In Berlin herrscht Pflegenotstand. Viele Kräfte in der Pflege fühlen sich überlastet. 
Foto: Johannes Eisele

BerlinDie etwa 34.000 Pflegekräfte in Berlin brauchen dringend Verstärkung. Der Krankenhausgesellschaft schätzt, dass die Kliniken und Pflegedienste bis 2030 zusätzlich 10.000 Fachkräfte benötigen. Die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung hat ähnliche Zahlen vorliegen.

Im Haus von Senatorin Dilek Kalayci (SPD) rechnen die Mitarbeiter gerade den Bedarf für die kommenden fünf Jahre aus. Patientenversorgung in Gefahr Nicht wenige Krankenhausstationen in Berlin sind überlastet. Um mehr Personal zu gewinnen und die Stationen zu entlasten, greifen manche Kliniken zu ungewöhnlichen Methoden. So zahlte der Vivantes-Konzern, mit neun Häusern in der Stadt, ausgebildeten Pflegekräften bis Ende 2019 eine Prämie von 9000 Euro, damit sie an ihr Krankenhaus in Spandau wechseln. Bei Vivantes arbeiten derzeit 7000 Pflegekräfte.

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170 Vollzeitstellen sind aktuell nicht besetzt, wie eine Sprecherin auf Anfrage bestätigte. Man erhöhe kontinuierlich die Ausbildungsplätze, sagt sie. Zusammen mit der Charité hat Vivantes eine Bildungscampus für Gesundheitsberufe Anfang des Jahres in Betrieb genommen. An dem Campus lernen nun 1700 Schüler. Wie jetzt bekannt wurde, stellen an der Charité die Pflegekräfte 47 bis 68 Überlastungsanzeigen pro Monat.

In Charité haben 67 Leiharbeiter ausgeholfen 

Mitarbeiter gehen diesen Schritt, wenn sie das Pensum auf der Station nicht mehr schaffen. Sie sehen die Versorgung der Patienten in Gefahr. „Ich schaffe meinen Alltag nur mit Mühe und halte den Beruf nicht bis zur Rente durch“, sagt Beispielwiese Dana Lützkendorf. Sie arbeitet als Intensivpflegerin in der renommierten Klinik in Mitte.       An der Charité sind  100 Stellen in der Pflege unbesetzt – 60 davon auf Intensivstationen. Pressesprecherin Manuela Zingl sagte, dass Personal nun breiter aus- und fortgebildet.

Die Stationen werden mit Springern und Leiharbeitskräften verstärkt. Man suche weiterhin händeringend Personal. „Dass unsere Maßnahmen greifen, zeigt sich im Rückgang der Überlastungsanzeigen im Jahr 2019“, erklärt Zingl. Im Jahr 2018 lag die Zahl der Anzeigen von bei 60 bis 80 im Monat. Auch die Zahl der Überstunden ging zurück. So lasse sich eine leichte Verbesserung der Lage konstatieren.  

In der Charité haben im vergangene Jahr trotzdem noch 67 Leiharbeiter ausgeholfen. Die Stadt hat laut Berliner Krankenhausgesellschaft eine sehr hohe Quote an solchen Leasingkräften. Barbara Ogrinz, Pressesprecherin der Gesellschaft, sagt: „Auf manchen Stationen beträgt die sogar  bis 30 Prozent. Leiharbeit in der Pflege gefährdet Pflegequalität, Versorgungssicherheit und Patientensicherheit – Krankenhäuser fordern aufgrund des hohen Prozentsatzes politische Unterstützung, bis hin zum Verbot von Leiharbeit in der Pflege.“

Gute Versorgung der Patienten muss gewährleistet sein

Dana Lützkendorf von Charité ist aber auf diese Leiharbeiter dringend angewiesen, wie sie sagt: „Die derzeitige Personalsituation ist weiterhin so angespannt, dass wir Leiharbeit bekommen.“   Ob die Helios Kliniken in Buch und Zehlendorf auch auf Leiharbeiter zurückgreifen, ist unklar. Ihre Situation scheint aber etwas entspannter zu sein. Die Anzahl der offenen Stellen bewegt sich dort in Zahlen im zweistellige Bereich, wie ein Sprecher mitteilt.  

Für die Akquise von neuem Pflegepersonal suche Helios sogar in Mexiko, auf den Philippinen und in Brasilien. Ohne dabei die Ausschreibungen und Stellenanzeigen im deutschen Raum zu vernachlässigen. Deutschlandweit fehlen laut Verdi 80.000 Pflegekräfte. Von allen Seiten ist zu hören: Zu schlechte Bezahlung der Mitarbeiter, zu wenig Anerkennung, zu hohe Arbeitsbelastung, zu wenig Fürsorge seitens des Arbeitgebers.  

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Senatorin Dilek Kalayci steuert mit einem „Pakt der Pflege“ gegen. Am 27. Februar setzt sie sich mit der Krankenhausgesellschaft an einen Tisch. „Man hätte mit diesen Maßnahmen viel früher an fangen müssen “, kritisiert Florian Kluckert von der FDP. Die Gewerkschaft Verdi bemängelt, dass es den Klinikkonzernen immer nur ums Geld gehe.

„Nicht der ökonomische Anreiz und die schwarze Null haben im Vordergrund stehen. In der Charité – wie in allen anderen Krankenhäusern der Stadt – sind Bedingungen zu schaffen, die die gute Versorgung der Patienten dauerhaft sicherstellen“, so Sprecherin Meike Jäger.