Kreuzberg ist da viel ruhiger, viel familiärer. Das merkt man schon an Kleinigkeiten wie der Tatsache, dass die Leute hier in Kreuzberg keinen QR-Code mit dem Angebot haben wollten, sondern die ganz klassische Speisekarte. In Mitte war das Publikum internationaler, da hätte das sicherlich funktioniert, viele Menschen kennen dieses QR-Prinzip bereits aus anderen Ländern. Dass ich das Deli in Mitte schließen muss, war mir schnell klar, ein Gastronomiebetrieb mit 200 Plätzen und 55 Mitarbeitern braucht die volle Auslastung und zwar jeden Tag. Mietkosten, Betriebskosten, Personalkosten und andere Unkosten – dafür mussten wir im Monat mindestens 100.000 Euro umsetzen. Wir haben zwar noch das Catering, aber das ist anders als beispielsweise bei Sarah Wiener, die hat Catering für Großveranstaltungen mit vielen Tausend Leuten angeboten, so etwas haben wir nicht. Wir beliefern Familienfeiern und Office-Partys, das ist eine andere Größenordnung. Aber wir haben dann umgehend unseren Lieferservice erweitert, noch in der Nacht vom 17. auf den 18. März. Das haben wir von Kreuzberg aus gemacht, denn das Deli in Mitte hatte nur eine Teilküche, das Herzstück unseres Unternehmens ist das Barcomi’s in Kreuzberg.

Foto: Markus Wächter
Biografie

Cynthia Barcomi Friedman wurde 1963 im amerikanischen Seattle geboren und kam als ausgebildete Tänzerin 1985 nach West-Berlin.

Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter gründete Barcomi 1994 die Barcomi’s Café & Kaffeerösterei in der Bergmannstraße in Kreuzberg. Drei Jahre später eröffnete die Gastronomin im Mitte das wesentlich größere Barcomi’s Deli, das sie im März 2020 aufgrund der Corona-Pandemie schloss.

Cynthia Barcomi wird immer wieder in Fernsehsendungen als Back-Spezialistin eingeladen und hat mehrere Bücher zu dem Thema veröffentlicht.

Ihr Plan, mit der Schließung des Delis in Mitte das Café in der Bergmannstraße zu retten, ist somit aufgegangen?

Ja, auf jeden Fall. Das war ein schwerer, aber alternativloser Schritt für mich. Ich bereue es auch nicht, die Bank hat mir direkt gratuliert (lacht). Ich habe einfach zu viel Erfahrung in der Gastronomie als dass ich in so einer Situation – eine weltweite Pandemie, deren Ausmaße niemand abschätzen kann – abwarte, was auf mich zukommt. Ich habe das direkt vor mir gesehen, wie ein riesiges schwarzes Loch, und wusste: Wenn du nicht sofort handelst, dann wird alles, was du hast, in diesem Loch verschwinden. Ich ahnte, dass das lange dauern wird und kompliziert sein wird.

Das klingt alles sehr kühl und fokussiert.

Nein, das hat mich schlaflose Nächte gekostet, aber ich wusste, dass wenn ich das Deli in Mitte nicht schließen werde, dann werde ich auch das Café in der Bergmannstraße nicht weiter betreiben können, wenn’s schiefgeht. Natürlich habe ich das mit meinen Mitarbeitern diskutiert, aber letztlich war das alles ohne Alternative, die Fixkosten hätten uns gefressen. Wir haben am 16. März in Mitte 120 Euro umgesetzt, da war klar, dass das keine Zukunft hat. Ich konnte auch nicht warten, dass Unterstützung von irgendwoher kommt, denn anders als die Clubbetreiber gab es für uns Gastronomen ja keine Soforthilfen.

Sarah Wiener hat Insolvenz angemeldet für ihre Restaurants und ihr Catering in Berlin. Hat sie einen Fehler gemacht, den Sie vermieden haben?

