Kennen Sie das? Immer wenn Sie das Postfach öffnen oder wenn es an der Tür klingelt, schlägt Ihr Herz schneller. Nicht, weil Sie verliebt sind und auf Nachricht von der geliebten Person hoffen, sondern weil Sie arm sind. Weil jeder Brief und jedes Klingeln neuen Ärger bedeuten kann: Das Jobcenter schreibt, dass mal wieder irgendetwas nicht stimmt mit dem Antrag auf Stütze oder auf Wohngeld. Der Vermieter kommt vorbei und will Ihnen sanft beibringen, dass seine Tochter nun die Wohnung übernehmen möchte und Sie nun leider so schnell wie möglich die Wohnung – ihr Zuhause – räumen sollen.

In einer Stadt, wo es kaum noch anständige Wohnungen zu anständigen Preisen gibt. So fühlt es sich an, wenn man arm ist. Solche Geschichten erzählen derzeit auf Twitter Leute unter dem Hashtag #ichbinarmutsbetroffen. Sie erzählen, wie es ist, wenn man durch eine schwere Depression arbeitsunfähig und damit arm wird. Wenn die hohe Stromnachzahlung eine mittlere Katastrophe ist und jeder Versuch, Strom zu sparen, daran auch nichts Wesentliches ändert. Oder wie es ist, nach dem Tagesjob noch nachts arbeiten zu müssen, damit das Geld auch wirklich reicht.

RTL-Fernsehsendungen schaffen ein falsches Bild von Armut

Was allerdings auch immer wieder zu lesen ist: Andere Twitternutzer, die den Armutsbetroffenen erklären, sie sollten doch sparsamer sein, nicht so viel jammern, sich doch einfach mehr anstrengen. Überhaupt würden sich die Armutsbetroffenen doch nur wichtigmachen. Dabei ist Armut nichts, womit man prahlt. Im Gegenteil, man schämt sich ja. Darum ist der besagte Hashtag wichtig: Die Betroffenen bekommen so die Möglichkeit, ihr hartes Leben sichtbar zu machen.

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Zum Autor

Houssam Hamade wohnt in Berlin. Er ist ausgebildeter Sozialwissenschaftler und schreibt für eine Reihe von Medien. Er unterrichtet außerdem angehende pädagogische Fachkräfte zum Thema Inklusion.

Bei vielen scheint das Bild davon, wie Arme sind und wie sie leben, immer noch geprägt zu sein von den Zerrbildern diverser Fernsehsendungen wie „Hartz und herzlich“, die seit 2016 auf RTL II ausgestrahlt wird. Dort sieht man Empfänger von staatlicher Hilfe auf ihren Sofas sitzen oder liegen, immer eine brennende Zigarette in der Hand, daneben ein überlaufender Aschenbecher und eine Flasche River-Cola und dazu noch ein paar Fläschchen Billigwodka. So schafft man sich ein Bild von armen Menschen, die arm sind, weil sie keine Selbstkontrolle haben und nicht arbeiten wollen.

Menschen, die Geld haben, können im Leben neue Anläufe nehmen

Arme gelten vielen als faul und egoistisch. Mit „vielen“ meine ich über die Hälfte der Bevölkerung, die laut der „Mitte-Studie“ 2018/2019 der Meinung sind, Langzeitarbeitslose machten sich „auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben“. Gegen Menschen, „die nicht arbeiten können“, habe natürlich niemand etwas, hört man immer wieder. Die dürften dann aber wirklich nicht arbeiten können. Kein Gliedmaß darf mehr dran sein, heißt das wohl.

Sebastian Wells/OSTKREUZ
Menschen passieren ein Restaurant am S-Bahnhof Savignyplatz. Berlin.

Das Schlimme an diesen Vorwürfen ist, dass man als arme Person sich diese Vorwürfe selbst macht. Wenn wir genau hinschauen, sind wir selten ausschließlich Opfer der Bedingungen. Solche Schicksale gibt es zwar auch. Aber die meisten von uns sind keine perfekten, unfassbar fleißigen und guten Menschen wie aus einer rührseligen Geschichte über fleißige Arbeiter, die immer alles richtig machen und trotzdem arm sind. Wir machen Fehler, wir haben Schwächen, so wie Menschen eben Fehler machen und Schwächen haben. Das ist zwar eine Binsenweisheit, sie ist dennoch wahr.

Arm sein bedeutet eben auch das: Wir können uns diese Schwächen nicht leisten. Bei Menschen mit besseren Lebenschancen führen dieselben Schwächen nur dazu, dass man nicht jedes Ziel erreicht, das man sich gesetzt hat. Wer Geld oder Unterstützung durch eine halbwegs finanzstarke Familie hat, wird durch einen verlorenen Job, eine abgebrochene Ausbildung oder eine plötzliche Krankheit nicht sofort aus der Bahn geworfen, sondern kann einen neuen Anlauf nehmen.

Langfristig macht dauernder Misserfolg etwas mit unserem Selbstbild

Menschen ohne existenzbedrohende Probleme können nicht nur leichter mit Problemen und Krisen umgehen, umgekehrt ist es auch wahr, dass Armut nachweislich Dauerstress erzeugt. Armutsstress senkt mit der Zeit deutlich unsere Konzentration und unsere Leistungsfähigkeit. Ähnlich wie bei einem Rechner, bei dem im Hintergrund zu viele Programme laufen. Dadurch wird er überlastet und die laufenden Programme hängen und funktionieren nicht richtig.

