Kriminalbeamter Ferrid Brahmi hat sich dem Mann in den Weg gestellt, der Fritz von Weizsäcker tötete.
Foto: Olaf Wagner

BerlinFerrid Brahmis Leben befindet sich „im Angstmodus“. So beschreibt es der 34-jährige Kriminalbeamte an diesem Donnerstag vor dem Berliner Landgericht als Zeuge. In seinem Kopf gebe es immer wieder die Warnung: sei vorsichtig. „Ich fühle mich derzeit wie in einer Achterbahn, aus der man herausfallen kann. Ich halte mich fest, um nicht herauszufallen“, erzählt er.

Das Leben des Beamten, den Innensenator Andreas Geisel vor wenigen Wochen ein Vorbild der Polizei nannte, hat sich am 19. November vergangenen Jahres geändert. Damals schritt Brahmi ein, als ein Mann den Chefarzt der Schlosspark-Klinik, Fritz von Weizsäcker, nach einem öffentlichen Vortrag mit einem Messer attackiert hatte. Brahmi wurde bei dem Versuch, dem Arzt zu helfen, schwer verletzt. Doch er konnte durch seinen Einsatz das Leben des 59-jährigen Mediziners nicht mehr retten. Fritz von Weizsäcker starb – durch einem einzigen und offenbar gezielt geführten Stich in den Hals.

Ferrid Brahmi ist ein großer, kräftiger Mann. Er schildert an diesem dritten Verhandlungstag in ruhigem Ton das, was in der Charlottenburger Klinik geschehen ist. Er lässt sich auch nicht durch die Zwischenrufe des angeklagten Gregor S. beeindrucken, der den Kriminalisten der Lüge bezichtigt. Der ihn auffordert, nicht „so einen Scheiß“ zu reden. Der dann endlich schweigt, als ihn der Vorsitzende Richter zum wiederholten Male lautstark zurecht weist.

Gregor S. muss sich wegen Mordes an Fritz von Weizsäcker und versuchten Mordes an Ferrid Brahmi verantworten. Der 57-jährige Angeklagte soll den Mediziner aus Hass auf die Familie von Richard von Weizsäcker getötet haben. Er macht den einstigen Bundespräsidenten mitverantwortlich für die Operation Ranch Hand, bei der die USA im Vietnamkrieg durch den Einsatz von Entlaubungsmitteln wie Agent Orange Hundertausende Vietnamesen getötet oder vergiftet haben. Der Lagerist aus Andernach (Rheinland-Pfalz) hat die Tat, deren Ausführung er 30 Jahre lang verfolgt haben will, gestanden.

An jenem Novemberabend war Brahmi Gast eines öffentlichen Vortrages in der Schlosspark-Klinik. Fritz von Weizsäcker sprach zum Thema Fettleber. Brahmi war dort auf Drängen seiner Frau, die sich Sorgen machte. „Weil ich immer so blass war, befürchtete sie, ich könnte etwas mit der Leber haben“, erklärt er. Etwa 30 Frauen und Männer waren zu dem Vortrag erschienen. Am Ende der Veranstaltung ging Brahmi zu Fritz von Weizsäcker, um mit ihm zu reden. Der Arzt sei sehr freundlich gewesen, sagt der Beamte. Dann sei Gregor S. auf den Professor zugestürzt und habe mit einem Messer zugestochen.

Der Kriminalbeamte erinnert sich, dass er sich zwischen den Arzt und den Angreifer gestellt habe. Trotzdem habe Gregor S. immer weiter versucht, zu dem Mediziner zu gelangen. S. sei wie von Sinnen gewesen, habe von Agent Orange geredet und von Blutrausch geschwafelt.

Brahmi schildert, wie der Angreifer auch ihn durch Stiche in den Oberkörper und den Hals schwer verletzte. Schließlich griff Brahmi in das Messer, hielt die scharfe Klinge fest, rang mit dem Angreifer.

„Ich hatte Todesangst“, erzählt der Kriminalist vor Gericht. Er habe gewusst: Wenn er das Messer loslassen würde, wären er und der Professor tot. Er habe nicht geahnt, dass Fritz von Weizsäcker durch den ersten Angriff von Gregor S. tödlich verletzt worden sei.

Brahmi konnte dem Angreifer das Messer entreißen. Gregor S. soll daraufhin wie auf Knopfdruck völlig ruhig geworden sein. Der Beamte erzählt, wie ihm der Schmerz in die zerschnittenen Hände fuhr, wie ihm schlecht wurde und er sich auf den Boden legen musste.

Polizeibeamte, die nur wenig später am Tatort eintrafen, erzählen als Zeugen, dass Gregor S. auf einem Stuhl gesessen habe. Mit übereinander geschlagenen Beinen habe er „ganz ruhig“ die Versuche der Rettungskräfte, Fritz von Weizsäcker zu reanimieren, beobachtet. Gregor S. ließ sich nach Angaben der Polizisten widerstandslos festnehmen. Noch im Vortragssaal stellte er demnach die Frage, ob Fritz von Weizsäcker auch wirklich tot sei.

Bei der ersten, kurzen Vernehmung in einem separaten Raum der Schlosspark-Klinik soll Gregor S. wie ein Wasserfall gesprochen haben. Dabei seien Sätze gefallen wie: „Ich habe das Richtige getan.“ – „Ich habe die Tat aus ganzem Herzen vollbracht.“ Dagegen kam kein Wort des Bedauerns über den Tod des Arztes oder die lebensbedrohlichen Verletzungen des Kriminalbeamten über die Lippen von Gregor S. – auch nicht in seinem Geständnis vor Gericht.

Die Staatsanwältin ist überzeugt, dass Gregor S. die Taten wegen einer psychischen Erkrankung begangen hat. Zwar sei er fähig gewesen, „das Unrecht der Tat einzusehen, aber seine Fähigkeit, nach dieser Einsicht zu handeln“, sei erheblich vermindert gewesen, heißt es in der Anklage.

Auch die Anwälte, die die vier Kinder und die Schwester von Fritz von Weizsäcker vor Gericht vertreten, gehen davon aus, dass sich Gregor S. in all den Jahren in eine wahnhafte Vorstellung hineinsteigerte. Allerdings habe der Angeklagte auch sehr planvoll gehandelt, sagt Stephan Maigné, der Anwalt der Schwester des Getöteten. Gregor S. habe sich für den Vortrag angemeldet. Er habe sich ein Messer und eine Fahrkarte nach Berlin gekauft, dort sein Handy und sein Laptop zerstört. Dann sei er zur Tat geschritten.

Ferrid Brahmi ist seit wenigen Tagen wieder im Dienst. Ob er wieder voll einsatzfähig ist, entscheidet sich Ende der Woche. Er kann seine schmerzenden Hände noch immer nicht richtig bewegen. Der Täter hat ihm mit dem Messer die Nerven von zwei Fingern durchtrennt. Brahmi erzählt von Schlafstörungen und einer posttraumatischen Belastungsstörung, unter der er leidet. Er hätte in einer Tagesklinik eine Therapie machen können. Doch die Klinik schloss – wegen Corona.

Der Prozess wird fortgesetzt.