Das kann ich nicht beurteilen, so gut kennen wir uns nicht. Aber wie gesagt: Sarahs Catering zum Beispiel hat ja eine ganz andere Größenordnung als ihre Restaurants. Das ist wohl ihr erstes Standbein, vermute ich, und da es Veranstaltungen in der Größenordnung nicht mehr gibt, die sie sonst beliefert hat, war die Insolvenz sicherlich nicht zu vermeiden. Aber das ist nur eine Vermutung. Ein kleiner Betrieb wie Barcomi’s ist da flexibler. Wir haben beispielsweise direkt damit begonnen, Krankenhäuser mit Care-Paketen zu beliefern, als die Krise auf ihrem Höhepunkt war.

Mit welchem Gefühl blicken Sie in die Zukunft?

Mit einem sehr gemischten. Noch können die Menschen draußen sitzen und das Wetter ist gut. Ich weiß nicht, wie das im Herbst sein wird. Die Idee mit Plexiglasscheiben zwischen den Tischen haben wir schnell verworfen, als bekannt wurde, dass die Aerosole durch den ganzen Raum fliegen. Vielleicht kommt ja der Heizpilz zurück, wer weiß? Das Ordnungsamt kontrolliert zwar Abstände und die Protokolle, aber es gibt ja keinen Plan vonseiten der Ämter, wie wir im Herbst zu verfahren haben. Wir werden versuchen, den Außenbetrieb so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Die kalte Jahreszeit wird ein ernsthaftes Problem für uns. Dabei ist uns der Vermieter im Frühjahr schon sehr entgegengekommen. Noch mal wird das wohl nicht der Fall sein. Man steht in der Gastronomie ohnehin unter einem Riesendruck, aber was der Herbst uns bringen wird, werden wir sehen und dementsprechend agieren!

Das Barcomi's in der Kreuzberger Bergmannstraße ist berühmt für seine Torten und Tartes
Foto: Markus Wächter

Haben Sie in der Krise überhaupt Unterstützung erhalten seitens der Lokalpolitik?

(Lacht) Nein, auf gar keinen Fall. Sicher bin ich enttäuscht, dass es für uns keinerlei Hilfsangebote gegeben hat, aber ich finde, die Politik hat hier ihr Bestes gegeben, das ist meine persönliche Meinung. Aber das ist nun mal auch die freie Wirtschaft, ich habe nichts anderes erwartet. Ich würde gar nicht sagen, dass überall die richtigen Entscheidungen gefallen sind, aber schauen Sie im Vergleich doch mal in mein Heimatland Amerika, oder nach Brasilien. Die katastrophalen Zustände sind doch mit nichts hier zu vergleichen. Meine komplette Familie in den Staaten ist nach wie vor isoliert.

Sie sind nicht verbittert?

Nein! Ich bin realistisch und Gastronomin seit 26 Jahren, ich weiß, was ich tue und was ich erwarten kann und was nicht. Am Ende des Tages bin ich allein verantwortlich für meinen Betrieb und meine Mitarbeiter. Wir haben aber viel freundschaftliche Unterstützung aus dem Kiez erfahren, es gibt einen guten Zusammenhalt in der Bergmannstraße.

Wie gehen Sie persönlich mit dieser Krise um?

Also ich habe auf jeden Fall eine extrem schwierige Zeit hinter mir. Es ist ausschließlich durch die Unterstützung meiner Familie, meiner Freunde und einiger Mitarbeiter, dass ich es psychologisch und finanziell überstanden habe. Ich bin für sie sehr dankbar! Jetzt ist alles okay, mein achtes Buch ist herausgekommen und ich sehe die Sonne am Horizont.

Wo sehen Sie Ihren Betrieb in Zukunft?

Mein Blick in die Zukunft für Barcomi’s ist sehr positiv: Seit über 26 Jahren leiste ich – zusammen mit meinem Team, stets ehrliche und sehr gute Arbeit.  Ich glaube schon, what comes around, goes around und insofern, werden wir uns weiterhin auf dem Markt behaupten … Ich habe jetzt schon einen neuen Standort in Aussicht.

Das Gespräch führte Marcus Weingärtner.