Das weisen der Harvard-Ökonom Sendhil Mullainathan und der Princeton-Psychologe Eldar Shafir in ihrem Buch „Knappheit“ nach. Langfristig macht dauernder Misserfolg etwas mit unserem Selbstbild. Wir wollen aufgeben, wir werden schwach in den Knien. Auch dazu gibt es Studien. Das sind universale Effekte auf die menschliche Psyche.

Die Wirkung davon ist kaum zu unterschätzen. Es zieht massiv „Rechenleistung“, wenn Sie sich dauernd darüber sorgen, woher das Geld für die Miete kommt. Oder erst recht, wenn Sie durch die Armut gezwungen sind, sich in einem Job abzuquälen, den sie hassen und mit dem Sie nicht mal das Geld für ein ordentliches Leben verdienen. Es nimmt uns die Kraft, wenn wir mit unseren Schwächen hadern, mit unserem Selbstwertgefühl kämpfen. Statt Hoffnung haben wir Sorgen und Probleme, die uns erdrücken.

Auf einmal gehöre ich zur Mittelschicht

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Seit einiger Zeit habe ich nämlich endlich das hinter mir gelassen, was man halbherzig „relative Armut“ nennt. Ich war armutsbetroffen. Arm war ich, weil ich als Erwachsener spät das Abitur nachgemacht habe. Dann habe ich studiert und eine Weile gebraucht, um mich beruflich zu etablieren. So war ich mehrere Jahre lang einer dieser „Transferleistungsempfangenden“. Ich schäme mich immer noch dafür, obwohl ich eigentlich weiß, dass ich weder faul war noch sonst wie die Last der Armut verdient hatte.

Inzwischen bin ich zwar immer noch nicht wohlhabend. Aber ich habe das Glück, endlich eine gute Wohnung und einen recht guten Job bekommen zu haben. Ein plötzlicher Wechsel meiner Klassenlage, könnte man sagen: auf einmal gehöre ich zur Mittelschicht. Ich lebe jetzt – ich kann es manchmal immer noch nicht glauben – in einer Wohnung, die ich bezahlen kann und die trotzdem keine Armenwohnung ist. Das heißt: Ich habe Platz, ich habe Licht, ich habe Ruhe. Und einen Job, den ich nicht unerträglich finde. Er bringt mir zumindest so viel Geld ein, dass meine innere Sorgenmachmaschine kaum noch zu hören ist.

Arme suchen nicht den Ärger

Ich kann mir sogar ab und zu eine neue, schöne Hose kaufen, und wenn ich spare, ist wundersamerweise ein Urlaub drin. Leute, die nie arm waren, wissen nicht, wie wichtig Urlaub ist, auch wenn man erwerbslos ist. Urlaub erfrischt und stärkt. Ohne Urlaub und mit Geldsorgen läuft man ständig auf Notstrom, man spürt ständig dieses kalte Kribbeln in den Knochen und ist gereizt.

Sebastian Wells/OSTKREUZ
Obdachloser am Alexanderplatz, Berlin

Dieser plötzliche Wechsel hat eine enorme Wirkung auf mich. Mein innerer Rechner ist nicht mehr ständig überlastet. Es ist, als hätte ich einen neuen Laptop, bei dem alles flutscht, nachdem ich mich jahrelang mit einem alten Schrotthaufen herumquälen musste. Ich bin fokussierter, habe genügend Energie, um das Leben auf die Reihe zu bekommen. Für diesen Text habe ich ein paar Stunden gebraucht und nicht eine Woche, wie früher. Ich spaziere durch meinen Kiez und habe den Eindruck, die Welt sei in Ordnung. „Den Menschen geht es doch gut!“, so mein Eindruck. Das liegt wohl daran, dass man eher wahrnimmt, was man selbst fühlt. Ich bin jetzt, durch die weggefallene Armut, sogar so zufrieden, dass ich neulich auf der Straße ein Streitgespräch mit einem rücksichtslosen Autofahrer ausgelassen habe. Es war mir einfach egal und ich habe ihm einen schönen Tag gewünscht, statt Stress zu suchen.

Niemand müsste in Deutschland arm sein

Ich behaupte nicht, dass die Ursache für jede charakterliche Schwäche immer in der Armut liegt. Selbstverständlich gibt es auch unter Armen Leute, die egoistisch sind und anderen ihre Arbeit aufhalsen. Aber wo gibt es solche Leute nicht? Ein weiterer Einwand wird oft angeführt: Da sei ja diese alleinerziehende Bekannte, die habe Kneipen geputzt und an der Kasse gestanden, während sie ihr Studium in Astrophysik mit summa cum laude abgeschlossen habe. Klar, solche Geschichten gibt es, aber es gibt auch Leute, die 100 Meter in unter zehn Sekunden sprinten. Das heißt nicht, dass jeder Mensch das können oder überhaupt erst versuchen sollte.

Niemand müsste in Deutschland arm sein. Niemand sollte Angst vor dem Inhalt des Postfachs oder vor einer Stromrechnung haben müssen. Es würde der ganzen Gesellschaft besser gehen, wenn nicht Millionen von Menschen von Existenzängsten geplagt würden.

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