Schauspielerin Urte Blankenstein, besser als DDR-Kultfigur Frau Puppendoktor Pille bekannt.
Foto: BLZ/Carsten Koall

BerlinFast jeder, der in der DDR als Kind aufwuchs, kennt sie als Frau Puppendoktor Pille. Schauspielerin Urte Blankenstein (76), die in dieser Rolle von 1968 bis 1988 in über 1000 „Abendgruß“-Folgen des Sandmännchens im DDR-Fernsehen zu sehen war und heute noch mit schwarzer Perücke und der großen Brille auf der Bühne steht. Nun hat sie ein Buch über ihr Leben geschrieben, blickt darin ausführlich auf ihre Kindheit zurück. Davon verbrachte Blankenstein mit ihrer Schwester Elke vier Jahre im DDR-Kinderheim. „Für mich war das alles andere als schlimm. Im Gegenteil, ich habe dort eine sehr schöne Zeit verbracht“, sagt sie im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Wenn Frau Puppendoktor jemandem erzählt, dass sie im Kinderheim war, habe sie manchmal den Eindruck, dem Zuhörern eine recht bittere Pille zu verpassen. „Ich werde bedauert, weil diese Zeit nach jetziger Auffassung für mich eine sehr schreckliche gewesen sein muss. Einige bewundern mich sogar dafür, dass ich nicht kriminell geworden bin“, sagt Blankenstein. „Das zeigt, wie einseitig man diese Heime heute sieht. Ich erlebte dort nicht die Hölle, keinen Missbrauch oder die Gewalt, von denen andere einstige DDR-Heimkinder berichten.

Urte Blankenstein 1966 in der Rolle des Aschenputtel.
Repro: Bernd Friedel

Es ist ihre Sicht der Dinge, die die Schauspielerin in ihrem Buch „Habt ihr Kummer oder Sorgen“ schildert, das sie mit dem  Journalisten Frank Nussbücker schrieb und das ab 15. Oktober im Verlag Bild und Heimat erscheint. „Man muss dazu auch die Zeit betrachten, in der das geschah“, sagt Blankenstein, die im Dezember 1943 zur Welt kam.  „Wir lebten nach dem Krieg in Wismar.  Meine Mutter gehörte zu den vielen Frauen, die ihre Kinder allein aufziehen mussten, weil die Männer im Krieg gefallen oder noch in Gefangenschaft waren. Und mein Vater war weg, weil er uns wegen einer anderen Frau verlassen hat.“

Sie war sieben, als sie ins Heim kam

Blankensteins Heimzeit begann 1951, als sie sieben Jahre alt war. „Mama musste einen richtigen Beruf erlernen, um uns gut versorgen zu können. Sie hatte ja vor dem Krieg nur die Hauswirtschaftsschule besucht. So ging Mama an die Medizinische Fachschule Magdeburg, um später Gemeindeschwester zu werden. Sie lebte in einem Wohnheim, wo kein Platz für uns Kinder war. Verwandte gab es nicht, so blieb Mama nichts anderes übrig, als uns in ein Heim ins nahe Schönebeck zu schicken, bis sie 1955 mit der Ausbildung fertig war.“

Die Schwestern fühlten sich in diesem Heim gut behütet. „Es wohnten dort Waisenkinder, aber auch solche wie wir – Kinder von alleinerziehenden Müttern, die gerade studierten oder im Schichtdienst arbeiteten“, sagt Blankenstein „Wir gingen gemeinsam mit den Kindern aus der Kleinstadt in die Schule, wir hatten genug zu essen, was damals sehr wichtig war, wir spielten mit den Tieren auf dem heimeigenen Bauernhof, gingen ins Kino. Das alles empfand ich wie ein Ferienlager.“

Besonders ist ihr die Heimleiterin in guter Erinnerung geblieben. „Sie war eine ganz besondere Frau, da sie mit uns einen Chor gründete, mit dem wir Kinder sogar zu Auftritten fuhren. Ohne ihre künstlerische Förderung wäre ich vielleicht nicht das geworden, was ich heute bin“, sagt die Schauspielerin.

Geschätzt 500.000  Kinder lebten in der DDR zwischen 1949 und 1989 in Heimen. „Was dort passiert ist, muss man differenziert betrachten und nicht alle Einrichtungen verteufeln“, sagt Blankenstein. Ähnlich sieht es Heide Glaesmer, Professorin für medizinische Psychologie an der Universität Leipzig. Seit Juli leitet sie eine vom Bund geförderte Studie über DDR-Heime, zu der einstige Heimkinder über ihre Erfahrungen befragt werden. 2020 sollen die Ergebnisse vorliegen. „Unser Ziel ist es, ein komplettes Bild über diese Einrichtungen zu zeichnen“, sagt Glaesmer.

Bisher würden in Forschungs- und Medienberichten nur die negativen Seiten dargestellt, erklärt die Wissenschaftlerin. Etwa, dass die Staatsmacht Eltern, die in den Westen wollten oder die Flucht dorthin planten, die Kinder wegnahm und diese in Heime steckten. Dass schwer erziehbare Mädchen und Jungen mit drastischen Maßnahmen auf Staatslinie gebracht wurden. „Doch wie vieles im Leben gibt es auch eine andere Seite“, sagt Glaesmer. „Dass nicht alle Einrichtungen gleich waren, dort Kinder auch ein gutes und behütetes Leben vorfanden, höre ich immer wieder von Menschen, die vor allem in der Nachkriegszeit ihre Kindheit in einem DDR-Heim verbrachten.“